„Bergsport ist kein Tischtennis“

Tödliche Gefahr durch Lawinen: DAV probt Ernstfall am Spitzingsee

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Mit Schneeschuhen Lawinen auf der Spur: DAV-Bergführer zeigen wie ein Schneeprofil erstellt wird und verschüttete Personen gefunden werden können.

Spitzingsee/Landkreis – Immer mehr Besucher zieht es auch im Winter in die Berge. Schneeschuhtouren liegen im Trend. Doch wie verhält man sich richtig im Fall einer Lawine? Der DAV hat jüngst den Ernstfall am Spitzingsee geprobt.

Schneeschuhtouren liegen im Trend. Dies bestätigen jüngst Bergführer bei einer Pressekonferenz am Spitzingsee auf der Albert-Link-Hütte, die von der Sektion München des Deutschen Alpenvereins (DAV) betrieben wird. Derzeit herrscht Lawinenwarnstufe eins im bayerischen Alpenraum (Stand: 23. Januar), also eine geringe Gefahr abseits von offiziellen Skigebieten wie Brauneck, Spitzingsee und Sudelfeld im freien Gelände. Verantwortung in der Natur erfordert wichtige Kenntnisse und Fähigkeiten. Kern­elemente sind dabei Lawinenlagebericht, Tourenplanung, Risikomanagement sowie die richtige Ausrüstung.

Kalter Atem steigt im Rhythmus der Schritte auf, hinauf über vereisten Berghänge am Spitzingsee, der derzeit zugefroren ruht. In einer Gruppe führen DAV-Bergführer Vertreter der Presse in Serpentinen nahe der Albert-Link-Hütte durch kniehohen Schnee einen Hügel hinauf. Ausgerüstet mit roten Schneeschuhen, Stecken und Sonnenbrille. Die Temperaturen sind kalt, doch hinter Berghängen hervor blitzen Sonnenstrahlen und wärmen – optimales Wintersportwetter.

Guter Anlass des DAV, seinen Termin dort zu dieser Zeit abzuhalten: „Immer mehr Menschen zieht es im Winter in die Berge“, berichtet DAV-Sprecher Thomas Bucher. Insbesondere dann, wenn Sonne und Schnee sich verbünden. So schön die verschneite Landschaft für Spaziergänger, Tourengeher sowie Ski- und Snowboardfahrer auch ist, birgt sie dennoch abseits der gesicherten Wege und Pisten Gefahr. Gemeint sind Lawinenabgänge.

Tödliche Gefahr durch Lawinen: Deutscher Alpenverein lehrt Theorie und Praxis auf dem Berg

Mit Schneeschuhen Lawinen auf der Spur: Deutscher Alpenverein lehrt Theorie und Praxis auf dem Berg © Wegscheider
Mit Schneeschuhen Lawinen auf der Spur: Deutscher Alpenverein lehrt Theorie und Praxis auf dem Berg © Wegscheider
Christoph Hummel (r.) von der DAV-Sicherheitsforschung zeigt einen ausgelösten Lawinen-Airbag © Wegscheider
Mit Schneeschuhen Lawinen auf der Spur: Deutscher Alpenverein lehrt Theorie und Praxis auf dem Berg © Wegscheider
Mit Schneeschuhen Lawinen auf der Spur: Deutscher Alpenverein lehrt Theorie und Praxis auf dem Berg © Wegscheider
Mit Schneeschuhen Lawinen auf der Spur: Deutscher Alpenverein lehrt Theorie und Praxis auf dem Berg © Wegscheider
Mit Schneeschuhen Lawinen auf der Spur: Deutscher Alpenverein lehrt Theorie und Praxis auf dem Berg © Wegscheider
Mit Schneeschuhen Lawinen auf der Spur: Deutscher Alpenverein lehrt Theorie und Praxis auf dem Berg © Wegscheider
Mit Schneeschuhen Lawinen auf der Spur: Deutscher Alpenverein lehrt Theorie und Praxis auf dem Berg © Wegscheider
DAV-Bergführer Benedikt Hiebl sucht per LVS-Gerät den Boden nach einem Signal ab. © Wegscheider
DAV-Bergführer Benedikt Hiebl sucht per LVS-Gerät den Boden nach einem Signal ab. © Wegscheider
Mit Schneeschuhen Lawinen auf der Spur: Deutscher Alpenverein lehrt Theorie und Praxis auf dem Berg © Wegscheider
DAV-Bergführer Benedikt Hiebl sucht per LVS-Gerät den Boden nach einem Signal ab. © Wegscheider
DAV-Bergführer Benedikt Hiebl sucht per LVS-Gerät den Boden nach einem Signal ab. © Wegscheider
Mit Schneeschuhen Lawinen auf der Spur: Deutscher Alpenverein lehrt Theorie und Praxis auf dem Berg © Wegscheider
DAV-Bergführer Benedikt Hiebl führt eine Verschüttetensuche mit einer Sonde vor © Wegscheider
DAV-Bergführer Benedikt Hiebl führt eine Verschüttetensuche mit einer Sonde vor © Wegscheider
Mit Schneeschuhen Lawinen auf der Spur: Deutscher Alpenverein lehrt Theorie und Praxis auf dem Berg © Wegscheider
Mit Schneeschuhen Lawinen auf der Spur: Deutscher Alpenverein lehrt Theorie und Praxis auf dem Berg © Wegscheider
Mit Schneeschuhen Lawinen auf der Spur: Deutscher Alpenverein lehrt Theorie und Praxis auf dem Berg © Wegscheider
DAV-Bergführer Jan Mersch erklärt das sogenannte Lawinen-Mantra im Gelände © Wegscheider
DAV-Bergführer Jan Mersch erklärt das sogenannte Lawinen-Mantra im Gelände © Wegscheider
Thomas Feistl ist Leiter der Lawinenwarnzentrale Bayern © Wegscheider
Mit Schneeschuhen Lawinen auf der Spur: Deutscher Alpenverein lehrt Theorie und Praxis auf dem Berg © Wegscheider
Mit Schneeschuhen Lawinen auf der Spur: Deutscher Alpenverein lehrt Theorie und Praxis auf dem Berg © Wegscheider
Mit Schneeschuhen Lawinen auf der Spur: Deutscher Alpenverein lehrt Theorie und Praxis auf dem Berg © Wegscheider
Mit Schneeschuhen Lawinen auf der Spur: Deutscher Alpenverein lehrt Theorie und Praxis auf dem Berg © Wegscheider
Mit Schneeschuhen Lawinen auf der Spur: Deutscher Alpenverein lehrt Theorie und Praxis auf dem Berg © Wegscheider
Mit Schneeschuhen Lawinen auf der Spur: Deutscher Alpenverein lehrt Theorie und Praxis auf dem Berg © Wegscheider
Thomas Feistl zeigt am Berg wie ein Schneeprofil erstellt wird © Wegscheider
Thomas Feistl zeigt am Berg wie ein Schneeprofil erstellt wird © Wegscheider
Thomas Feistl zeigt am Berg wie ein Schneeprofil erstellt wird © Wegscheider
Thomas Feistl zeigt am Berg wie ein Schneeprofil erstellt wird © Wegscheider
Thomas Feistl (r.) und Jan Mersch im Gespräch © Wegscheider
Mit Schneeschuhen Lawinen auf der Spur: Deutscher Alpenverein lehrt Theorie und Praxis auf dem Berg © Wegscheider

