Leonhardi-Traum

18.000 Besucher bei der 163. Wallfahrt zum Kalvarienberg

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Tölzer Leonhardifahrt 2018
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Bad Tölz – Das Fell ist nass, die Leiber schwitzen, die Mähnen fliegen wild im Wind, als die Rösser die Marktstraße hinauf preschen. Heuer fand die 163. Tölzer Leonhardifahrt bei warmen Herbstwetter statt und lockt zig tausend Besucher an.

Während in den vergangenen Jahren das Schnauben der Pferde in der kalten Luft dampfend hervor stieg, treibt bei der diesjährigen Tölzer Leonhardifahrt nicht nur der Zug der schweren Truhenwagen den Kaltblutrössern und Haflingern den Schweiß aus den Poren, sondern auch die Novembersonne. Statt von Regenschirmen bedeckt, fällt heuer orangerotes Licht auf die aufwendigen Flechtfrisuren, farbenprächtigen Gewänder und die Gesichter der Wallfahrer

Mit gerunzelter Stirn und zusammengekniffenen Augen steigen die Frauen und Männer nach und nach in die 77 Fuhrwerke, die sich im Bad Tölzer Badeteil aufstellen. Vielleicht ist es Müdigkeit. Oder Aufregung. Oder die Nerven. Vielleicht aber auch ein Versuch, der blendenden Sonne standzuhalten. Denn die ersten kräftigen Strahlen kämpfen sich bereits vom Himmel.

Vroni Matheis, Theresa Heimgreiter und Lena Bernhard, Jungfrauen aus Oberfischbach, laden gerade ihre Taschen in den Wagen. Eineinhalb Stunden haben sie gebraucht, um in ihr Mieder zu kommen und ihre Haare kunstvoll zu flechten. „Ich bin um sechs aufgestanden“, meint Vroni. Ihr Schnurhut wirft einen kleinen Schatten ins Gesicht – die Sonne zeigt sich schon früh am Morgen. Ebenfalls mit Schnurhut geschmückt und in einem Miesbacher Mieder sitzt Susanne Schwaighofer im Truhenwagen („Truach“) der Unterbuchener Jungfrauen. Auch ihre Mundwinkel wagen ein erstes zaghaftes Lächeln. Sie freut sich. Worauf? Auf später, darauf „die Marktstraße rauf zu fahren“, meint die Jungfrau – also auf dem Moment, wenn die Rösser das Kopfsteinpflaster hinaufjagen und die Ruhe der Wallfahrt kurzzeitig einem Getöse weicht.

Plötzlich setzt das Glockengeläut ein, die Pferde werden nervös. Sie scharren mit den Hufen. Das abgeriebene Horn hinterlässt zwischen all den Pferdeäpfeln auf dem grauen Asphalt weiße Kratzspuren. Die Kirchenglocken, ein Signal für die Rösser, zu starten – und ein Ende der Ruhe. Das erste Ziel der Wallfahrer ist der Kalvarienberg. „Oben am Berg ist es echt cool“, meint Laura Mahnel. Vor ihr dreht sich Julia Meixner um und ergänzt: „eine festliche Atmosphäre.“ Ungeduldig warten die beiden in dem Truhenwagen der Tölzer Jungfrauen darauf, dass sich die Räder in Bewegung setzen. Ihr Wagen ist bereits voll besetzt.

Bei den umliegenden Gespannen sieht das noch ganz anders aus: Ein Musiker mit Tuba auf dem Rücken läuft dem Fuhrwerk seiner Blaskappelle entgegen. Schalkfrauen schoppen das schwarze Gewand und die seidenen Schürzen bis zu den Knien nach oben, um die Leiter zu ihrem Wagen herauf zu kraxeln. An anderer Stelle widmen sich die Reiter und Fahrer dem letzten Feinschliff an den Rössern: Mähne beblümen, Halfter fester zurren, Zügel sortieren. Schließlich muss alles sitzen, nach den vielen Mühen, die für das Schmücken von Gefährt und Gespann aufgewandt wurden. „Wir haben den gestrigen Tag geschmückt und heute morgen nochmal ein paar Stunden“, sagt Andreas Esterl aus Holzkirchen und blickt auf das Ergebnis seiner Arbeit, den Wagen der Gebirgsschützenkompanie Waakirchen. Doch nur kurz. Dann hastet er zu einem Pferd der Vierergespanns und steigt auf. Erste Hufschritte.

Der Zug setzt sich in Bewegung. Ein Poltern gleich einem Gewittergrummeln. Die schweren Wagen rollen über die Straße, über die Isarbrücke, die Marktstraße hoch zur Leonhardikapelle am Kalvarienberg. Tausende Besucher säumen den Weg hinauf zu dem Barockbau. Ein Wirrwarr aus Stimmen und ein Gedränge im Markt und auf den Trottoirs. Kämpfe um die erste Reihe. Reiter, Bremser, Schalk- oder Jungfrauen können die Emotionen und Reaktionen der Zuschauenden aber kaum sehen, halten die Besucher doch Smartphones, Tabletts und Kameras vor ihr Gesicht, anstatt den Anblick der in der Sonne glänzenden Goldfäden der Schnurhüte und das Schimmern der Belchblasinstrumente zu genießen. Der Aufwand für das Schmücken und Präsentieren – er wird tausendfach auf Speicherkarten festgehalten.

