Nachdenkliches Geburtstagsfest

Badehaus feiert einjähriges Bestehen, benötigt aber finanzielle Hilfe

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Badehausvereinsvorsitzende Dr. Sybille Krafft (M.) bat Ehrengast Dagmar Nick (r.) darum, die Badehaus-Geburtstagstorte anzuschneiden. 

Waldram – Am 20. Oktober 2018 wurde am Kolpingplatz der Erinnerungsort Badehaus eröffnet. Der Zulauf ist enorm, der personelle und finanzielle Spielraum jedoch überschaubar. Bei einem Festakt zum einjährigen Bestehen schlugen Badehausvereinsvorsitzende Dr. Sybille Krafft und die 93-jährige Lyrikerin Dagmar Nick deshalb auch nachdenkliche Töne an.

Mit der Zeitzeugin und Nachkriegslyrikerin Dagmar Nick kam eine prominente Besucherin, die im Gespräch mit Badehaus-Vorstandsmitglied Emanuel Rüff über ihre zum Teil erschütternden Erlebnisse berichtete und ihre nicht minder bewegenden Gedichten vorlas.

Im restlos ausverkauften Vortragssaal des Dachgeschosses nannte Badehaus-Vorsitzende Dr. Sybille Krafft zunächst eindrucksvolle Zahlen. So besuchten im ersten Jahr weit über 3.000 Interessierte den Erinnerungsort, die Mitgliederzahl des Badehaus-Vereins stieg auf 460. Zudem veranstalteten die ehrenamtlichen Helfer über 200 Führungen. „Es ist wunderbar, dass dieser Ort so gut angenommen wird“, zeigte sich Krafft begeistert. Doch die positive Resonanz hat auch ihre Schattenseite: „Wir sind am Anschlag: Dass wir dies alles ehrenamtlich stemmen, ist der Wahnsinn“, gab die Filmredakteurin zu bedenken. Sie verwies darauf, dass der Badehaus-Verein weder von staatlicher noch von städtischer oder privater Seite Fördermittel erhält. Der Betrieb des Erinnerungsortes sei aber enorm kosten- und zeitaufwändig. Krafft richtete deshalb einen leidenschaftlichen Appell an die vertretenen Stadträte und Verwaltungsmitglieder aus Wolfratshausen und Geretsried: „Wir brauchen dringend Hilfe!“, flehte sie.

Dagmar Nick, erster Ehrengast der neuen Veranstaltungsreihe „Begegnungen im Badehaus“ lobte dieses unermüdliche ehrenamtliche Engagement. „Einen Ort mit so viel Vergangenheit darf man nicht einfach entsorgen“, unterstrich die 93-Jährige. Trotz ihres fortgeschrittenen Alters wirkte die heute in München lebende Schriftstellerin enorm vital und redselig. Als zweites Kind eines Komponisten und einer Konzertsängerin wuchs die gebürtige Breslauerin in Berlin auf und musste später mit ihrer Familie aufgrund ihrer jüdischen Abstammung ins böhmische Reichenberg und später zu einem Onkel nach Lenggries flüchten. Ihr lyrisches Talent entdeckte der berühmte Schriftsteller Erich Kästner, der ihr Gedicht „Flucht“ in einer renommierten Zeitung veröffentlichte. Fortan schrieb Nick sogar Filmmusikschlagertexte für die Schauspielerin Maria Schell und Hans Albers. „Als ich ihn in den Studios am Geiselgasteig bei München traf, begrüßte er mich mit den Worten: „Das also ist das Fräulein Goethe“, erinnerte sie sich.

Dem Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll begegnete Nick einst in Köln. „Er hatte eine bewundernswerte menschliche Stärke“, lobte sie. Weniger erfreulich war ihre Fahrt nach Bergen-Belsen im Jahr 1954. „Neun Jahre nach Kriegsende wurde dieser Ort bewusst vergessen und verleugnet: Niemand im Ort wollte etwas von den Massengräbern und dem Konzentrationslager gewusst haben“, zeigte sich Nick verwundert. Ihr bewegendes Gedicht „Belsen 1954“ ließ den Besuchern des Badehauses das Blut in den Adern gefrieren. Nach ihren rund einstündigen Ausführungen hatte die ausgebildete Graphologin dann die Ehre, die Badehaus-Geburtstagstorte anzuschneiden. ph

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