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Befragung der Generation 60 plus in Bad Tölz-Wolfratshausen: Infrastruktur gewünscht

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Von: Daniel Wegscheider

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lächelnder Senior
Die Mehrheit der befragten Senioren ist mit der Lebenssituation im Landkreis zufrieden. © panthermedia/AndrewLozovyi

Landkreis – Was die Älteren wollen: Landratsamt berichtete jüngst im Sozial- und Kulturausschuss über die Fortschreibung des sogenannten seniorenpolitischen Gesamtkonzepts.

Zudem wurde eine schriftliche Bürgerbefragung beim Personenkreis über 60 Jahren von Pflegedienstleistern und Beratungsstellen durchgeführt. Ziel der Befragung: Ein realitätsgetreues Bild der Lebensverhältnisse älterer Menschen im Landkreis zu erhalten, um eventuell vorhandene Probleme sichtbar zu machen.

Insgesamt wurden 5.500 Personen im Landkreis angeschrieben und zu Themen wie Wohnsituation, Versorgung, Pflege oder Kenntnis und Nutzung von sozialen Angeboten abgefragt. „Der Rücklauf war sehr gut“, freute sich Bäumler. Rund die Hälfte der Angeschriebenen füllten ihren Fragebogen aus. „Das sind aussagekräftige Ergebnisse.“

Die Statistik zeigt, dass die Befragten, die Unterstützung erhalten, sich in allen vier Sozialräumen auf einem ähnlichen Niveau bewegen. Der Anteil derjenigen, die sowohl Hilfe im Haushalt als auch im Garten erhalten, liegt im Norden über den anderen Räumen – im Süden ist der Anteil am niedrigsten. Dagegen ist in der Mitte die Unterstützung bei schriftlichen Angelegenheiten und bei Fahrten am höchsten.

Angebot der Pflege-WG und Verhinderungspflege sind unbekannt

Die nächste Stufe nach der Unterstützung im Haushalt, Garten oder als Fahrdienst ist die Pflege. 9,4 Prozent der Befragten gaben an, selbst von einer anderen Person oder einem Dienst versorgt zu werden. Pflege übernehmen anders als bei der Unterstützung eher die Partner (47 Prozent), noch vor den eigenen Kindern oder deren Ehepartnern mit 44 Prozent. Pflegedienste werden zu mehr als 34 Prozent eingebunden.

Neben der Familie gibt es im Landkreis eine Reihe von Unterstützungsmöglichkeiten für Pflegebedürftige. Die Befragten sollten hierbei für jedes der Angebote angeben, ob sie es nutzen, in Anspruch nehmen würden oder es gar nicht kennen. Laut Bäumler liegt der höchste Anteil bei der Haushaltshilfe, die 7,7 Prozent in Anspruch nehmen; weitere 85 Prozent würden bei Bedarf darauf zurückgreifen. Ebenso beim Hausnotruf (86,1) sowie dem ambulanten Pflegedienst (89,9).

Erstaunt zeigte sich Bäumler bei der Bilanz zur Verhinderungspflege, Pflege-WG und den Betreuungsgruppen: „Über die Hälfte kennt diese nicht“, betonte sie und vermutet: „Solange es einen nicht betrifft, werden die Beratungsstellen nicht wahrgenommen.“ Landrat Josef Niedermaier erklärte: „Viele gehen eher zur Wohlfahrt als zu einer Beratungsstelle.“

Sorgen des Älterwerdens

Bevor Christiane Bäumler vom Landratsamt dem Sozialausschuss die Bevölkerungs- und Pflegebedarfsanalyse vorstellte, nannte sie noch ein paar wesentliche Zahlen aus der Senioren-Bürgerbefragung. Nach Meinung der Befragten gehen am meisten Geschäfte des täglichen Bedarfs (16,3 Prozent) ab – insbesondere in Egling, Gaißach, Reichersbeuern und Wackersberg. Außerdem werden von den Senioren öffentlich zugängliche Toiletten vermisst (15,2).

