Bergwild in Not

Bayerische Jagdverband und die Untere Naturschutzbehörde fordern Jagdeinstellung und Rücksicht

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Schwierige Situation: Können Wildtiere nicht zu den Fütterplätzen der Jäger durchdringen, müssen sie sich selbst um Nahrung kümmern und äsen notgedrungen an Baumrinde.

Landkreis – Bergwild in Not: der Bayerische Jagdverband sowie die Untere Jagdbehörde am Landratsamt rufen dazu auf, Wild im Wald nicht zu stören – insbesondere die Jagd soll derzeit eingestellt werden. Die extremen Schneebindungen fordern derzeit von den Tieren alles ab: Sie kämpfen um ihr Überleben.

Gams, Steinbock, Rot- und Rehwild stapfen durch meterhohen Schnee, und die Nahrung ist knapp. „Der Wintereinbruch in den Bergen ist in vielen Regionen Bayerns eine lebensgefährliche Bedrohung für die Wildtiere“, teilt Pressesprecherin Gertrud Helm vom Bayerischen Jagdverband (BJV) mit. „Vielerorts sind sie in den Schneemassen gefangen.“ Daher appelliert der BJV an alle Jäger: „Die Jagd muss bedingungslose eingestellt werden, auch in den sogenannten Schonzeitaufhebungsgebieten“, betont BJV-Präsident Dr. Jürgen Vocke. Das gebiete nicht nur das Tierschutz- sowie Jagdgesetz, „sondern ganz einfach der Anstand und die Ehrfurcht gegenüber der Schöpfung“.

Auch die Untere Jagdbehörde am Landratsamt blickt mit kritischen Blick auf die Situation der Wildtiere im alpinen Raum. „Die extremen Schneefälle der vergangenen Wochen stellen sehr hohe Ansprüche an die Tiere“, berichtet Landratsamtssprecherin Sabine Schmid. Viele Jagdreviere füttern bereits seit längerer Zeit. In der Regel beginne die sogenannte Notzeit für das Wild Mitte bis Ende November, so Schmid. „Wenn die Vegetation keine Äsung mehr hergibt“. Jedoch könne das Wild bei der momentanen Schneelage nicht mehr zu den Fütterungsplätzen der Jäger hinziehen. „Es hat sozusagen keinen Boden unter den Läufen und bleibt im Schnee stecken und verendet.“

Die Jagd auf Rotwild bereits Ende Dezember einzustellen, fordert Vollrad von Poschinger, Jagdberater am Landratsamt. „Damit die Tiere ungestört zu den Wildfütterungen ziehen können.“ Zudem vermindere es die Verbiss- und Schälschäden an Waldbäumen, da sie notgedrungen Knospen und Baumrinde äsen müssen. „Die Abschusspläne sollen so früh wie möglich im Jahr erfüllt werden, um dem Wild im Winter seine Ruhe zu gewähren“, so Poschinger weiter.

Ein weiteres Problem sind sogenannte Klirrungen. An diesen Stellen locken Jäger Wild mit Futter an, um es zu erlegen. Werden diese nun zu lange betrieben, bleibt dort das Wild auch bis spät in den Winter hinein, da es sich an die Klirrungen gewöhnt hat. Ein heftiger Wintereinbruch mit viel Schnee versperrt den Tieren dann den Weg zu den allgemeinen Fütterungen und Jäger kommen nicht mehr zu den Klirrungen durch, um diese weiter mit Futter zu versorgen. Ein Teufelskreis, bedauert Anton Krinner, Leiter der Hochwildhegegemeinschaft Isarwinkel.

In harten Zeiten verharren Hirsche und Rehe starr – sie treten in Winterruhe. Dadurch reduzieren sie ihre Körpertemperatur, um Energie zu sparen. Auch der Herzschlag pocht statt 70 Mal nur 30 Mal in der Minute. Die Gefahr: Werden die Tiere in ihrer Winterstarre plötzlich gestört und zur Flucht gezwungen, fahre plötzlich auch ihr Stoffwechsel hoch. Alles „kräftezehrender Stress“, betont Schmid. Die Untere Jagdbehörde ruft deshalb ebenflass alle Revierinhaber auf, die Jagd auf Rot-, Reh- und Gamswild einzustellen – auch wenn der Abschussplan noch nicht erfüllt ist.

Der BJV und die Untere Naturschutzbehörde appellieren auch an die Freizeitsportler, Rücksicht zu nehmen: Wanderer, Schneeschuhgeher und Tourenskifahrer sollen die vorhandenen Wege, Loipen sowie Pisten benutzen. Und bereiche um Wildtierfütterungen freilich meiden. Ebenso sollen Hundebesitzer ihre Hunde an die Leine nehmen.

Dr. Jürgen Vocke appelliert insbesondere an die bayerische Staatsregierung: „Helfen Sie jetzt den Wildtieren in den Bergregionen, denn auch sie unterliegen dem Artenschutz.“ Die Bergregionen befinden sich zudem in der Hand der Bayerischen Staatsforsten. Vorstellbar sei etwa der Abwurf von Heuballen aus einem Hubschrauber. „So etwas wurde bereits früher unter ähnlich schwierigen Bedingungen schon praktiziert“, erinnert sich Vocke.dwe

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