Arbeitskreis verschweigt Kosten

Einstimmig votierte der Rat dafür, am Hallenbadneubau festzuhalten – und zwar vorrangig in der Variante „L“ zusammen mit den Nachbarkommunen.

Geretsried will ein Nordlandkreishallenbad mit den Gemeinden Dietramszell, Egling, Eurasburg/Beuerberg, Königsdorf Münsing und dem Landkreis stemmen. Der Stadtrat fasste dazu einen einstimmigen Beschluss – nach einer zweistündigen, emotional sehr aufgeschaukelten Diskussion.

Schwenkt eine der als Cofinanziers geltenden Gemeinden aus, will Geretsried eine kleinere Variante eines Hallenbades verwirklichen. Doch müssen die Planer hier noch einmal Hausaufgaben machen: Denn die Deckelung in Höhe von sechs Millionen Euro wurde um satte 1,6 Millionen Euro gesprengt. Wobei der Stadtrat den Architekten schon einmal entgegen kam. Denn der Deckelungsbeschluss von 2010 wurde ausgesetzt. Wer aus der Arbeitsgruppe Hallenbad wusste zu welchem Zeitpunkt, dass der Kostenrahmen selbst für die kleinere Variante („die Planer nennen sie „M“) nicht zu halten ist? Diese Kernfrage stellte FW-Fraktionssprecher Robert Lug in den Raum. Da hatte der Stadtrat bereits rund 1,5 Stunden über das Hallenbad „diskutiert“ und sich die Planungen von Architekt Bert Hoffmann (Bauconzept) und Projektsteuerer Marcus Theisen (Dobler Consult) präsentieren lassen. Lug ärgerte sich nämlich, dass so mancher Vorredner im Plenum allzu sehr überrascht war von den überbordenden Kosten. Volker Reeh (CSU) etwa hatte moniert, dass die Planer das Ziel nicht erreicht hätten und nach Hause geschickt gehörten. Und FW-Rat Lorenz Weidinger drängte sich der Verdacht auf, dass die Planer bewusst getäuscht hätten, „nur um den Auftrag zu erhalten“. Lug jedenfalls ließ daraufhin eigens die Protokolle der Arbeitsgruppensitzung von der Verwaltung holen – und Bürgermeisterin Cornelia Irmer (parteifrei) konnte sodann den Beweis liefern, dass bereits vor einem Jahr im Arbeitskreis offen von Kostenmehrungen – teils bis zu 8,5 Millionen Euro – gesprochen wurde. Dabei nannte sie aber keine Namen der damaligen Wortführer, die daran sicher gut taten. Weshalb also diese durchaus relevante Information nicht schon längst in den Fraktionen thematisiert wurde, ergründete Lug nicht in der Sitzung. Zu seinen erzürnten Ratskollegen – und hier sprach er vor allem seine Vorredner Reeh, Hans Hopfner (SPD) und insbesondere Fraktionskollegen Lorenz Weidinger an – richtete er aber den Appell, „die emotionale Entrüstung endlich vor der Tür zu lassen“ und lieber darüber zu diskutieren, „wie wir das hinkriegen“. Eine durchaus berechtigte Forderung angesichts der zuvor präsentierten Zahlen. Während das Nordlandkreisbad auf rund 9,3 Millionen Euro kommen würde, müsste die Stadt – für den nicht erhofften Fall, ein Bad alleine bauen zu müssen – für die dann kleinere Variante immer noch 7,6 Millionen Euro investieren. Dieser Plan „B“ fand sich dann auch in dem Beschlussvorschlag der Verwaltung. Und rief prompt Gerhard Meinl (CSU) auf den Plan. Er erinnerte an den bestehenden Deckelungsbeschluss, der nicht einfach übergangen werden könnte. Meinl („Das ist doch kein Mickey-Maus-Beschluss“ und „Wir sind doch hier nicht auf dem Basar“) empfahl dringend, den Deckelungsbeschluss dann zumindest aufzuheben. Auf jeden Fall befinde man sich in einer schwierigen Situation. Denn aufbauend auf die sechs Millionen-Deckelung habe der Stadtrat auch seinen Finanzplan gestrickt. Und aufgrund der Zusage der Planer, ein sechs Millionen Euro-Neubau sei „zwar sportlich aber möglich“, habe man sich auch gegen eine Sanierung des bestehenden Hallenbades ausgesprochen. Das Argument überzeugte schließlich. Und Lorenz Weidinger, der zuvor massiv gegen die Kostenmehrung wetterte, beantragte, den Deckelungsbeschluss auszusetzen. Einstimmig votierte der Rat dafür, am Hallenbadneubau festzuhalten – und zwar vorrangig in der Variante „L“ zusammen mit den Nachbarkommunen. Ausdrücklich gewünscht wäre auch ein Engagement der Kommunen Icking und Wolfratshausen. Sie hatten im Vorfeld eine Cofinanzierung abgelehnt. Für den Fall, dass eine interkommunale Finanzierung nicht zustande kommt, soll die Variante „M“ weiter bearbeitet werden. Allerdings sollen die Investitionskosten gesenkt werden. Da dies angesichts der 1,6 Millionen über Deckelungsniveau recht schwierig werden dürfte, wurde der Beschluss von 2010 ausgesetzt. Kommentar Der Stadtrat hat sich beim großen Hallenbad-Showdown seine Lieblings-Schwimmart herausgesucht: Freistil. Wobei die angetretenen Staffeln auch aus der Disziplin Einer-Rückwärts wählen konnten. Anders sind die hitzigen Wortgefechte nicht zu erklären, die sich die Mitglieder des Stadtrates – teils innerhalb der Fraktion – lieferten. Den beschämendsten Part in dem Wettbewerb um die Entscheidung eines künftigen Hallenbades nahmen all diejenigen ein, die sich in 19 (!) Sitzungen im eigens eingerichteten Arbeitskreis Hallenbad mit den Vorplanungen beschäftigen sollten. Denn seit einem Jahr wissen sie, dass der Sechs-Millionen-Euro-Deckel schlicht nicht gehalten werden kann: Das belegen die eilig herbei gezauberten Wortprotokolle. Dass dann Teile der AK-Mitglieder nun so groß überrascht waren, als sie von den Planern über die Kostenmehrung erfuhren, zeugt von schauspielerisch hohem Niveau. Zu einer möglichst raschen Entscheidungsfindung trägt dieses Gebahren aber wahrlich nicht bei. Im Gegenteil. Ein Jahr lang war bekannt, dass das Bad teurer werden würde. Genau vor einem Jahr also hätte die Grundsatzdebatte zum Thema „quo vadis Hallenbad“ geführt werden können. Und die Planungen wären mittlerweile nicht mehr nur in einem Vorstadium. Ganz vergessen wird hierbei, dass das alte Hallenbad auch ein jahr lang länger in Betrieb ist – und weiter ein sattes Loch in die Stadtkasse frisst. Grob fahrlässig also nicht die mangelnde Transparenz der Planer, wie so manche Stadträte dem Architekten und Projektsteuerer vorwarfen. Grob fahrlässig die Kommunikation des eingesetzten Arbeitskreises – denn die fand offenkundig nicht statt. Thomas Kapfer-Arrington

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