Interview: „Die Impfung ist eines unserer wichtigsten Instrumente zur Eindämmung des Virus“

Corona-Koordinator Dr. Jörg Lohse verrät, warum die Zeit zwischen Erst- und Zweitimpfung wichtig ist

Astrazeneca-Impfstoff
+
Ein Fläschchen mit dem Astrazeneca-Impfstoff.

Landkreis - Die Fragen rund um den Impfstoff Astrazeneca reißen nicht ab. Dr. Jörg Lohse, koordinierender Arzt im Landkreis, ordnet im Interview ein, was es mit der Dauer bis zur Zweitimpfung auf sich hat.

Wie hoch ist der Impfschutz, wenn man das erste Mal mit Astrazeneca geimpft ist?

„Durch eine erste Impfung mit dem Impfstoff von Astrazeneca, der eigentlich Vaxcevria heißt, bildet der Körper bereits nach einer Woche Antikörper. Sie schützen vor Infektion und einer schweren Erkrankung, also einem schweren Verlauf.“

Was bewirkt dann die zweite Impfung?

„Die Zweitimpfung soll das Anhalten des Impfschutzes über einen längeren Zeitraum garantieren. Ursprünglich wurde nach vier bis sechs Wochen eine Zweitimpfung verabreicht, mit der dann eine Schutzwirkung von etwas über 50 Prozent erreicht wurde. Mit diesem Konzept wurde in den ersten Monaten des Jahres millionenfach geimpft, diese Impfungen und deren Erfolg auch genau beobachtet. Dabei kam es zu einer überraschenden Erkenntnis: Wenn, warum auch immer, diese Zweitimpfung später gegeben wurde, schien der Schutz sich immer weiter zu verbessern.“

Also eine späte Zweitimpfung für mehr Schutz...

„Man weiß inzwischen, dass sich insgesamt eine Effektivität der Impfung von knapp über 50 Prozent entwickelt und in der Folge anhält, wenn die zweite Impfung nach vier bis acht Wochen erfolgt. Wenn jetzt aber die zweite Impfung erst nach acht bis zwölf Wochen vorgenommen wird, steigt der Schutz weiter und erreicht etwa 72 Prozent. Das heißt, dass die Impfung bereits nach einer Woche vor einem schweren Verlauf schützt, nach sechs Wochen zu 50 Prozent Schutz vor Erkrankung bietet und in den folgenden Wochen dieser Schutz immer weiter steigt. Eine zu frühe Zweitimpfung stoppt diesen Anstieg. Deswegen verabreicht man jetzt die zweite Impfung nach zwölf Wochen, um eine maximale Schutzwirkung zu erhalten.“  

Kann es passieren, dass das Zeitintervall noch länger wird?

„Damit verlassen wir die Zone dessen, was wir schon wissen. Es gibt zu zwei wichtigen Punkten noch keine gesicherten Erkenntnisse: Wie lange wirkt der Impfschutz überhaupt? Und wann kann man spätestens eine Zweitimpfung machen, ohne dass der Schutz schon wieder schlechter wird. Nach Antworten auf diese Fragen wird geforscht. Deswegen bleiben wir auf dem sicheren Boden und impfen nach zwölf Wochen.“  

Wie belastbar sind diese Studien und die basierende Entscheidung, das Impfintervall zu verändern und zu strecken?

„Die Änderung der Impfintervalle ist das Ergebnis der Beobachtungen nach millionenfacher Impfung. In dieser Pandemie ist es wie bei allem Neuen, was wir erleben. Wir lernen täglich dazu, es gibt zu vielem noch keine Erfahrungswerte. Bei den Impfungen zum Beispiel können wir auf Erfahrungen bei anderen Erkrankungen zurückgreifen, müssen aber teilweise neue Wege beschreiten. Das Wichtigste ist die offene und vorurteilsfreie Beobachtung der Wirkungen, Nebenwirkungen und die Risikoabwägungen. Und so kommt es zu den Veränderungen bei Empfehlungen.“

Dr. Jörg Lohse, koordinierender Arzt im Landkreis.

„Wenn wir den Bereich der Medikamente betrachten, mit denen Covid-19 Infektionen behandelt werden können, da könnte man zweifeln. Auch hier wurden Wege gesucht, die Anwendung beobachtet und wegen der schlechten Wirkung dieser Medikamente fast jeder dieser Ansätze schon wieder verlassen. Bei eingetretener Erkrankung stehen wir also immer noch mit ziemlich leeren Händen da. Vor diesem Hintergrund bin ich der Meinung, dass die Impfung eines unserer wichtigsten Instrumente in der Eindämmung des Virus ist. Das ist bei dieser Impfung genauso wie bei anderen Impfungen, die uns geholfen haben, einige Krankheiten nahezu auszumerzen.“

Was ist mit den Unter-60-Jährigen, die bereits mit Astrazeneca geimpft wurden und nun Biontech&Pfizer erhalten sollen?

„Das ist eine Entscheidung, die nach reiflicher Abwägung von der Gesundheitsministerkonferenz so getroffen wurde, um auch den unter 60-Jährigen einen adäquaten Impfschutz ermöglichen zu können. Wie hoch der Impfschutz bei der Mischung der Vakzine tatsächlich ist, wird derzeit erforscht. Es gibt erste Untersuchungen, dass ein Impfschutz auf jeden Fall gegeben ist. Und das ist aus meiner Sicht erst einmal am wichtigsten, dass wir schwere Verläufe verhindern können. Wie lange der Schutz dann halten wird, werden wir beobachten müssen.“

Die aktuellen Ereignisse täglich zusammengefasst: Hier geht es zum Corona-Ticker für den Landkreis. dwe

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Kommentare