Geistlichkeit spricht über Glück

Der Tross nähert sich der Kapelle, sodass das Glockengeläut immer tiefer in die Ohren dringt. Die Sonne scheint unentwegt in die Wagen. Nach und nach legen die Frauen in den Fuhrwerken ihre Pelze ab. Statt um Hals und Schultern gelegt, baumeln die Fuchsfelle jetzt an den Seitenwänden der Truhenwagen, während ihre Glasaugen den zahlreiche Besuchern in die Linsen blicken. Immer wieder stockt es. Dann spielt die Blaskapelle auf. Zeit überbrücken. Keine Stille aufkommen lassen. Auf dem Kalvarienberg angekommen, umkreist der Zug die Kapelle, vor der Pfarrer Peter Demmelmair einen ersten Segen für Tier und Mensch ausspricht. Die Männer nehmen ihre Hüte vom Kopf, die Frauen beten oder singen – kaum hörbar angesichts der schallenden Glockenschläge. Dann geht es auf die benachbarte Wiese. Aufstellung zum Gottesdienst.

Der Geistliche spricht über Gott und Glück, seine Worte dringen über Lautsprecher zu den Wagen. Dort halten einige Reiter und die Bremser, die so genannten Praxer, inne – den Hut in den zusammengefalteten Händen, den Kopf zu Boden geneigt. Sie suchen Stille. Anders die Jungfrauen: sie beugen sich weit hinaus aus ihren Truhenwagen, um Janker- und Joppenträger, die zu ihnen auf das Grün stürmen, mit Schnaps und Gebäck zu versorgen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. So auch die Damen in Mieder aus Wackersberg.

Schmunzelnd verfolgt „Brettlhupfer“ Klaus Seidl, wie die Burschen seinen Wagen umzingeln und sich zu den Jungfrauen für ein Stamperl und ein paar Worte empor recken. Seit 53 Jahren ist Seidl Wallfahrer. Im Vierspänner: seine Kaltblüter. Sie stehen fast regungslos da, der Trubel scheint an ihnen vorüber zu gehen. Diese Gelassenheit kommt nicht von ungefähr: Trainingsfahrten auf Rädern über die Straße, auf Kufen durch den Schnee. Und: „Um halb vier wurden sie gefüttert“, meint der erfahrene Lehards-Fahrer, während ihm sein elfjähriger Kaltblüter mit der Nase immer wieder auf die Schulter stupst. Sein 14-Jähriger hält völlig still, er ist ein routiniertes Ross, ein ruhiges Ross, sei schon seit zwölf Jahren bei der Tölzer Leonhardifahrt eingespannt, meint Seidl, der sich von dem Tumult ebenso wenig beeindrucken lässt wie seine Pferde.

Ein paar Meter weiter, die Gaißacher Jungfrauen. Auch sie „stärken“ die Mitfahrer, Freunde und Bekannten mit Schnaps und Keksen. Vorne kümmert sich Hans Rest um die Pferde: ein Gespann aus vier Haflingern, zwei davon gehören dem elterlichen Hof „Zum Schalch“, zwei dem Nachbarn, meint der Praxer kurz angebunden, streichelt einem der Pferde über die Nase und blickt nachdenklich in die Ferne.

Vom Lärm in die Stille

Von Stille will sein Vater Kaspar hingegen nichts wissen, er sucht das Gespräch mit den Besuchern und erklärt, dass diese Pferderasse zwar sehr zart gebaut sei, aber eine „enorme Kraft“ habe. Schon bei der ersten Leonhardifahrt vor 163 Jahren war sein Hof dabei. Früher mit Oldenburgern, dann mit Kaltblütern und seit 1977 schließlich mit Haflingern. Auch seine Pferde sind gelassen. Das läge aber weniger an einer speziellen Vorbereitung, als vielmehr an dem Wesen der Tiere, so Kaspar Rest.

Die Gelassenheit währt aber nicht lange, denn nach einer erneuten Runde um die Kapelle müssen sich die Rösser zum Endspurt aufmachen: den Kalvarienberg hinunter und mit gelockerten Zügeln die Marktstraße hoch durch den Khanturm zur Mühlfeldstraße. Die hölzernen Truhenwagen lärmen über das Kopfsteinpflaster, hinzu kommt das Hufgetrappel der galoppierenden Pferde, deren geflochtenen Zöpfe auf und ab hüpfen, während die aufwendigen Frisuren der Mieder- und Schalkträgerinnen dem Gerumpel standhalten.

 Mit gedrosselter Geschwindigkeit fahren die Wagen schließlich der Mühlfeldkirche entgegen. Dort gibt es nochmals den Segen für Wallfahrer und Rösser. Mit großem Schwung schleudert der Geistliche mit einem Palmbündel Weihwassertropfen auf die Häupter der Männer und Frauen. Nach dem Gepolter über die Marktstraße lassen sich jetzt nur noch die Gebete der Schalk- und Jungfrauen in flüsterleiser Stimme wahrnehmen – solange, bis die Wagen die Kirche passiert haben und sich die einen auf den Heimweg machen, die anderen in die Wirtschaften begeben – zu Schnaps, Likör und Ausgelassenheit. Antonia Reindl

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