„Bergrettung ist kein Videospiel“

Bilanz der Bergwacht Bayern: Weniger Verunglückte, dafür mehr Einsätze wegen Hilferufen

Bergwachtler auf dem Hohen Göll
+
Die Bergwacht muss bei jedem Wetter raus: Hier bergen sie einen verunglückten Tourengeher vom Hohen Göll.
  • Daniel Wegscheider
    vonDaniel Wegscheider
    schließen

Landkreis – Während die klassische Bergnot mit Verunglückten zurückgeht, steigt die Zahl von Hilferufen von sogenannten Event-Wanderern.

Bei der Bilanz der Bergwacht Bayern wurde deutlich, dass die Rettungen auch aufwändiger werden, aufgrund extremer Wetter- und Nachteinsätzen. Die Wintereinsatzbilanz der Bergwacht liest sich im Vergleich zu den Vorjahren deutlich entspannter. So sind die Einsatzzahlen von den eher üblichen etwa 5.500 auf 1.349 gesunken. Davon sind leider auch 47 Menschen tödlich verunglückt.

Der Geschäftsführer der Bergwacht Bayern, Klaus Schädler, stellte jüngst beim Pressegespräch im Tölzer Zentrum für Sicherheit und Ausbildung die Details vor. Die Zahlen bei den Alpinisten und Snowboardern „sind extrem abgestürzt, da die Skigebiete zu waren“. Während es im Winter 2019/2020 insgesamt 3.127 Unfälle gab, waren es in dieser Saison lediglich 66. Die paar wenigen bezogen sich auf Kadertrainingseinheiten vom DSV, die eine Sondergenehmigung hatten. Verantwortlich für die geringen Zahlen, sei auch ein Winter mit wenig Schnee und der Lockdown ab Mitte März gewesen.

Mehr Unfälle mit Skitourengehern

Wer jetzt denkt, der Wintersport hätte sich auf das Rodeln und Schneeschuhwanderungen verlagert, der täuscht. Hier zeigten sich kaum Auffälligkeiten für einen Anstieg (140 zu 169). Das sei auch verständlich, betonte Otto Möslang pragmatisch. Der Vorsitzende der Bergwacht Bayern erklärte es folgendermaßen: So fahre der typische Bahn- oder Liftrodler eher öfter, als jemand der zu Fuß den Berg hoch stapfen muss. Zudem seien durch den Lockdown neben den Berg­bahnen auch alle Berg­hütten geschlossen gewesen.

Während auch die Einsatzzahlen im Bereich Langlauf beim Vorjahresvergleich stabil blieben (44 zu 57), zeigt sich ein deutlicher Anstieg der Unfallstatistik bei den Skitourengehern. „Das haben wir aber erwartet“, erklärte Schädler weiter. Der Trend dazu zeichnete sich bereits vor der diesjährigen Wintersaison ab, „da die Nachfrage an Skitouren-Ausrüstungen in den Sportgeschäften sehr gefragt war, und diese teilweise ausverkauft“.

Bewegt sich die Statistik der Bergwacht Bayern bei der nordischen Disziplin und den Tourengeher stets im Bereich der 100-Marke, so schnellte sie bei Letzteren dieses Jahr auf 189 nach oben. Dadurch das die Skisaison nicht stattgefunden hatte, schnallten sich auch mehr Wintersportler die Felle auf die Skier. Logischer Schluss: „Wo mehr Skitourengeher sind, da gibt es auch mehr Unfälle.“

Auch mehr Unverletzte

Dennoch liege ihre Unfallbilanz im überschaubaren Bereich auf die bayernweite Gesamtstatistik gerechnet. Schädler sagt: „Ob wir 100 oder 200 Skitourengeher holen, dass treibt uns noch keine Schweißperlen auf die Stirn.“ Die Masse an Leuten in den Bergen sowie dem damit verbundenen „brutalen Verkehrsaufkommen“ und den überfüllten Parkplätzen, „spiegelt sich nicht wieder bei den Unfallzahlen“, ergänzte Möslang.

