Freie Fahrt zur Schule und in den Club

Beschlossene Sache: das 365-Euro-Ticket für Schüler und Auszubildende / Landkreis sieht es kritisch

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365 Euro-Ticket: damit können Schüler und Auszubildende im gesamten MVV-Netz per Bus und Bahn ohne zeitliche Einschränkung pendeln.

Landkreis/München – Der Münchner Verkehrs- und Tarifbund (MVV) hat es bereits beschlossen: das 365-Euro-Ticket für Schüler und Auszubildende. Nun muss der Münchner Stadtrat sowie die Verbundlandkreise nachziehen. Gibt es grünes Licht von allen Gremien, kann die Fahrkarte zum 1. August 2020 eingeführt werden. Ticketbesitzer sind damit im gesamten MVV-Gebiet per Bus und Bahn uneingeschränkt mobil. Münchens Oberbürgermeister und der Bayerische Staatsminister für Verkehr sehen freuen sich darauf, Landrat Josef Niedermaier eher nicht. Dennoch stimmte er am Montag im Kreisausscchuss zähneknirschend zu.

Josef Niedermaier schüttelt den Kopf, der Landrat betrachtet die Einführung des 365-Euro-Tickets nämlich kritisch: „Der Teufel steckt im Detail. Es wurde eine Schnapsidee geboren, von der man nicht mehr wegkommt.“ Damit bezieht sich der Landrat auf eine politische Entscheidung an höchster Stelle. „Ministerpräsident Markus Söder will es haben.“ Mit dem Ziel mehr junge Leute für den Öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV) zu gewinnen. Daher strebt der Freistaat Bayern die Einführung des verbundweiten Ausbildungs- und Jugendtickets zum Preis von 365 Euro pro Jahr an. Der Freistaat bietet gemäß Beschluss des Ministerrats Anfang Oktober an, zwei Drittel der Kosten zu tragen. Zu einem Drittel müssen die Mindereinnahmen von den kommunalen Auftraggebern, also der Landeshauptstadt München und den acht Verbundlandkreisen gestemmt werden.

Niedermaier kritisiert insbesondere das festgelegte Preislimit: „Eine Preissteigerung ist unmöglich“, sagt er. Der Preis errechnet sich nämlich aus einem Euro pro Tag, und dass auf ein Jahr gerechnet – sprich 365 Euro. „Davon kommt man nicht mehr herunter“, betont der Landrat. „Es ist eine Sackgasse.“ Kosten wird das Ticket laut Prognose des Freistaates rund 30 Millionen Euro. Für Bad Tölz-Wolfratshausen entfällt ein jährlicher Betrag von rund 350.000 Euro. Niedermaier kritisiert zudem die Ungerechtigkeit bei der Verteilung. Während der Landkreisnorden jubelt, schauen Schüler im Süden in die Röhre, weil das Gebiet (noch) nicht an den MVV angeschlossen ist. Zudem werden Schüler diskriminiert, die laut dem Schülerbeförderungsgesetz nicht die nächstgelegene Schule anfahren, sondern eine andere. Für sie gibt es ebenfalls kein 365-Euro-Ticket. Kein Ticket auch für Fußgänger: „Wohnt ein Schüler 500 Meter von der Schule weg, kann er in den Sommerferien nicht umsonst nach Kochel zum Baden fahren, wie sein Banknachbar, der fünf Kilometer weiter weg wohnt“, erklärt Kreisrätin Gabriele Skiba (SPD). Die Kreisrätin appelliert an die Staatsregierung eine Lösung für diese ungerechte Art der Schülerbeförderung zu finden. „Das kann der Landkreis nicht schaffen.“

Auch Kreiskollegen Georg Riesch (FW) und Michael Häsch (CSU) fordern, „eine gerechte Lösung“. Es könne nicht sein, dass ein Teil bevorzugt werde. „Und die Eltern der anderen Kinder Geld für das Ticket ausgeben müssen“, so Häsch. Denn dies ist theoretisch möglich, wenn sie selbst die 365 Euro für das Schülerticket bezahlen. Lenggries Bürgermeister Werner Weindl befürchtet dagegen Mehrkosten, die auf die einzelnen Kommunen zukommen: „Der Freistaat wird sich zurückziehen“ und den finanziellen Ausgleich müssen dann die Gemeinden umlegen, „und Steuern erhöhen“. Während die Einführung des Schülertickets den Landkreis noch hitzig diskutieren lässt, hat der MVV am Freitag bereits die Einführung eines 365-Euro-Tickets beschlossen. Und auch die Landeshauptstadt wird sich dem wohl anschließen: „Ich gehe davon aus, dass auch der Münchner Stadtrat diesem Beschluss zustimmen wird“, berichtet Oberbürgermeister Dieter Reiter, der auch Vorsitzender der MVV-Gesellschafterversammlung ist. „Es ist ein weiteres gutes Argument dafür, dass Auto stehen zu lassen und lieber mit Bus, U-Bahn und Tram zu fahren.“ Denn das Ticket gelte immer: „auf dem Weg in die Schule oder abends in den Club.“

Ebenso begrüßt Verkehrsstaatsminister Hans Reichhart den positiven Beschluss der MVV-Gesellschafterversammlung für das 365-Euro-Schülerticket: „Es ist eine riesige Chance, jungen Leuten einen Zugang zum ÖPNV zu ermöglichen und sie nachhaltig dafür zu begeistern. Wir stärken damit auch den ländlichen Raum“, so Reichhart. „Sollten sich alle Landkreise und Städte anschließen, könnten die Jugendlichen in Zukunft für 365 Euro von Garmisch bis Dachau und von Landsberg bis Landshut fahren. „Dafür unterstützen wir den MVV gerne.“

Landrat Josef Niedermaier machte am Montag im Kreisausschuss nochmals klar, dass er kein Freund von dem Ticket ist. „Das ist eine Schnapsidee, denn irgendjemand muss diese Art Tarifgeschenke ja auch zahlen“, sagte er. Freilich sei die Grundidee, Jugendliche an den ÖPNV heranzuführen, gut. Aber man müsse sich auch über die Konsequenzen klar sein. Und dazu gehöre nach Ansicht Niedermaiers der Umstand, dass die Tarifkosten etwa für Busfahrer steigen – und damit auch die Ausgaben für die MVV-Verbundlandkreise. Und: „Es kommen sicher auch Forderungen nach einem 365 Euro-Ticket für Senioren.“ Trotz dieser Vorbehalte stimmte Niedermaier am Ende für das 365 Euro Ticket. Denn: Ein Veto aus Bad Tölz würde das gesamte Projekt aufs Eis legen. „Wenn wir der einzige Landkreis sind, der nicht zustimmt, kommt das Ticket nicht.“ Und: „Dann wäre die Stimmung extrem vergiftet“, betonte er. Einzig CSU-Kreisrat Werner Weindl stimmt im Kreisausschuss gegen das Ticket.dwe/tka

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