Fahrtest

Die perfekte Nocke: Die BMW R 1250 RT im Test

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Wir haben uns die BMW R 1250 RT genauer angeschaut und auf Herz und Nieren getestet.

Erst vor Kurzem feierte die BMW R 1250 RT ihre Weltpremiere auf der Motorradmesse Intermot – nun steht sie für einen ersten Fahrtest vor uns.

Dass die Kilometer bei herbstlichen Temperaturen und Wetter abgespult werden müssen, stört nicht, denn unser Exemplar ist mit Griff- und Sitzheizung ausgestattet und hat eine elektrisch verstellbare Windschutzscheibe. Alles außer Schnee und Eis kann uns also nicht schrecken. Nicht einmal die Dimensionen und das Gewicht des Luxustourers. 279 Kilogramm bringt der auf die Waage und mit montierten Koffern ist er 99 Zentimeter breit.

Die inneren Werte der BMW R 1250 RT

Bevor die Fahrt beginnt, sollte man sich aber erst einmal die inneren Werte vergegenwärtigen, um die Neuerungen richtig einschätzen zu können. Äußerlich gleicht die neue BMW nämlich ziemlich der Vorgängerin, nur der kleine Schriftzug "R 1250 RT" an den Verkleidungsseiten zeigt an, dass da was Neues drin steckt. Das ist insbesondere der Boxermotor, der gleichzeitig in der neuen 1250 GS und der 1250 RT debütiert, und bei dem die sogenannte Shift-Cam-Technik Anwendung findet.

Dank derer werden die Einlassventile variabel gesteuert, was eine optimierte Verbrennung des Kraftstoffs ermöglicht. Folge: mehr Leistung, ein höheres Drehmoment, ein geringerer Verbrauch und sauberere Abgase. Technisch ermöglicht wird dies, weil es an der Nockenwelle nun einen Bereich gibt, der bei Teillastbetrieb arbeitet, und einen, der bei Volllast zur Anwendung kommt. Passend zur jeweiligen Drehzahl ist also stets die perfekte Nocke im Einsatz. Und weil der Wechsel zwischen den Voll- und Teillastnocken gerade mal fünf Millisekunden dauert, bekommt der Fahrer vom hin und her der Nocken nix mit. Er kennt aber die neuen Werte: Statt 125 PS leistet die neue RT nun 136 PS (bei 7.750 U/min), statt 125 Nm maximales Drehmoment stehen nun satte 143 Nm (bei 6.500 U/min) als Maximalwert zur Verfügung.

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Das Cockpit

Genug der Theorie. Schreiten wir zur Praxis und nehmen Platz auf dem üppig dimensionierten und angenehm gepolsterten Fahrersitz. Dank Keyless Ride (310 Euro) genügt ein Druck auf das zentral angebrachte Lenkschloss, um die Systeme zu aktivieren. Wie bei BMW üblich, ist das dominierende Multifunktionsdisplay im Cockpit (das zum persönlichen Komfort individuell in der Neigung einstellbar ist) übersichtlich und informativ, es gibt viel abzulesen, aber alles kommt klar und deutlich beim Piloten an. Man kann sich etliche Minuten in die mannigfaltigen Einstellmöglichkeiten vertiefen, wer aber einmal das System BMW begriffen hat, lässt sich auch nicht davon irritieren, dass beispielsweise am Kombischalter am linken Lenkerende zehn Funktionen betätigt werden können, und dazu kommt noch das Multi-Controller-Rändelrad, mit dem man sich durchs Einstellungs-Menü dreht.

Auf der Autobahn erreicht die BMW R 1250 RT eine Spitzengeschwindigkeit von 225 km/h.

Start frei!

