Obacht vorm falschen Enkel

Corona verändert Polizeiarbeit: Weniger Diebe dafür mehr Trickbetrüger

Polizeipräsident Robert Kopp
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Videoschalte aus dem Polizeipräsidium in Rosenheim: Polizeipräsident Robert Kopp bilanziert über 2020.
  • Daniel Wegscheider
    vonDaniel Wegscheider
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Landkreis – Das Polizeipräsidium Oberbayern Süd hat seinen jährlichen Sicherheitsbericht veröffentlicht: Die aktuellen Fallzahlen zeigen die niederste Kriminalitätsbelastung, die in den vergangenen zehn Jahren erfasst wurde.

Im Jahr 2020 wurden insgesamt 54.141 Straftaten in der PKS (siehe Infobox) erfasst. Dies bedeutet einen Rückgang um 627 Straftaten. Auch verantwortlich dafür, die beiden Lockdowns, die zu einer Veränderung im polizeilichen Einsatzgeschehen geführt haben. Regional auf den Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen bezogen, verringerten sich die Kriminalitätsfälle ebenfalls: so wurden dort insgesamt 4.580 Straftaten registriert, 399 weniger als noch im Vorjahr.

Zahlen & Fakten

Die Datengrundlage des Sicherheitsberichts ist die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS). In dieser werden deutschlandweit alle polizeilichen Straftaten nach dem Strafgesetzbuch erfasst. Darin nicht enthalten sind Verkehrs- und Staatsschutzdelikte. Der polizeilich zu betreuende Schutzbereich des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd beinhaltet eine Fläche von 9.178 Quadratkilometer – mit einem 438 kilometerlangen Grenzverlauf zu Österreich. Dieser geografische Zuständigkeitsbereich besteht aus der Stadt Rosenheim sowie den neun Landkreisen Bad Tölz-Wolfratshausen, Weilheim-Schongau, Miesbach, Altötting, Berchtesgadener Land, Garmisch-Partenkirchen, Mühldorf am Inn, Traunstein sowie dem Kreis Rosenheim. Das Polizeipräsidium Oberbayern Süd mit seinen Dienststellen ist für die Sicherheit von 1.3 Millionen Einwohnern zuständig. Die wesentlichen Aussagen von Polizeipräsident Robert Kopp von der Videokonferenz aus dem Polizeipräsidiums, lesen sie auf dieser Seite zusammengefasst. 

Gerade der Rückgang im Bereich Gewaltdelikte sei auf die Lockdowns im Frühjahr und Herbst zurückzuführen, berichtet Polizeipräsident Robert Kopp. Während es draußen auf den Straßen ruhig zuging, führten Ausgangssperren und Kontaktbeschränkungen je doch zu einer Zunahme der häuslichen Gewalt. In Zahlen: ein Anstieg von 111 Straftaten. Die Dunkelziffer dürfte wahrscheinlich höher liegen. Kopp dazu: „Aufgrund fehlender sozialer Kontakte wurde häusliche Gewalt von Außenstehenden in der Pandemiezeit möglicherweise weniger wahrgenommen.“

Dagegen eine erfreuliche Entwicklung, die von den Daten des polizeilichen Sicherheitsberichts erfasst wurden, sind die Rückgänge im Bereich der Wohnungseinbrüche, Gewaltkriminalität sowie bei den Vermögens- und Fälschungsdelikten. Insbesondere Diebstahlstraftaten sind laut Statistik auf den niedrigsten Wert seit bestehen des Polizeipräsidiums gesunken.

Auf der anderen Seite vermeldet die Polizei einen enormen Anstieg im Bereich Callcenter-Betrug –wenn sich Betrüger am Telefon als Polizisten oder Enkel ausgeben – Gesamtschadenssumme 581.000 Euro. Daher hat die Polizei ihre Präventionsmaßnahmen verstärkt. „Unsere Fachberater konnten vielerorts Bankmitarbeiter sensibilisieren“, erklärt Polizeidirektor Frank Hellwig. Damit diese als letzte Instanz, einen Betrug mit häufig enormen Schadenssummen, verhindern können.

Cyberkriminalität nimmt immer mehr zu

Die Schadenssummen sind häufig enorm: allein 800.000 Euro verlor kürzlich ein Rosenheimer bei einer vermeintlich sicheren Geldanlage über mehrere Online-Handelsplattformen. Betrügern im Internet gelingt es laut Polizeipräsidium Oberbayern Süd immer wieder Menschen, durch vorgespielte Professionalität – insbesondere im Finanzsektor – um hunderttausende Euro zu betrügen.

Internetkriminalität wie der Enkeltrick und Callcenter-Betrug sind auf dem Vormarsch, das belegt der diesjährige Sicherheitsbericht des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd (siehe Titelseite). Nun warnt die Polizei vor neuen Täuschungen aus dem Netz – beim sogenannten Cybertrading, also beim Online-Handel mit angeblichen Geldanlagen in Kryptowährungen, aber auch Aktien und Anlagen.

