Von Zinn und Kupfer

Bronzeguss: Ein Gießverfahren bei dem Kraft und Technik gefragt ist

Ein Bronzeguss in Waakirchen
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Harte körperliche Arbeit bei heißen Temperaturen: Beim Bronzegießen braucht es mindestens vier Mann. Mithilfe der Trageschere wird der Tiegel gelenkt und die lavaartige Flüssigkeit in die Gipsschamottformen gegossen.
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    vonViktoria Gray
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Der Bronzeguss: ein uraltes Handwerk, dass schwer und schweißtreibend ist. Die junge Bildhauerin Antonia Leitner (29) geht ihrer Arbeit dennoch mit Leichtigkeit nach und erweckt mit ihrem Talent Schwermetalle zum Leben.

Reichersbeuern/Waakirchen - Hausnummer sechs am Angerbach in Waakirchen sticht heraus: Vor dem alten Bauernhaus stehen menschengroße, nackte Skulpturen. Otto Wesendonck, der Künstler und Hausherr erwarb das Grundstück im Jahr 1968. Er baute es zu dem um, was es heute ist – ein Bildhaueratelier. Im Untergeschoss, in dem damals noch die Kühe hausten, dominiert heute ein Schmelzofen den Raum. Als der heute 82-jährige Bildhauer das Anwesen kaufte fragten ihn die Einheimischen: „De oide Hütten, de reißt doch wohl ab?“. Er hat sie nicht abgerissen, sondern passte sie an seine Ansprüche an. Vor elf Jahren trat dann eine junge Frau in sein Leben. Antonia Leitner. In gemütlichen Turnschuhen, einem weiten Pulli und einer Jeans sitzt sie auf einem Holzstuhl. Ihre schwarzen, langen Haare hat sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Vor ihr, auf einem schmalen Tisch, hat sie ein Buch aufgeschlagen. Ihr Praktikumsbericht. Welche Schritte notwendig sind, bis eine Bronzefigur fertig ist, hat sie hier akribisch festgehalten. Mit der Bildhauerei fand sie damals die richtige Bühne für sich.

Im Westgiebel

Dass Leitner Bildhauerin werden will, wusste sie schon seit der Grundschule. Im Westgiebel hält sie sich oft auf. Die Wände hier sind weiß und die hohen Räume sind mit Licht durchflutet. In einer Ecke liegt ein flauschiger Sitzsack. Auf Sockeln aufgestellt und in Wandregalen stehen Skulpturen, Torsos und Büsten und unter den Schuhsohlen knarzen die Holzdielen. „Als ich hier zum ersten Mal drin war, war ich fasziniert“, erinnert sich Antonia. Mittlerweile hat sie ihr Studium an der Akademie der bildenden Künste in München mit Diplom abgeschlossen und versucht, sich als freischaffende Künstlerin einen Namen zu machen.

Antonia Leitner im Westgiebel neben dem „Prisma“.

Gießsystem aus Wachssträngen

Bei einer Ausstellung in Gut Kaltenbrunn am Tegernsee fand sich ein Liebhaber für ihr frei entworfenes „Prisma“. Eine circa 1,50 Meter hohe Form aus Edelstahl. An der oberen Kante des Prismas eine Auskerbung aus Bronze. Für eine Replik der Auskerbung wird Leitner zunächst Wachs auf 60 Grad erhitzen. Mit einem Marderpinsel wird sie eine drei bis vier Millimeter dünne Wachsschicht auf die Negativform aus Silikon auftragen. Wenn das Wachs erstarrt ist, wird sie ein Gemisch aus Gips und Schamotte in den inneren Hohlraum der Wachsfigur füllen. Die Wachsform wird dann mit einem Gießsystem aus Wachssträngen ausgestattet. Dann wird die Oberfläche der gesamten Wachsfigur mit einem Netzmittel entspannt und mit einer Feinschicht aus Gipsschamotte bedeckt. Die Form inklusive Feinschicht wird dann in eine zylinderförmige Blechschale gehalten und mit porösen Gipschamotten zur Ummantelung aufgefüllt.

