„Wir haben jetzt schon Pflegenotstand“

Behindertenbeauftragter Ralph Seifert berichtet im Interview über die Inklusionssituation im Landkreis

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Behindertenbeauftragter im Landkreis Ralph Seifert setzt sich für die Inklusion im Kreis ein.

Landkreis - Im Gespräch spricht Ralph Seifert über Treppen, das Älter werden und die EU-Behindertenrechtskonvention. 

Das Gelbe Blatt: Herr Seifert, würden Sie mit dem Rollstuhl quer durch China reisen?

Seifert: Ich würde mich das nicht trauen, das Risiko ist zu groß. Ich habe das Buch von Andreas Pröve gelesen, wie er vor Jahren Indien bereist hat. Das ist schon heftig.

Lesen Sie dazu: Im Rollstuhl quer durch China, Andreas Pröve berichtet davon

Von China nach Bad Tölz: Ist es als Rollstuhlfahrer möglich vom Badeteil unkompliziert zur Flinthöhe zu kommen?

Ja. Die neuen Busse des RVO sind alle barrierefrei. Und somit für Rollstuhlfahrer gut befahrbar. Für die Zukunft wird es Thema sein, auch die Bushaltestellen hier barrierefrei nachzubessern. Da achten wir darauf.

Wie sieht es um die Barrierefreiheit im Landkreis aus?

Das ist von Kommune zu Kommune unterschiedlich und auch der Topografie geschuldet. Und wird immer mehr gefragt, aufgrund des demografischen Wandels. Beim Alter kommt keiner aus, das geht einher mit der Barrierefreiheit. Damit Senioren selbstbestimmt am Alttag teilnehmen können.

Was meinen sie damit konkret?

Barrierefreiheit ist ein wachsender Prozess: der Bedarf in der Bevölkerung wird zunehmen, da die Leute immer älter werden. Deshalb ist es wichtig, am Thema dran zu bleiben. Bereits jetzt ist die Logistik hoffnungslos überfordert. Also, wenn ein Kranker oder Behinderter zum Arzt muss, braucht er eine Begleitperson und Fahrmöglichkeit. Dafür jemanden zu finden, ist schwer und braucht einen langen Vorlauf. Wir haben jetzt schon Pflegenotstand.

Worin liegen die Hauptprobleme?

Bereits im Alltag beim Einkaufen, Arzt- oder Friseurbesuch: Oder finden sie einmal eine Gaststätte mit einem ebenerdigen Eingang oder Toiletten, die befinden sich meistens im Keller. Die sind früher aus Platzgründen dort gebaut worden, allerdings ist das nicht mehr zeitgemäß. Ich versuche solche Themen bei Neu- oder Umbauten anzusprechen.

Mehr Rampen anstatt mehr Treppen?

Der Bau ist vom Preis her gleich, nur anders. Ziel soll sein, Bauträger durch positive Beispiele an die Thematik heranzuführen. Damit diese Vorbildfunktion eine Eigendynamik entwickelt. Kritisieren ist nämlich kontraproduktiv. Es braucht mehr Pioniere und ein Umdenken, dann verändert sich auch etwas.

Was läuft positiv im Bereich Barrierefreiheit im Landkreis?

Im Vergleich zu anderen bayerischen Landkreisen, sind wir besser dran: Weil wir eine Urlaubsregion sind, und viele ältere Gäste kommen. Kleinere Beispiele finden sich etwa in Tölz und Lenggries, dort sind Straßenübergänge und Verkehrsinseln barrierefrei.

Was wünschen sie sich weiter?

Dass Kommunen ein Auge darauf werfen, bei Wohnbauprojekten Barrierefreiheit einzuhalten und zu kontrollieren. Nach der UN-Behindertenrechtskonvention hat jeder Mensch das Recht, selbstbestimmt am Alltag teilzunehmen. Von der Bundesrepublik gibt es aber keinen Druck auf die Länder – die Bundesteilhabeplanung ist nämlich kein muss. Auch bei uns hat sich der Kreistag nur zähneknirschend darauf eingelassen. Besser gleich drauf achten, als kostspielig nachzurüsten.

Das Gespräch führte Daniel Wegscheider

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