Weiterhin werden von rund 14 Prozent der Befragten Treffpunkte als fehlendes Angebot für ältere Personen genannt. Dicht gefolgt von Apotheken (12) und Banken (10), die eher im Norden abgehen würden. Mit knapp zehn Prozent sind auch zu wenig Fachärzte in den Räumen Mitte und Loisachtal gelistet. Neun Prozent vermissen außerdem Anlaufstellen für die Post und wünschen sich mehr Ruhebänke im Landkreis und in den Gemeinden (6,7).

Bei der freien Möglichkeit anzugeben, was sich die Befragten dringend vom Landkreis wünschen würden, kamen die meisten Angaben zum ÖPNV, zur Infrastruktur, Informationsvermittlung und zum Erhalt sowie zur Gestaltung des Wohnraums.

Insgesamt „sind über 70 Prozent der Befragten mit der Lebenssituation im Landkreis sehr zufrieden oder zufrieden“, berichtete Bäumler weiter. Auch wenn diese Zahlen im Vergleich zur vorherigen Studie etwas abgenommen habe, „ist das ein sehr guter Wert“, betonte Bäumler.

Wachstum zeigt sich dagegen bei der Bevölkerung im Landkreis. Laut Bäumler werden bis zum Jahr 2040 rund 30.000 Bürger mehr durch Zuzug erwartet. Wie die Statistik aufzeigt, „ziehen mehr Leute her, als weg“. Damit einher geht auch der demografische Wandel – also die sinkende Zahl von Menschen im jüngeren Alter und die gleichzeitig steigende Zahl von Älteren.

Pflegebedarfsprognose bereiten Bedenken: „Triage im Pflegeheim“

Für den Pflegesektor werde es insbesondere dann schwierig, wenn geburtenstarke Jahrgänge der Baby-Boom-Generation (1955 bis 1969) aus der Erwerbstätigkeit austreten oder selbst ins pflegebedürftige Alter kommen. Bereits bis 2025 rechnet Bäumler im Landkreis mit 700 Menschen mehr, die gepflegt werden müssen. „Die Aufgaben werden in den nächsten Jahren wachsen“, betonte sie. „Wir haben jetzt schon ein Problem, da die Pflege am Anschlag ist.“

Bäumler hat sich auch beim Pflegepersonal umgehört, „die uns ihr Herz ausgeschüttet haben“, erklärte sie dem Sozialausschuss. Aktuell gebe es im Kreis 85 nicht nutzbare stationäre Pflegeplätze aufgrund von Personalmangel. Weitere 36 Einrichtungen suchten 105 Kräfte im Altenpflegebereich. Auch sei die Erhöhung von Ausbildungskapazitäten aufgrund von mangelnden Lehrerkapazitäten kaum möglich.

Landrat Josef Niedermaier
Landrat Josef Niedermaier sorgt sich über künftigen Pflegebedarf. © Archiv

„Frust macht sich breit“, erklärte Bäumler, die das in vielen Sozialbereichen spürt. Gerade in der Altenpflege, „die gesellschaftlich schlechter bewertet werde als die Krankenpflege“. Auch gaben viele Mitarbeiter im Gesundheitswesen an, dass sie sich in ihrer Arbeit nicht mehr wertgeschätzt fühlen. Grund: Das protokollieren der Pflegeleistung werde mittlerweile höher bewertet als das Ergebnis am Patienten. „Es werden Standards gesetzt, die viele nicht mehr einhalten können.“

Sozialamtsleiter Thomas Bigl kennt den geschilderten Frust. „Viele fühlen sich zu schlecht in ihrer Arbeit behandelt“, sagte er. Und seien unter den Strukturen und Bedingungen auch nicht mehr bereit dazu. Geht das so weiter fürchtet Bigl: „Dann haben wir eine Triage im Pflegeheim.“ Bäumler ergänzte: „Dann muss die Pflege irgendwo im Privaten geleistet werden.“ Landrat Josef Niedermaier nahm die Pflegebedarfsprognose „mit Sorge zur Kenntnis“.

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