Für eine Woche werden die Formen dann bei etwa 600 Grad im Schmelzofen abgestellt. Das Wachs ist ausgeglüht, der Gips totgebrannt. In den zylinderförmigen Formen befinden sich jetzt Hohlräume,die bereit sind mit 1050 Grad heißer Bronze gefüllt zu werden.Nun fehlt noch der wichtigste Schritt.

Der Guss

Der Bronzeguss: Zwei Tage später brummt der Schmelzofen. So laut, dass die Stimmen der anderen kaum zu hören sind. „Ein Guss ist harte körperliche Arbeit. Zu viert sollte man schon sein,“ weiß die Künstlerin. Im Raum in dem der Ofen dröhnt ist es warm und das im Februar wenn die Türe offensteht. „Seit ungefähr einer Stunde läuft der Ofen jetzt“, sagt Antonia. Seit einer Stunde werden dort in einem Tiegel 80 Kilo Bronze aufgeheizt. Der Schmelzpunkt liegt je nach Legierung zwischen 800 und 1.000 Grad.

Der Schmelzofen wird auf 1.100 Grad aufgeheizt.
Der heiße Tiegel wird aus dem Ofen gehoben.

Wesendonck, Leitner und zwei Helfer bekleiden sich mit feuerfester Schutzkleidung. Nachdem sie die beigefarbenen, ledernen Hosen, Jacken, Schuhschützer, Handschuhe und dunkelbraune Metzgerschürzen angelegt haben, erinnert die Kulisse an eine mittelalterliche Schmiede. Das Bronzegussverfahren wurde schon vor 4.000 Jahren so angewandt wie heute. Lediglich die Technik wurde erweitert und verfeinert. Die roten Helme mit den goldbedampften Hitzeschutzschildern holen einen zurück ins hier und jetzt. Ebenso der elektrische Kran über dem Gießgraben.

Resteverwertung: Die überschüssige Bronze wird zu Barren gegossen.

Im Gießgraben hinter den Gipsschamott-Formen der Ofen, der einem Steinkessel gleicht. Über dem Wachsofen, mit einem elektrischen Kran befestigt, ein passender Deckel. Immer wieder bedient Leitner die Steuerung des Krans und hebt den Deckel an. Wesendonck versenkt dann die Spitze eines Tauchthermometers in dem darinstehenden Graphittiegel. Im Tiegel brodelt es. Grüne Flammen züngeln wild zu den Seiten hervor. Die Temperatur steigt. Immer wieder testet Otto die Gradanzahl im Tiegel. Die Schlacke, die sich oben im Tiegel gebildet hat wird mit einem Abschäumer entfernt. „1.090“, heißt es auf einmal. Es wird leise. Ofen abgestellt. Brummen aus. Einer der Helfer zieht die Ketten des Krans in die richtige Position. Mithilfe eines Bügels wird der Tiegel aus dem Kessel gehoben. Ab in die Tiegeltrageschere. „Ein bisschen Zeit haben wir noch“, sagt Wesendonck. „Es ist noch zu heiß“, lacht Leitner. „Heute gießen wir kalt.“ 1.050 Grad. Es ist so weit. Die junge Bildhauerin steuert den Kran Richtung Gussform. Otto und ein Helfer lenken die Trageschere. Ein weiterer Helfer stützt mit einer Stange den Tiegel von Innen. Für den Fall, dass etwas schiefgeht. Alle konzentrieren sich. Zügig fließt die lavaartige Flüssigkeit in die Gussform. Die Formen sind voll.

Über Nacht wird die Figur abkühlen. „Wenn ich sie morgen herausschlage, wird sie immer noch warm sein“, sagt Leitner. Mit einem Meißel wird sie die Figur vom totgebrannten Gips befreien und mit einem Schleifgerät zum Leben erwecken.

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