Aufstand gegen Gesundheitsapostel

Anspruchsvolle Kost und tolle Darsteller: „Corpus Delicti“ am Rilke-Gymnasium

Icking – Wer sich dem Gesundheitswahn des Systems nicht unterwirft, wird zum Staatsfeind erklärt. Wer sich nicht gleichschalten lässt, kommt zur Strafe in die Eiszelle. Das Oberstufentheater des Ickinger Rainer-Maria-Rilke-Gymnasiums hat sich mutig an ein modernes, aber schwieriges Stück herangewagt. „Corpus Delicti“ von Erfolgsautorin Julie Zeh ist bekannt dafür, nicht nur sprechlastig zu sein, sondern wegen seiner Gesellschaftskritik auch intellektuell sehr anspruchsvoll.

So bekannte Deutschlehrer und Regisseur Karl Haider dass sie mit dem Text während der einjährigen Probenzeit „sehr gerungen“ hätten. Die viele Arbeit hat sich für die Theatergruppe aber gelohnt. Von den Zuschauern gab’s viel Beifall für eine bravouröse Darstellung. Das in der nahen Zukunft spielende Drama erzählt die Geschichte von Mia (Katharina d’Huc und Lucia Eckel in einer Tandemrolle), die in die Mühlen der Justiz gerät, weil sie aus Kummer über den Tod ihres Bruders (Damian Groß) ein paar Monate mit ihrem Gesundheitsprogramm geschlampert hat. Es ist ein düsteres Bild, das von der totalitären Gesellschaft entworfen wird und in der Leute wie die strenge Richterin Sophie (Lena Dobuschinsky), der aalglatte Journalist Kramer (Daniel Tonnar-Leyva) oder der zwielichtige Verteidiger Rosentreter (Kristian Konrad) an der Macht sind. Wie sich die Figur der Mia schließlich von der angepassten Mitläuferin zur politischen Aktivistin entwickelt und dabei auch Folter und Isolationshaft trotzt, das ist eine reife Leistung der beiden Jungschauspielerinnen, die sich die Hauptrolle teilen. Viel Stoff zum Nachdenken liefert das Stück, dessen literarisches Vorbild zwar der Klassiker „1984“ von George Orwell ist, das sich aber mit Themen von heute befasst. Ein Blick in die Gesellschaft zeigt, dass die Utopie eines alles kontrollierenden Gesundheitsstaats gar nicht so abwegig ist, wie es sich Autorin Julie Zeh vor 13 Jahren vielleicht vorgestellt hat: wer denkt da nicht an Fitness-Apps, die die Bewegung überwachen, an Krankenkassen, die gesundheitliches Wohlverhalten belohnen und die vielen Selfie-Fotografen, die sich schlank und schön für den nächsten Instagram-Post photoshoppen.ha

Rubriklistenbild: © Rilke-Gymnasium Icking/Stefan Berez

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