Skandal-Heim erneut in der Kritik

Vorwürfe gegen Pflegeheim: Staatsanwaltschaft ermittelt in Seniorenresidenz Schliersee

Die Seniorenresistenz in Schliersee
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In der Schlierseer Seniorenresidenz ermittelt die Staatsanwaltschaft. Die Vorwürfe sind gravierend.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt in der Seniorenresidenz Schliersee. Es geht um 88 Fälle von Körperverletzung, auch 17 Todesfälle werden untersucht. Die Pandemie hat die Kontrollen erschwert – doch das Heim stand schon lange vor Corona in der Kritik.

Zwei Tage hat Silvia Höbel (Name geändert) ausgehalten. Dann hat sie ihren Vater aus der Seniorenresidenz Schliersee geholt. Der 90-Jährige war nach einer Lungenentzündung zur Pflege dorthin gekommen. Höbel hat viel Zeit an seinem Bett gesessen. Und Szenen beobachtet, die kaum zu ertragen waren, wie sie berichtet. Pflegekräfte, die nicht mal mit einem Fieberthermometer umgehen konnten. Senioren, die hungern mussten, weil sie nicht die nötige Hilfe bekamen, um ihre Mahlzeiten zu essen. Ihr Vater bekam ein Zimmer, in dem die Heizung kaputt war. Trotz Lungenentzündung. Als Höbel ihn am zweiten Tag besuchte, hatte er überall Hämatome. „Ich vermute, dass er geschlagen wurde“, sagt sie. Beweisen kann sie es nicht. Sie ließ ihn sofort wieder ins Krankenhaus verlegen.

Das alles passierte vor der Pandemie. Höbels Vater starb kurz darauf im Krankenhaus. Oft hat sich die Münchnerin in den Monaten danach gefragt, was die Bewohner des Schlierseer Heims wohl gerade ertragen müssen. Besonders in einer Zeit, in der wegen der Pandemie keine Angehörigen bei ihnen sein durften und auch Heimaufsicht und MDK nicht mehr regelmäßig prüfen konnten.

Alle haben weggeschaut und geschwiegen. Pflegekräfte, Ärzte, Sanitäter, Krankenhäuser, Landratsamt - sogar viele Angehörige.

Pflegeexperte Claus Fussek

Die Seniorenresidenz Schliersee ist seit vielen Jahren in der Kritik. Der italienische Betreiber bestreitet jedoch alle Vorwürfe. Wie berichtet ermittelt auch die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts von Körperverletzung in 88 Fällen. Auch 17 Todesfälle werden untersucht. Es soll in dem Heim verwahrloste und unterernährte Personen gegeben haben. Der Leiter des Gesundheitsamtes in Miesbach hatte im Mai 2020 Strafanzeige gestellt. Damals wurden Bundeswehrsoldaten zur Unterstützung im Heim eingesetzt und viele Missstände kamen ans Licht.

Der Pflegeexperte Claus Fussek besitzt einen ganzen Ordner voller Schreckensberichte aus dem Schlierseer Heim. „Seit zehn Jahren stehen dieselben Vorwürfe im Raum.“ Für Fussek ist das ein Komplettversagen. „Alle schauen weg und schweigen“, schimpft er. „Pflegekräfte, Ärzte, Sanitäter, Krankenhäuser, Landratsamt – sogar viele Angehörige.“ Pflegeheime seien rechtsfreie Räume – das kritisiert Fussek schon seit Jahren. Durch die Pandemie habe sich die Situation aber weiter verschärft. Kranke, hilflose und besonders schutzbedürftige Menschen würden nun völlig ihrem Schicksal überlassen. „Das passiert seit zehn Jahren mitten in Oberbayern. Wie kann so ein Heim noch einen Versorgungsvertrag haben?“, fragt er.

Das Landratsamt Miesbach betont, die Heimaufsicht habe wegen den häufigen Betreiberwechseln in der Einrichtung nicht allen Vorwürfen nachgehen können. Landrat Olaf von Löwis (CSU) räumte das gegenüber dem BR ein. Ende Februar fanden Hausdurchsuchungen bei den vier Beschuldigten statt, drei sind ehemalige oder aktive Mitarbeiter im Heim. Die Kripo hat rund 150 Zeugen befragt. Doch das Heim ist noch immer offen. Allerdings hat Löwis inzwischen einen eigenen Fachbereich im Landratsamt eingerichtet, eine Mitarbeiterin sei auch beurlaubt worden. Er betont: „Es liegt kein Stein mehr auf dem anderen.“

Das Ergebnis der Prüfung ist definitiv nicht gut.

Marianna Hanke-Ebersoll vom MDK

Dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK), der für die Prüfungen zuständig ist, sind die Hände gebunden. Die Mitarbeiter kommen einmal jährlich zu einer Regelprüfung in die 4000 bayerischen ambulanten und stationären Einrichtungen. Während der Pandemie war das monatelang nicht möglich, berichtet Marianna Hanke-Ebersoll, die beim MDK den Bereich Pflege leitet. Deshalb seien 2020 nur gut 800 Einrichtungen regulär kontrolliert worden. „Dazu kommen aber nicht angekündigte Anlass-Prüfungen“, erklärt sie. Wenn konkrete Vorwürfe im Raum stehen. In der Schlierseer Seniorenresidenz war das 2020 zweimal der Fall. Der vom MDK ausgestellte Qualitätsbericht legt gravierende Mängel offen. „Das Ergebnis ist definitiv nicht gut“, sagt Hanke-Ebersoll. Und zwei Anlassprüfungen im Jahr seien ungewöhnlich viel.

Die Ergebnisse der Kontrollen gehen an die Arbeitsgemeinschaft der Pflegekassenverbände (ARGE). Die wiederum fordert die Betreiber auf, nachzubessern und setzt eine Frist. Ein Heim schließen könne aber nur die Heimaufsicht des Landratsamtes. Auch Hanke-Ebersoll wundert sich, dass das bislang nicht passiert ist. Eine Heimschließung sei die ultima ratio, betont ein Sprecher des Gesundheitsministeriums, das mit dem Landratsamt bereits in Kontakt ist. Mildere Konsequenzen wären beispielsweise ein Aufnahmestopp. Den hat Löwis bereits im Mai 2020 verhängt.

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