„Das Deltavirus unterschätzt“

Corona-Ampel im Tölzer Land ab Samstag auf Rot

Ein Coronavirus.
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Das Deltavirus verbreitet sich rasant. Das spürt nun auch der Tölzer Landkreis. (Symbolbild)
  • Daniel Wegscheider
    VonDaniel Wegscheider
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Landkreis – Der Tölzer Landkreis ist ab Samstag ein Hotspot.

Die hiesige Corona-Ampel schlägt bald auf Rot um: Nachdem die Bayerische Staatsregierung die Corona-Regeln für Bayern für sogenannte Hotspots erlässt, treffen die verschärften Infektions-Regelungen unerwartet auch den Landkreis.

Am Donnerstag (4. November) meldete sich Landrat Josef Niedermaier bei der Presse per Videochat und verkündete die unerwartete Anordnung: „Wir müssen handeln.“

Jetzt ist es auf einmal doch sehr schnell gegangen. Laut der Homepage vom Robert-Koch-Institut (RKI) schien der Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen noch weit entfernt davon zu sein, um als regionaler Hotspot eingestuft zu werden.

Die 7-Tage-Indzidenz lag laut RKI am Donnerstag (4. November) bei 136,5. Während Nachbarlandkreise wie Garmisch-Partenkirchen oder Miesbach schon doppelt und sogar fünfmal so hohe Zahlen hatten.

RKI-Zahlen stimmen nicht

Josef Niedermaier fiel beim Pressegespräch gleich mit der Tür ins Haus: „Die Inzidenz vom RKI stimmt nicht. Wir liegen weit über 300.“ Wo der Fehler liegt, spiele jetzt keine Rolle, fuhr der Landrat fort. Zudem sei die Intensivbetten-Kapazität zu 91 Prozent ausgelastet.

Zur Stunde als Niedermaier sprach, gab es noch ein freies Bett. Was Alarmstufe Rot bedeutet. Denn in der Münchner Kabinettssitzung wurde beschlossen, dass diese zwei Bedingungen erfüllt sein müssen, damit eine Region als Hotspot gilt und die Corona-Ampel auf rot umschaltet.

FFP2 wieder Standard

Somit heißt es für den Landkreis ab dem heutigen Samstag, 6. November: Statt der 3G-Regel gilt die 2G-Regel. Ausgenommen sind hier Gastronomie, Beherbungsunternehmen und körpernahe Dienstleistungen. Bedeutet: Nichtimmunisierte können diese nur mit einem aktuellen PCR-Test nutzen.

Außerdem ist jetzt die FFP2-Maske wieder Standard. Für den Landrat ist das Wichtigste der Infektionsschutz, daher appelliert er an die Vernunft eines jeden Einzelnen: „Bitte haltet die Regeln ein. Ihr gefährdet sonst andere.“

Wie drastisch die derzeitige Corona-Lage tatsächlich ist, beschrieb indes Jörg Lohse. Er ist Hausarzt und ärztlicher Koordinator des Landkreises: „Seit zwei Wochen erleben wir einen erheblichen Anstieg in den Praxen“, betonte er. „Es ist erschreckend wie schnell das ganze geht. Wir haben unterschätzt, wie rasant das Deltavirus ist.“

„Wir haben zu früh gelockert“

Hausarzt Jörg Lohse schilderte beim Pressegespräch aus seinem Praxisalltag wie aggressiv das Corona-Deltavirus wirkt. So haben betroffene Patienten berichtet, dass zuerst das Kind mit einer Schnupfnase von der Schule nach Hause gekommen war. „Nach fünf Tagen war dann die ganze Familie positiv.“ Zehn Prozent, der zu Behandelnden seien an Corona schwer erkrankt.

Pandemie der Ungeimpften

Lohse hatte aber auch gutes zu berichten: „Wir sehen, dass der Impfschutz gut hält.“ Gerade bei Jüngeren sei dies der Fall. Ab 70 Jahren steige dann das Risiko der sogenannten Impfdurchbrüche.

Bedeutet: Trotz vollständiger Impfung können sich Menschen mit dem Coronavirus infizieren und sogar erkranken. Lohse betonte weiter: „Es ist eine Pandemie der Ungeimpften.“

Der ärztliche Koordinator des Landkreises schilderte weiter: „Die Praxen sind derzeit am Limit.“ Besonders beunruhige Lohse das Szenario, der vollen Intensivstationen mit Covid-Patienten. „Viele haben die letzten Wochen total unterschätzt. Wir haben zu früh gelockert und jetzt fliegt es uns um die Ohren“, so Lohse. Er empfiehlt daher die Booster-Impfungen, gerade für die erste Gruppe der Geimpften, die bereits über ein halbes Jahr her ist.

Auch Landrat Josef Niedermaier appellierte bei dieser Gelegenheit noch einmal eindringlich an alle Unentschlossenen: „Bitte geht‘s zum Impfen. Es hilft.“ Auch im Hinblick auf die hiesige Impfquote in der Region.

„Impfen hilft“, appelliert Landrat Josef Niedermaier an die Bürger. (Symbolbild)

Sie sei hier noch unterdurchschnittlich im Vergleich zur Landesbilanz. Während sie bayernweit bei 66 Prozent liegt, sind es im Landkreis nur 58 Prozent. Im Landkreis gebe es aber ausreichend Kapazitäten an Vakzinen. „Im Landkreis sind wir so aufgestellt, dass jeder ohne Anmeldung sofort geimpft werden kann“, betont Lohse.

Zum Teil Mystisch

Warum die Impfbilanz nicht weiter nach oben klettert, kann Lohse eigentlich nicht nachvollziehen. „Das ist zum Teil Mystisch“, betonte er. Viele seien etwa von der Angst getrieben, dass sie aufgrund von Nebenwirkungen etwa keine Kinder mehr bekommen könnten. „Da kommt man mit Vernunft nicht mehr weiter.“

Lohse hat auch schon erlebt, dass sich die Angst in aggressives Verhalten umschlagen kann und dann die Toleranz zurücktritt. „Da hört man einander nicht mehr zu.“ Das mache ihn und seinen Arztkollegen das Leben oftmals schwer.

Eine schwer Zeit hätte auch das Pflegepersonal speziell auf den Intensivstationen hinter sich. „Sie sind nach 18 Monaten ausgelaugt und mürbe. Das zerrt an den Nerven“, berichtete Niedermaier.

Viele in der Bracnche hätten deshalb auch ihren Job gewechselt. Und viele seien einfach nur „stinksauer“ und haben einen „Frust auf Ungeimpfte“, die nach einer Corona-Erkankung auf den Notfallstationen landen. Niedermaier: „Wir werden über Jahre lernen müssen, mit dem Virus zu Leben. Deshalb schaltet Hirn ein, um Ansteckungen zu vermeiden.“

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