Vor dem Druck auf den Startknopf ist dann erst einmal Suche angesagt: Der Seitenständer befindet sich nämlich für den Fahrer fast unsichtbar unter linkem Zylinderblock und benötigt etwas Gefühl und Übung zum Einklappen. Seltsamerweise gibt es keinen entsprechenden Warnhinweis im Cockpit, in dem sonst kein möglicher Problemfall unangezeigt bleibt. Mit ausgeklapptem Seitenständer losfahren geht trotzdem nicht, denn die RT lässt sich bei eingelegtem Gang nicht starten bzw. geht beim Gang einlegen aus. Masse und Größe des Luxustourers flößen zwar im Stand eine ordentliche Portion Respekt ein und benötigen zum Rangieren eine gute Portion Muskelschmalz, aber sitzt man erst einmal drauf, ist alles halb so wild und ist die R 1250 RT erst einmal in Bewegung, geht es fast wie von selbst.

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Das erste Aha-Erlebnis gibt es beim Einlegen des ersten Ganges. In früheren Boxermodellen war dies bei kaltem Öl bisweilen mit sehr lauten und sehr mechanischen Geräuschen und der Angst verbunden, im Inneren des Getriebes einen üblen Zahnrad-Salat anzurichten. Bei der neuen RT spürt und hört man ein sanftes Klacken und die Cockpitanzeige signalisiert, dass Gang eins eingelegt ist. Ebenso sanft setzt der Antriebsstrang im Zweizylinder die Befehle über den Gasgriff um, und so rollt das fast acht Zentner schwere Schiff ganz gediegen vom Hof.

Die ersten Kilometer, auf denen man noch weit entfernt von der Betriebstemperatur ist, ist man total beeindruckt vom sauberen, sanften und geräuscharmen Gangwechsel und der exakten Gasannahme. Man gewöhnt sich schnell daran. Und genießt dann, wie unspektakulär und dennoch kraftvoll der Boxer durchzieht. Die Leistung wird kontinuierlich abgegeben, auf der Autobahn bis zur Höchstgeschwindigkeit von 225 Stundenkilometern. Da macht das entspannte Bummeln (auch mit Tempomat – im 1360 Euro teuren Touren-Paket enthalten) mindestens genausoviel Spaß wie das zügige Kilometerfressen. Die RT zieht souverän ihre Bahn, stets stabil und auch in sehr zügig gefahrenen Kurven absolut ruhig – obwohl man bei montierten Koffern ja eigentlich nur maximal 180 km/h schnell fahren dürfte.

Den Einsatzbereich sollte man aber nicht nur aufs Geradeausbolzen beschränken, denn die RT lässt sich auch formidabel auf kleinen und kleinsten Straßen bewegen. Da spielt es keine Rolle, wie gut oder schlecht der Belag ist und ob die Kurven enge oder weite Radien haben. Unser Exemplar war – wie so ziemlich alle verkauften Modelle – mit aufpreispflichtigem elektronischem Fahrwerk (im Touren-Paket) und dynamischer Traktionskontrolle (im 420 Euro teuren Dynamik-Paket) ausgestattet, dank der die BMW dem Fahrer viel Arbeit erspart, so dass er sich voll auf den Weg und den Fahrgenuss konzentrieren kann.

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Dabei entwickelt man mit der R 1250 RT durchaus dynamische Qualitäten und bewegt die üppige Bayerin gerne auch in flottem Tempo. Die Gänge lassen sich dabei so leicht und exakt wechseln, dass man auf die Dienste des an unserem Exemplar eingebauten Schaltassistenten Pro (425 Euro extra) oft freiwillig verzichtet. Zu schätzen lernt man auch bei notwendiger Negativ-Beschleunigung das Potenzial der Bremsen, die bei beherztem Zug am Hebel die Fuhre effektiv und sicher verzögern. An Bord war auch der intelligente Notruf, für den man gerne 310 Euro zusätzlich investiert, auch wenn man ihn hoffentlich nie aktivieren muss. Außerdem verfügte unsere RT über den neuen Bremsassistenten Dynamic Brake Control – als Bestandteil des Touren-Pakets. Dabei wird bei Notbremsungen automatisch das Motordrehmoment reduziert, was zum einen die Bremsleistung erhöht und zum anderen vor ungewollter Gasbetätigung in einer Ausnahmesituation schützt.

Mit einer Tankfüllung schafft die BMW R 1250 RT rund 400 Kilometer.

