Podiumsdiskussion in Penzberg

In der Kreidezeit

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Penzberg - Wer einen Schlagabtausch erwartet hatte, wurde enttäuscht: Die Podiumsdiskussion der drei Bürgermeisterkandidaten verlief ereignisarm.

Nachdem Rotkäppchen durch den Wald spaziert und im Haus der Großmutter angelangt war, da begrüßte sie der mit dem Dutt der Alten verkleidete Wolf in säuselnder Tonlage: „Was hast Du denn Deiner Großmutter mitgebracht?“ Elke Zehetner hat es noch ärger erwischt an diesem Donnerstag in der Stadthalle. Bei ihr grinsen gleich zwei Wölfe aus dem Bett mit, so meint man, dem festen Vorsatz, sich den zugegebenermaßen nicht allzu fetten Braten sogleich zu teilen. Doch von wegen Wölfe: Richard Kreuzer und Wolfgang Sacher haben an diesem Abend höchstens das Zeug zum Bettvorleger. Statt sich die Unschuld aus Siebenbürgen einfach einzuverleiben, säuseln sie mit ihr um die Wette. Am Ende sieht das Publikum drei Rotkäppchens auf der Bühne sitzen, von denen man am Ende kaum sagen kann, wer nun harmloser war. Zwei Schränke von der Feuerwehr stehen breitbeinig vor dem Eingang in die Stadthalle. „Wegen Überfüllung geschlossen“, raunzen sie. 

Wegen Überfüllung geschlossen

Das Interesse ist enorm an diesem ersten und einzigen Aufeinandertreffen der drei Bürgermeister- kandidaten: Hier die parteifreie Zehetner für die SPD, dort Kreuzer und Sacher, zwei ehemalige Genossen, die nun für CSU und BfP am Werk sind, weshalb Zehetner die Bitte des Moderators nach einem freundlichen Satz über ihre Konkurrenten sehr treffend beantwortet: „Ich finde, dass beide ausgesprochen flexibel sind.“ Ein Satz, über den man nachdenken muss, weshalb das Lachen im Saal erst mit einiger Verspätung eintritt. Der Moderator ist übrigens Thomas Schustereder, ein Profi vom Bayerischen Rundfunk, der es gewohnt ist, vor vielen Menschen zu reden, weshalb die Plauderei erstens sehr locker und zweitens angenehm bayerisch gefärbt daher- kommt. Was aber drittens nichts an dem Eindruck ändern kann, als sei Schustereder das vierte Rotkäppchen auf der Bühne, so voller inhaltlicher Säuselei kommen seine Fragen daher. Beispiel: Was würde denn ihre erste Amtshandlung sein? Also, Sacher möchte sich sein Büro schön einrichten, Kreuzer mit Noch-Bürgermeister Hans Mummert einen Maibaum aufstellen und Zehetner die Mitarbeiter im Rathaus kennen lernen. Und noch eine Kostprobe:  Was müssen die Penzberger über die Kandidaten wissen? „Ich bin ordnungsliebend und kritiksüchtig und ich zahne nicht nur von den Plakaten, denn das ist mein Wesen“, sagt Zehetner. „Ich bin Blutspender, habe aber Angst vor der Spritze“, sagt Sacher. „Ich wohne seit 53 Jahren in Penzberg, da wissen die Penzberger alles über mich“, sagt Kreuzer. So mäandriert das Gespräch vor sich hin und am Tiefgang vorbei.  

