Frieden auf Achttausendmetern geschlossen

Bergsteigerlegende Hans Kammerlander berichtet im Tölzer Kurhaus über sein abenteuerlichen Leben

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Hans Kammerlander (l.) nahm sein Publikum mit auf eine spektakuläre Reise durch sein bewegtes Leben. Mit dabei, Stephan Keck (r.), die beiden verbindet die Leidenschaft zu den Bergen und Tibet.

Bad Tölz – Seit Wochen ausverkauft. Trotz Corona war der große Saal im Tölzer Kurhaus samt Galerie gefüllt. Nach Reinhold Messner kam nun auch sein Zögling Hans Kammerlander mit einem packenden Live-Multivision-Vortrag über sein Leben als Extrembergsteiger zum Wunderfalken „Outdoor- und Adventure“-Festival.

Im Gepäck hatte der 63-jährige Südtiroler Ausschnitte aus dem Kinofilm „Manaslu – Der Geisterberg“ von 2018, in dem seine Lebensgeschichte gezeigt wird, auch sein Freund Stephan Keck erzählte dem Publikum von den Widrigkeiten bei den Dreharbeiten.

Der Bergführer und Gleitschirmflieger Stephan Keck übernahm für die Filmaufnahmen von „Manaslu“ an der Seite von Hans Kammerlander die alpine Leitung, Planung und Organisation. Vergangenen Samstag gewährte er dem Publikum einen Einblick in die Schwierigkeiten bei den Dreharbeiten auf 5.000 Meter Höhe mit einer eher alpin-unerfahrenen Crew: 15 Personen, 50 Tage am Berg plus fast 3.000 Kilogramm Filmequipment und Ausrüstung – eine organisatorische und logistische Herausforderung. Hinzu kamen zahlreiche Formalitäten um Drehgenehmigungen, Hubschraubereinsätze und Genehmigungen für die Crew.

Den Filmleuten waren die Besonderheiten und Anstrengungen der extremen Höhe teilweise nicht bewusst. So lasse sich etwa eine Drohne in der dünnen Luft nicht mehr richtig steuern, berichtete Keck. Auch bargen Wiederholungen von Kameraaufnahmen von Aufstiegen über zerklüftete Gletscherspalten große Gefahr. Zuerst wurde an Trägern gespart, um dann am Ende per Hubschrauber auf den Gipfel zu fliegen, um dort zu filmen. „Das hatte nichts mehr mit Bergsteigen zu tun“, fasste Keck seinen Ausflug in die Filmwelt zusammen.

Alpinist, Grenzgänger und Abenteurer

Was treibt Menschen wie Kammerlander und Reinhold Messner immer wieder zu solchen extremen Unternehmungen? So richtig verstehen werden wir „Normalos“ das wohl nicht können. Kammerlander versuchte mit anschaulichen Erzählungen und atemberaubenden Bildern, untermalt von Ausschnitten aus dem Film über sein Leben diese Faszination an Bergen, Abenteuer und der Freiheit zu vermitteln – die Menschen wie ihn antreiben.

Aufgewachsen auf einem Bergbauernhof im Südtiroler Ahrntal, zogen ihn als jungen Mann die Berge und Gipfel um ihn herum magisch an. „Ich war bergsüchtig“, gesteht Kammerlander selbst und verschob die Grenzen des Möglichen vor allem beim Klettern. Dadurch wurde Messner auf ihn aufmerksam und nahm ihn im Winter 1982 mit in den Himalaya. Für den Bergbauernbub eröffnet sich eine völlig neue Welt. Er war bis dahin noch nie aus der Heimat fort, saß noch nie in einem Flugzeug.

Das Basislager für ihre Expedition auf den 8.201 Meter hohen Cho Oyu lag auf über 5.000 Meter über dem Meer – höher als der höchste Berg Südtirols. Doch sie mussten ihr Vorhaben aufgrund von Neuschnee und hoher Lawinengefahr abbrechen. Kammerlander gab zu, dass er damals weiter gegangen wäre. „Ich war ein junger, übermütiger Kerl“. Aber der erfahrene Messner lehrte ihm die Gefahren der hohen Berge.

In den folgenden vier Jahren wurden Kammerlander und Messner die bis heute erfolgreichste Seilschaft. Gemeinsam bestiegen sie sieben der vierzehn Achttausender. Darunter waren so herausragende Leistungen wie die erste Begehung der Annapurna Nordwestwand und die erste Überschreitung zweier Achttausender an den Gasherbrum-Gipfeln im Karakorum. 1986 standen beide am Gipfel des Lhotse – als erster Mensch hatte Reinhold Messer alle vierzehn Achttausender bestiegen.

Tragödie am Schicksalsberg

Kammerlander kommt vom Klettern und Skifahren. Daher wählte er nach seiner Zeit mit Messner eigene, neue Wege. Er bestieg insgesamt zwölf der 14 Achttausender. Er wählte häufig schnelle Aufstiegsrouten, um dann mit Skiern abzufahren. So gelang ihm 1990 die erste Abfahrt über die Diamir-Wand am Nanga Parbat. 1996 fuhr er als erster Mensch vom Everest über die Nordwand mit Skiern bis ins Basislager. Der Aufstieg zum Everest in 16 Stunden und 40 Minuten ist bis heute die schnellste Besteigung der Nordwand des höchsten Berges der Erde.

Ähnlich wie sein Mentor Messner fand auch Kammerlander seinen Schicksalsberg. 1991 organisierte er eine Expedition zum Manaslu, den achthöchsten Berg der Erde. Er wollte jungen Alpinisten die Möglichkeit eröffnen, ebenfalls einen der Himalaja-Riesen zu besteigen. Es wurde eine Tragödie. Kammerlander verlor innerhalb weniger Stunden zwei seiner besten Freunde. Karl Großrubatscher stürzte ab. Friedl Mutschlechner vom Blitz erschlagen. Kammerlander kehrte als gebrochener Mann heim, schloss mit den Bergen ab. Erst sein achtjähriger Patensohn Daniel holte ihn aus dem Exil zurück. Und 26 Jahre nach dem Unglück kehrte Kammerlander zum Mansulu zurück, um dort seinen Film zu drehen – aber auch, um mit dem Berg seinen Frieden zu machen.

Marion Bürkner

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