Gestiegen seien auch die Einsatzzahlen bei Unverletzten, die aus einer Notlage gerettet werden musste. Stichwort: „Kurze Hose und Turnschuhe auf über 1.500 Meter.“ Waren es im Winter 2019/2020 noch 83 so sticht heuer die Zahl mit 139 deutlich heraus. Sie zeige: „Bergrettung ist anspruchsvoll, es ist kein Videospiel“, betonte Schädler, der bei seiner Jahresbilanz dann auch von einem gefährlichen Einsatz in Berchtesgarden berichtete.

Bergsport rund um die Uhr

Beim Pressegespräch der Bergwacht Bayern zum Rückblick auf die Wintersaison 2020/2021, berichtete Klaus Schädler, Geschäftsführer der Bergwacht Bayern, von einem harten Einsatz am Hohen Göll am Ostrand der Berchtesgadener Alpen. Dort ist im April ein 72-jähriger, wie Schädler sagt, sehr erfahrener Skitourengeher, über eine Felswand rund 2.400 Metern Höhe abgestürzt und hatte sich schwer am Bein verletzt.

Bilanz aus dem Bergwacht-Zentrum auf der Tölzer Flinthöhe: Klaus Schädler (l.) und Otto Möslang (r.).

Die Bergung nicht ohne: Nebel, mit Sicht unter 20 Metern, und die eiskalte Temperatur unter Minus zehn Grad – dazu blies ein Sturm mit einer Windgeschwindigkeit von 150 Stundenkilometern. Der Verletzte konnte nach einem zehnstündigen Einsatz zu Fuß von den Rettern vom Berg geholt werden. „Bergrettung ist genauso anspruchsvoll, wie vor 100 Jahren“, erklärt Schädler, der anhand dieses Beispiels die Logistik und Taktik der Bergwacht bei widrigen Wetterbedingungen einmal exemplarisch schilderte.

Viele Einsätze nach 16 Uhr

„Bergsport wird 365 Tage und 24 Stunden am Tag betrieben“ resümiert Schädler. Diese Beobachtung verdeutliche einen leichten Trend. So zeigt die Jahresbilanz gegenüber dem Vorjahr, dass die häufigsten Bergwachteinsätze nach 16 Uhr und später bei der integrierten Leitstelle eingegangen waren. Schädler erinnerte sich an seine ersten Einsätze als er frisch der Bergwacht beigetreten war: „Da waren die Einsätze am Samstag und am Sonntag. Unter der Woche gab es ganz wenige.“

Bergwacht-Pressesprecher Roland Ampenberger fasste das Bergwacht-Jahr folgendermaßen zusammen: Aufgrund der Pandemie habe es eine hohe Frequentierung auf den geschlossenen Skigebieten gegeben. Allerdings auch abseits der Wege: Ein Thema, dass vermehrt per Sozialmedia getriggert werde: „Das Menschen an Orten unterwegs sind, wo keine Wege mehr ausgeschildert sind“, oder die in keinem Bergführer zu finden seien. Früher waren es halt die „Insider- oder Einheimischenwege“, aber durch Facebook, WhatsApp, Instragram und Co. gibt es keinen Ort mehr, dann das Internet nicht bebildert.

Leistungsniveau steigt an

Das bedeute für die Bergretter oftmals schwierige Einsätze an abgelegenen Orten. „Das Leistungsniveau für die Bergretter steigt an.“ Aber nicht nur das: „Starkniederschläge, Orkane und Hitzeperioden werden uns auch beschäftigen“, befürchtet Ampenberger, der sich dabei auf einen Klimareport Bayern bezieht.

Ampenbergers Ausblick für den Sommer, hängt weiterhin von der Pandemie ab. Fahren die Bergbahnen komplette über die Saison? Und wie schaut das inländische Reiseverhalten aus? Fragen, die keiner vorab beantworten kann. Dagegen ist sich die Bergwacht sicher: Wir gehen davon aus, dass die Bayerische Alpen und die Mittelgebirge hoch-frequentiert sein werden.“

Auch interessant

Kommentare