Stresstest zum Thema Gewerbesteuer

Dann kommt die Rede auf die Finanzlage der Stadt, die nach dem Ausfall bei der Gewerbesteuer einem Stresstest unterzogen wird. Man freut sich, weil man denkt, dass jetzt wenigstens einer endlich mal den Wolf gibt. Naja, weil man inzwischen schon etwas bescheidener geworden ist, wird diese Erwartung zumindest in Ansätzen erfüllt. Kreuzer referiert die Grundzüge seines wenige Stunden zuvor präsentierten finanzpolitischen Aktions- programms, in dem was von einer 20 Millionen Euro schweren Rücklage, die man bilden soll, ebenso zu lesen ist, wie von kreativen Ideen, um noch mehr Zuschüsse und Fördermittel an Land zu ziehen. Und das Wellenbad, dessen Sanierung muss man erst einmal bis mindestens 2016 verschieben. Dann folgt Sacher, bei dem man den Eindruck hat, als würde er sich an den vielen Zahlen, die er im Sekundentakt in die Stadthalle spuckt, ebenso verschlucken wie der Wolf an der Großmutter. Schwere Kost, die da im Magen liegt. Er sei gewiss kein Schwarzmaler, meint Sacher, um sogleich schwarz zu malen. Am Ende bleibt im Gedächtnis haften, dass Penzberg jetzt gerade einen Super-GAU erlebt und er, Sacher, das Wellenbad bereits abgeschrieben hat und den Anbau ans Stadtmuseum „auf der Kippe“ stehen sieht. Elke Zehetner hat Siebenbürgen schon als Kind verlassen und lebt mittlerweile lange genug in Penzberg, um sich verwundert die Augen zu reiben und mit großen Rotkäppchenaugen zu Sacher zu sagen: „In einer solchen Stadt möchte ich nicht Bürgermeister werden.“ Weil sie aber sehr wohl Bürgermeister werden will, war für jeden klar, was sie von Sachers Endzeitszenario hält: nichts. Penzberg gehe es gut, schließlich habe die Stadt rund 200 Millionen Euro an Grund- und Immobilienbesitz, sagte sie, deshalb dürfe man Äpfel nicht mit Birnen verwechseln. Und deshalb bot sie Sacher, dem Kämmerer von Schäftlarn an, eine Schulung über kommunale Haushalte zu machen. Das war dann auch schon der emotionale Höhepunkt dieses Abends, als der halbe Saal geklatscht hat und man aus den Reihen von Sachers BfP etwas zischen hörte, das verdächtig nach Oberlehrerin klang. 

Abschied in die Kreidezeit

Danach verabschiedeten sich alle drei sofort wieder in die Kreidezeit, in der man offenbar ganz besonders höflich miteinander umgegangen ist. Und weil der höfliche Herr Schustereder alles unternahm, nur keine kritische Frage zu stellen, ging das kommunalpolitische Eiskunstlaufen munter weiter. Wobei man sich hier eher an den Eistanz erinnert sah, wo ja weniger das technische Können als vielmehr der künstlerische Gesamteindruck zählt. Und da schlug sich Zehetner, die sich in einem unvorsichtigen Moment zu Beginn der Diskussion noch freimütig als Außenseiterin in diesem Dreikampf bezeichnet hatte, recht wacker. Das Frausein, die großen, dunklen Augen und das, wie sie sagt, zu ihrem Wesen zählende Zahnen, also der wie auf Kommando angeknipste Grinseblick, haben ihr da zweifellos geholfen. Zumal da auch noch ein Wortwitz hervor blitzte, den man hinter der bislang vor allem auf Grinsen ausgelegten Kampagne der SPD gar nicht vermutet hätte. Sacher wiederum zeigte, dass drei Medaillen bei den Paralympics noch keine Empfehlung für die Kommunalpolitik sind, aber durchaus eine Schule fürs Leben sein können. Wer bei Blickpunkt Sport und im ZDF in der Lage ist, Pluspunkte zu sammeln, für den ist die Stadthalle keine Herausforderung. Sacher war gelöst, lachte viel und plauderte gar nicht einmal schlecht gegen das BfP-Image der ewigen Neinsager an. Kreuzer hatte es da nicht ganz so leicht, zumal er weder über weiblichen Charme verfügt noch jemals einen Anlass geboten hätte, um ihn bei Blickpunkt Sport auftreten zu lassen. Dabei hat ihn die Bürgermeisterkandidatur schon viel lockerer werden lassen. Dafür bekam Kreuzer an diesem Abend ein Kompliment von dem, von dem er es wohl am allerwenigsten erwartet hätte: von Sacher. Der sagte nämlich über Kreuzer: „Der ist einer der besten Politiker, den wir im Stadtrat haben.“ Elke Zehetner wiederum gebührt der Preis für das schönste Bild an diesem Abend. Sie nannte die Gewerbesteuer ein „scheues Reh“ und meinte damit wohl, dass sich die Gewerbesteuer immer dann vom Acker macht, wenn man zu sehr auf sie hofft. Da hat sie nicht ganz Unrecht, wie das echte Rotkäppchen, das am Ende auch gewonnen hat. Das echte Rotkäppchen musste aber auch einen richtigen Wolf bezwingen. Und nicht zwei andere Rotkäppchen. André Liebe (mehr in der Printausgabe am Mittwoch)

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