Belastung der Bergretter

Alpine Helfer berichten über Einsätze und Klima im Wandel der Zeit

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Expertenrunde beim Jahresrückblick der Bergwacht Bayern im Tölzer Zentrum für Sicherheit und Ausbildung.

Landkreis – Der Bergsport hat sich verändert: Heutzutage treibt es mehr Menschen ins alpine Gelände und neue Trends wie Trekking, Schneeschuhwandern, Rodeln und Bouldern boomen. Auch ist der Anspruch der Wanderer durch die digitalisierte Welt gestiegen: Damit einher geht der Druck auf die Bergführer, die sich neben den anfordernden Kundenwünschen auch mit dem Klimawandel auseinander setzen müssen. Bei der Jahrespressekonferenz der Bergwacht Bayern im Tölzer Zentrum für Sicherheit und Ausbildung sprachen Experten über den Wandel.

Bergretter sind im Vergleich zu früher das ganze Jahr gefordert und das bis „zu ihren Grenzen“, berichtet Klaus Schädler, Geschäftsführer der Bergwacht Bayern. Heutzutage richte sich der Bergsport nach dem Wetterbericht, ergänzt Otto Möslang. Ganz gleich, ob Wochenende oder Werktag, es macht „keinen Unterschied“, betont der Bergwachtchef. „Immer mehr Menschen sind in den bayerischen Alpen und Mittelgebirgen unterwegs.“

Während die Einsatzzahlen im Winter konstant verlaufen, schaut es im Sommer anders aus: Vergangenes Jahr mussten die ehrenamtlichen Retter der Bergwacht Bayern mit 3.071 Einsätzen doppelt so oft ausrücken wie noch vor zwölf Jahren. „Das macht uns zu schaffen“, bilanziert Möslang.

Und ein anderes Extrem wurde beim Expertengespräch unter den Bergwachtlern deutlich: Das Wetter werde extremer: „Der Permafrost geht zurück und der Winter verlagert sich nach hinten“, berichtet Schädler. „Im Mai war mehr Schnee auf der Zugspitze als im ganzen Winter.“ Rund vier Meter türmten sich dort noch im Wonnemonat.

Schnee und Eis, und davon eine Menge, gab es auch Anfang Januar im Landkreis, sodass daraufhin von Landrat Josef Niedermaier der Katastrophenfall ausgerufen worden war (wir berichteten). Aufgrund von Lawinengefahr sperrte das Landratsamt Staats- und Bundesstraßen, die Gemeinde Jachenau war sogar eingeschneit und abgeschnitten von der Außenwelt. Hilfskräfte hatten alle Hände voll zu tun, um Lebensmittel und Medikamente dorthin zu liefern.

Die bayerischen Bergretter hatten im vergangenen Jahr neben massiven Schneefall aber auch mit Stark­niederschlag und Waldbränden zu kämpfen. Und die Experten sind sich einig: Zukünftig werden solche Wetterkapriolen häufiger werden.

Wenn Berge Zähne zeigen

Extremes Wetter und extremere Anforderungen bereiten der Bergwacht Bayern viel Arbeit: „Die Berge sind nicht nur schön, sie können auch Zähne zeigen“, sagt Klaus Schädler (Geschäftsführer Bergwacht Bayern). Und sie beißen, wenn sich die Alpinisten bei ihren Touren im Sommer wie Winter „selbstüberschätzen“, betont Otto Möslang (Vorsitzender der Bergwacht Bayern). Per E-Bike erklimmen auch Ausflügler luftige Höhen, die dabei eigentlich nicht die erforderliche Fitness mitbringen. Auch schütze eine teure Ausrüstung nicht vor Unfällen, „wenn man nicht einen Fuß vor den anderen setzen kann“. Möslang: „Zudem steige die Erwartungshaltung für schnelle Hilfe in allen Lagen.“ Dies belege die gestiegene Statistik der Such- und Hubschraubereinsätze, bei denen am Ende niemand ernsthaft verletzt sei.

Selfie vom Mount Everest

Besonders häufig müssen die bayerischen Bergwachtler nun zu pittoresken Gipfeln ausrücken: das Wettersteingebirge, die Berchtesgadener Alpen oder auch die Hochalpen im Allgäu sind besonders gefragt bei Wanderern. Alles Orte für schöne Fotoaufnahmen, die wiederum auf den sozialen Medien wie Facebook und Instagram zahlreich geklickt und kommentiert werden.

Davon weiß Michael Lentrodt zu berichten. Der Präsident des Deutschen Berg- und Skiführerverbandes führt Bergsportler seit drei Jahrzehnten in die Höhe. In den vergangenen Jahren habe sich das Kundenverhalten geändert. „Früher waren die Kunden genügsamer. Heute sind die Erwartungshaltungen sehr hoch“, sagt er. Wer kann am Montagmorgen im Büro das perfekte Bergbild vor den Kollegen präsentieren?

Solche Fragen treiben viele moderne und für die digitale Welt affinen Wanderer um. So gebe es bereits Anbieter, die Kunden von München zum Mount Everest fliegen – freilich in der „Überdruckkammer“. Lentrodt nennt es „Socialmedia­druck“, um besser als die anderen zu sein. Höher und weiter und vor allem schneller: „heutzutage werden Touren immer kurzfristiger gebucht.“

Nicht ohne mein Radl

Eine Doppelbelastung zeigt sich auch bei heutigen Rettungseinsätzen, die es früher so nicht gab: Trendsportarten wie Mountainbiken, Trekking und Klettern führt die Bergretter bei Einsätzen oftmals in für Rettungsfahrzeuge schwer „erreichbares Gebiet“, berichtet Möslang. Verletzt sich nun ein Radl­fahrer oder stürzt ein Gleitschirmpilot dort ab, wird vom Patienten erwartet, „das teure Rad oder den Schirm nicht allein im Gelände liegen zu lassen“. So muss die Bergwacht neben den Verletzten ebenfalls auch dessen Equipment bergen. „Wenn das so weitergeht, müssen wir uns mittelfristig anders aufstellen“, betont Möslang.

Daniel Wegscheider

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