Virtuelle Geldanlagen oder als Börsenkenner, die Schwankungen der Finanzmärkte finanziell für sich zu nutzen: Das Internet wirbt oftmals mit der schnellen Masche für viel Geld. Doch die Polizei warnt: „Das klingt für den Laien alles nach satten Gewinnen und gleichzeitig nach Überforderung. Das ist der perfekte Einstieg für Betrüger“, erklärt Andreas Guske von der polizeilichen Abteilung Kriminalitätsbekämpfungsprävention. Sei es per E-Mail oder den klassischen Telefonanruf, die Täter geben sich als „die professionellen Heilsbringer aus, nehmen ihre Kunden an die Hand zum vermeintlich großen Gewinn – den die Opfer niemals zu sehen bekommen“.

Wahnwitzige Versprechen und falsche Angaben

Oft werde in diesem Zusammenhang auch die TV-Sendung „Die Höhle der Löwen“ zitiert. Dabei wird behauptet, dass die Investitionsform in der Show ein voller Erfolg gewesen wäre. „Neben einigen Prominenten werden dem Vorstand einer großen deutschen Bank Lobesworte in den Mund gelegt“, erklärt Guske, und weiter: „All die genannten Personen haben schlichtweg nichts damit zu tun und werden missbraucht.“

Die angeblichen „persönlichen Broker oder Trader“, die sich auch telefonisch melden, wirken wie Profis und präsentieren effekt-heischend die Marktentwicklungen. Guske betont: „Wer derart belogen sein Vermögen investiert, begibt sich sprichwörtlich in die Höhle der Löwen und sieht sein Geld nie wieder.“

Zwei Betrugsfälle aus dem Landkreis

Im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen ging laut Polizeibericht ein älterer Herr dreisten Online-Betrügern auf den Leim. Was war passiert? Nach dem Verlust durch betrügerische Anlageberater nahm das Opfer die Dienste eines „Unternehmens“ in Anspruch, das ihm die Rückholung der verlorenen Summe angeboten hätte. Diese „Rückholbetrüger“ schafften es sogar durch geschicktes Agieren nochmals einen Vorschuss für ihre Hilfe zu ergaunern.

Aktienspekulation und virtuelles Geld im Internet: viele Online-Betrüger nutzen Laien dabei schamlos aus.

Ein gehackter Facebook-Account war auch der Einstieg in einen Betrugsfall mit Schaden in Höhe von mehreren zehntausend Euro. „Eine Landkreisbewohnerin las die Facebook-Nachricht einer Bekannten über eine tolle Anlageform, die diese bereits selbst erfolgreich getestet hätte“, so Guske. Doch deren Account war gehackt worden und für die Bewerbung der Betrugsmasche missbraucht worden. „Guten Glaubens hatte das Opfer ihr Geld investiert und wird es wahrscheinlich nicht wieder sehen.“ Die Kriminalpolizeiinspektion Weilheim ermittelt bereits in beiden Fällen.

Betrüger sind Meister des Schauspiels

Die Kriminalpolizeidienststellen verzeichnen derzeit eine enorme Steigerung beim sogenannten Cybertrading, sowohl bei der Quantität als auch bei der Qualität. „Die hohen Fallzahlen und steigende Schadenssummen bereiten uns Sorgen“, ergänzt Polizeipräsident Robert Kopp. Betrüger seien immer dann erfolgreich, wenn Opfer sich auf unbekanntem Terrain bewegen und hohe Gewinne bei niedrigem Risiko versprochen werden. „Sie sind zudem meisterhafte Schauspieler.“ Sei es bei den Phänomenen Enkeltrick, Falsche Polizeibeamte oder wie hier beim ebenfalls sehr einträglichen Anlagebetrug. Sie wiegen ihre Opfer in Sicherheit und erschleichen sich äußerst geschickt ihr Vertrauen. Kopp sagt: „Bitte bewahren Sie sich ein gesundes Misstrauen und fragen Sie Fachleute, wenn es um Ihr Vermögen geht.“

Misstrauen und Scham

Eines ist auch wichtig: Niemand sollte sich schämen Opfer eines Betruges geworden zu sein und sich aus diesem Grunde nicht bei der Polizei melden, erklärt Kopp: „Die uns bekannten Fälle belegen, dass dies Menschen aus allen Bevölkerungs- und Bildungsschichten passieren kann.“ Betroffene, die ins Visier der Täter geraten sind oder bereits Opfer sind, sollten die Polizei verständigen. „Neben den aufwändigen Ermittlungen bauen wir auf Aufklärung, um so den Betrügern einen Strich durch die Rechnung zu machen“, so der Polizeipräsident.

Daniel Wegscheider

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