Erfreulich leicht lässt sich die Touren-BMW auch im Stadtverkehr bewegen. Da braucht man keinen Gedanken ans Gewicht verschwenden, denn souverän dirigiert man sie im Stop and Go, quert Tramgleise und fährt lässig über Längsrillen und auch das Anfahren am Berg, das höchstes Peinlichkeits-Potenzial birgt, wird dank serienmäßiger Berganfahrhilfe Hill Start Control zum Kinderspiel. Nicht nur Fahrschüler werden da neidisch, denn diese aktiviert sich automatisch an Steigungen von fünf Prozent und mehr und kann auf ebener Straße wie eine Handbremse angewandt werden. Gewöhnungsbedürftig ist die automatische Blinkerrückstellung, die eigentlich ein sinnvoller Beitrag gegen das Vergessen sein sollte. Ab Tempo 100 stellt der Fahrtrichtungsanzeiger bereits nach fünf mal blinken die Arbeit wieder ein – auf der Autobahn ist beim Spurwechsel also erhöhte Aufmerksamkeit angesagt.

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Verbrauch

Nach knapp 1.200 Kilometern ermittelten wir einen Verbrauch von 6,0 Litern auf 100 Kilometer. Bei gemütlicher Landstraßentour waren es gerade mal fünf Liter, bei sehr zügiger Autobahnfahrt genehmigte sich die RT deutlich über sieben Liter. Dank 25-Liter-Tank sind also – zumindest theoretisch – Etappen von über 400 Kilometern möglich.

Ausstattung und Preis

Ein billiges Vergnügen war der Erwerb der weiß-blauen Reise-Tourer noch nie. Das setzt sich auch bei der R 1250 RT fort: Als Basispreis stehen 18.000 Euro auf der Liste. Vermutlich wird aber kein Käufer nur diese Summe auf den Tisch legen, sondern deutlich mehr. Unser Testexemplar in der Ausstattungsvariante Sport hatte Upgrades, wie BMW die Extras nennt, für rund 7.500 Euro an Bord. Mit Navi, Soundsystem, Sonderlackierung und diversen Frästeilen kann man die 30.000-Euro-Marke überschreiten. Nicht nur das Fahrvergnügen ist fast grenzenlos – das ist auch der Preis.

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Fazit

Dementsprechend fällt auch das Fazit aus: Die BMW R 1250 RT ist ein famoses Tourenmotorrad, das alle Fahrsituationen zwischen gemütlich und sportlich souverän meistert, das an Leistung, Drehmoment und beim Schaltvorgang merklich zugelegt hat, das auf breiten Straßen genauso Spaß macht wie auf engen Wegen – aber für das auch ein fürstlicher Preis bezahlt werden muss.

Technische Daten

Motor

flüssigkeitsgekühlter Zweizylinder-Boxermotor

mit 1.254 ccm Hubraum

Leistung

136 PS (100 kW) bei 7.750 U/min

Drehmoment

143 Nm bei 6.250 U/min

Höchstgeschwindigkeit

225 km/h

Radstand

1.485 mm

Sitzhöhe

805 bis 825 mm

Gewicht (vollgetankt)

279 kg

Tankinhalt

25 Liter

Testverbrauch

6,0 Liter

Preis

18.000 Euro

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Volker Pfau

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Crossovermodelle kennzeichnen zum Beispiel eine höhere und aufrechtere Sitzposition wie bei der Ducati Multistrada. Foto: Ducati/dpa-tmn
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Retro-Bike: Die Ducati Scrambler ist ein neues Motorrad mit einer Optik, die an klassische Maschinen erinnert. Foto: Giuliana Casadei/Ducati/dpa-tmn
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Die BMW 1200 GS gehört zu den große Reiseenduros. Foto: Arnold Debus/BMW/dpa-tmn
Die BMW 1200 GS gehört zu den große Reiseenduros. Foto: Arnold Debus/BMW/dpa-tmn © Arnold Debus
Vollverkleidet für die große Reise: Reisetourer wie die BMW K 1600 GTL. Foto: Arnold Debus/BMW/dpa-tmn
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