„Alle schauen weg und schweigen“

Das Skandal-Heim vom Schliersee: Schwere Vorwürfe gegen Pflegekräfte - Ermittlungen nach 17 Todesfällen

Ein Schild mit der Aufschrift „Seniorenresidenz Schliersee“ steht vor der Einrichtung in Oberbayern. Die Staatsanwaltschaft München II ermittelt wegen Körperverletzungsdelikten bei 88 Bewohnern und prüft 17 Todesfälle.
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Die Staatsanwaltschaft München II ermittelt wegen Körperverletzungsdelikten bei 88 Bewohnern und prüft 17 Todesfälle in der bayerischen Seniorenresidenz Schliersee.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt in 115 Fällen gegen ein Pflegeheim am Schliersee. 17 Todesfälle gilt es aufzuklären. Es stehen schwere Vorwürfe im Raum.

Schliersee – Zwei Tage hat Silvia H. (Name geändert) ausgehalten. Dann hat sie ihren Vater aus der Seniorenresidenz Schliersee geholt. Der 90-Jährige war nach einer Lungenentzündung zur Pflege dorthin gekommen. H. hat viel Zeit an seinem Bett gesessen. Und Szenen beobachtet, die kaum zu ertragen waren, wie sie berichtet. Pflegekräfte, die nicht mal mit einem Fieberthermometer umgehen konnten. Senioren, die hungern mussten, weil sie nicht die nötige Hilfe bekamen, um ihre Mahlzeiten zu essen. Ihr Vater bekam ein Zimmer, in dem die Heizung kaputt war. Trotz Lungenentzündung. Als H. ihn am zweiten Tag besuchte, hatte er überall Hämatome. „Ich vermute, dass er geschlagen wurde“, sagt sie. Beweisen kann sie es nicht. Sie ließ ihn sofort wieder ins Krankenhaus verlegen.

Das alles passierte noch vor der Corona-Pandemie*. H. Vater starb kurz darauf im Krankenhaus. Oft hat sich die Münchnerin in den Monaten danach gefragt, was die Bewohner des Schlierseer Heims wohl gerade ertragen müssen. Besonders in einer Zeit, in der wegen der Pandemie keine Angehörigen bei ihnen sein durften und auch Heimaufsicht und MDK nicht mehr regelmäßig prüfen konnten.

Schliersee: Heftige Vorwürfe gegen Pflegeheim - Betreiber bestreitet alle Vorwürfe

Die Seniorenresidenz ist seit Jahren in der Kritik. Der italienische Betreiber bestreitet jedoch alle Vorwürfe. Wie berichtet, ermittelt auch die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts von Körperverletzung in 88 Fällen. Auch 17 Todesfälle werden untersucht. Es soll in dem Heim verwahrloste und unterernährte Personen gegeben haben. Der Leiter des Gesundheitsamtes in Miesbach hatte im Mai 2020 Strafanzeige gestellt. Damals wurden Bundeswehrsoldaten zur Unterstützung im Heim eingesetzt und viele Missstände kamen ans Licht.

Schreckensberichte aus Schlierseer Heim - „Alle schauen weg und schweigen“

Der Pflegeexperte Claus Fussek besitzt einen ganzen Ordner voller Schreckensberichte aus dem Schlierseer Heim. „Seit zehn Jahren stehen dieselben Vorwürfe im Raum.“ Für Fussek ist das ein Komplettversagen. „Alle schauen weg und schweigen“, schimpft er. „Pflegekräfte, Ärzte, Sanitäter, Krankenhäuser, Landratsamt – sogar viele Angehörige.“ Pflegeheime seien rechtsfreie Räume – das kritisiert Fussek schon seit Jahren. Durch die Pandemie habe sich die Situation aber weiter verschärft. Kranke, hilflose und besonders schutzbedürftige Menschen würden nun völlig ihrem Schicksal überlassen. „Das passiert seit zehn Jahren mitten in Oberbayern. Wie kann so ein Heim noch einen Versorgungsvertrag haben?“, fragt er. 

Bayern: Pflegeskandal in Heim am Schliersee? Behörden gingen nicht allen Vorwürfen nach

Das Landratsamt Miesbach betont, die Heimaufsicht habe wegen den häufigen Betreiberwechseln in der Einrichtung nicht allen Vorwürfen nachgehen können. Landrat* Olaf von Löwis (CSU*) räumte das gegenüber dem BR ein. Ende Februar fanden Hausdurchsuchungen bei den vier Beschuldigten statt, drei sind ehemalige oder aktive Mitarbeiter im Heim. Die Kripo hat rund 150 Zeugen befragt. Doch das Heim ist noch immer offen. Allerdings hat Löwis inzwischen einen eigenen Fachbereich im Landratsamt eingerichtet, eine Mitarbeiterin sei auch beurlaubt worden. Er betont: „Es liegt kein Stein mehr auf dem anderen.“ 

Dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK), der für die Prüfungen zuständig ist, sind die Hände gebunden. Die Mitarbeiter kommen einmal jährlich zu einer Regelprüfung in die 4000 bayerischen ambulanten und stationären Einrichtungen. Während der Pandemie war das monatelang nicht möglich, berichtet Marianna Hanke-Ebersoll, die beim MDK den Bereich Pflege leitet. Deshalb seien 2020 nur gut 800 Einrichtungen regulär kontrolliert worden. „Dazu kommen aber nicht angekündigte Anlass-Prüfungen“, erklärt sie. Wenn konkrete Vorwürfe im Raum stehen. In der Schlierseer Seniorenresidenz war das 2020 zweimal der Fall. Der vom MDK ausgestellte Qualitätsbericht legt gravierende Mängel offen. „Das Ergebnis ist definitiv nicht gut“, sagt Hanke-Ebersoll. Und zwei Anlassprüfungen im Jahr seien ungewöhnlich viel.

Die Ergebnisse der Kontrollen gehen an die Arbeitsgemeinschaft der Pflegekassenverbände (ARGE). Die wiederum fordert die Betreiber auf, nachzubessern und setzt eine Frist. Ein Heim schließen könne aber nur die Heimaufsicht des Landratsamtes. Auch Hanke-Ebersoll wundert sich, dass das bislang nicht passiert ist. Eine Heimschließung sei die ultima ratio, betont ein Sprecher des Gesundheitsministeriums, das mit dem Landratsamt bereits in Kontakt ist. Mildere Konsequenzen wären beispielsweise ein Aufnahmestopp. Den hat Löwis bereits im Mai 2020 verhängt. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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