Michaela Kaniber im Interview

Agrarministerin zur Anbindehaltung: „Einfach weiter so geht nicht mehr“

Kühe in einem Stall mit Anbindehaltung
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Ein Auslaufmodell? Die ganzjährige Anbindehaltung ist in Bayern noch verbreitet, aber umstritten.

In ihrer Regierungserklärung hat Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber den Einstieg in den Ausstieg aus der Anbindehaltung angekündigt. Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt sie, warum sie dabei nicht auf einen Stichtag setzen will und welche Investitionen sie Landwirten nun empfiehlt.

Frau Kaniber, Sie haben den Einstieg in den Ausstieg der Anbindehaltung angekündigt. Wie wollen Sie das schaffen?

Mit einer Beratungsoffensive und mit einer noch mal verbesserten Förderung. Wir haben nach wie vor rund 10 000 Betriebe in Bayern, die Anbindehaltung ganzjährig betreiben. Davon wollen wir am liebsten alle auf dem neuen Weg mitnehmen. Die Landwirtschaftsämter gehen auf die Betriebe zu und loten aus: Kann aus einem Anbindestall ein Laufstall werden? Gibt es einen direkten Weidezugang? Wie kann mehr Tierwohl ermöglicht werden? Erste Rückmeldungen aus den Ämtern zeigen: Die Telefone laufen heiß. Viele wollen die Beratung in Anspruch nehmen.

Agrarministerin Michaela Kaniber.

Alle 10 000 Betriebe werden Sie mit Ihrer Beratung nicht erreichen. Was machen Sie mit den anderen?

Ich weiß, dass das ein Kraftakt ist. Aber wer langfristig in der Milchproduktion bleiben will, sucht ohnehin den Kontakt zu uns. Wenn jemand seinen Betrieb lieber neu ausrichten will, dann ist das auch in Ordnung: Rindermast statt Milchviehhaltung zum Beispiel. Den ein oder anderen bäuerlichen Familienbetrieb werden wir aber leider auch verlieren, zum Beispiel, wenn ohnehin ein Hofnachfolger fehlt.

Wird es ein festes Datum geben, ab dem die ganzjährige Anbindehaltung nicht mehr erlaubt ist?

Was wir gerade im Verbraucherverhalten erleben, ist eine wachsende, tiefe Überzeugung, Lebensmittel aus tierwohlgerechter Haltung zu konsumieren. Folglich haben sich viele Molkereien zum Ziel gesetzt, ab dem Jahr 2025 keine Milch aus ganzjähriger Anbindehaltung mehr abzuholen. Der Handel zieht hier mit. Damit ist das Datum ja schon mehr oder weniger gesetzt.

Also bestimmt der Markt den Ausstieg?

Der Freistaat Bayern hat den letzten Anbindestall 1991 gefördert. Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht. Im Prinzip wissen die Bauern seit dieser Zeit, was auf sie zukommt. Einfach weiter so wie bisher geht nicht mehr. Sonst steht künftig nur noch Weidemilch aus Irland oder Norddeutschland in unseren Supermarktregalen. Die Themen Tierwohl und Umweltschutz sind ja keine vorübergehenden Erscheinungen, das sind tiefgreifende Bewusstseinsveränderungen bei den Verbrauchern.

Viele Bauern setzen auf Kombi-Haltung, den Mix aus Anbindehaltung und Weide. Hat das Zukunft?

Ich habe mich für diese Haltungsform starkgemacht, weil sie zum Beispiel für Almgebiete eine angemessene Lösung ist. Aber zur Ehrlichkeit gehört auch: Wer langfristig in der Milchproduktion bleiben will, sollte alles daransetzen, jetzt schon einen großen Schritt zu gehen, und nicht immer nur das gerade Notwendige tun. Es gibt auch viele maßgeschneiderte Umbaulösungen hin zum Laufstall, die für kleinere Betriebe geeignet sind. Und da ist es übrigens nicht hilfreich, wenn sich mit Hubert Aiwanger ein Kabinettsmitglied hinstellt und Zweifel streut, ob das mit diesen Tierwohlställen wirklich der richtige Weg ist. Das ist in etwa so, als würde mir ein Arzt bei gesundheitlichen Problemen zum Weiter-so raten, nur weil die Wahrheit vielleicht unangenehm ist.

Würden Sie einem Landwirt heute empfehlen, in die Kombi-Haltung zu investieren?

Das fragen mich Landwirte immer wieder. Da kann ich nur die Empfehlung abgeben, einen Laufstall zu bauen, wenn man langfristig in der Milchproduktion bleiben will. Wenn möglich sogar mit direktem Weidezugang. Das kann natürlich nicht jeder. Aber jede andere Empfehlung wäre unverantwortlich. Die Bauern brauchen eine ehrliche, verantwortungsvolle, verlässliche Antwort und sie brauchen Planungssicherheit. Das sind wir, die diese Planungssicherheit mit langfristigen Empfehlungen schaffen, nicht diejenigen, die zum „Augen zu und durch“ raten.

Die Bauern sagen, dann müssen aber auch beim Baurecht die Bedingungen für neue Tierwohlställe geschaffen werden.

Das ist richtig. Gerade die Vorgaben zum Immissionsschutz sind da ein Problem. Wir wollen – und dazu bin ich schon mit Umweltminister Thorsten Glauber im Gespräch – eine Verordnung erreichen, mit der die kleineren bayerischen Betriebe von diesen strengen Regeln entlastet werden. Aber eines ist klar: Wir alle fordern mehr Tierwohl, dann müssen wir es aber auch zulassen und akzeptieren. Und ich wehre mich dagegen, dass im Immissionsschutz an unsere bäuerlichen Familienbetriebe die gleichen Parameter angelegt werden wie an Großbetriebe im Norden und Osten.

Interview: Dominik Göttler

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