Für „Lawinen: Prävention und Sicherheit“ reisten die DAVler aus München ins Oberland, um beim Pressetermin über folgende Themen zu berichten: Lawinenlagebericht, die Arbeit der Lawinenwarnzentrale Bayern, die neue DAV-Snowcard sowie das Lawinenmantra als Mittel zur Risikominimierung vor und während der Tour. Zudem sollte jeder Abseitswanderer eine Notfallausrüstung bei sich tragen – bestehend aus Lawinen-Verschütteten-Suchgerät (LVS), Sonde und Schaufel.

Die Unfallstatistik beschreibt Christoph Hummel als sprunghaft, die je nach Winter hoch und runter gehe. Abhängig vom Wetter und vom Schneedeckenaufbau. Die Zahl der durch Lawinen getöteten DAV-Mitglieder liege seit einigen Wintern auf einem sehr niedrigen Niveau, so der Sicherheitsbeauftragte des Alpenvereins weiter. Der häufigste Fall für einen abgesetzten Notruf lautet „Sturz bei der Abfahrt“. Aber es gab auch Tote durch eine Lawine – in der Saison 2015/2016 sind drei DAV-Mitglieder durch eine Lawine ums Leben gekommen.

15 Minuten bis zum Tod

Schlägt die Naturgewalt zu, zählt jede Minute: Knapp 15 Minuten, nachdem die Lawine zum Stillstand gekommen sei, habe ein Verschütteter gute Überlebenschancen, berichtet Hummel. „Falls dieser sich keine schweren körperlichen Verletzungen zugezogen hat und nicht allzu tief unter dem Schnee liegt.“ Ohne Atemhöhle drohe der Erstickungstod bereits nach wenigen Minuten. „Bei Lawinenunglücken hat die Kameradenhilfe erste Priorität“, betont Hummel. Sprich: Die geeignete Notfallausrüstung dabei haben. Und anwenden können.

In der Praxis ist jetzt Benedikt Hiebl dran. Der Bergführer ist aus Berchtesgaden angereist und führt die Gruppe ins flache Gelände. „Die Mindestausrüstung für jeden Tourengeher ist LVS, Sonde und Schaufel“, sagt er. Suchen, Finden und Retten lautet der Auftrag. Vergraben ist inzwischen sein Rucksack, darin ein LVS-Gerät, das ein Signal mit einer Reichweite von bis zu 40 Meter sendet. „Es ist die Lebensversicherung eines Verschütteten, damit Kameraden suchen können.“ Die Geräte des Suchtrupps empfangen das Notsignal und weisen den Weg per Pfeil und Abstandsangabe zum Empfänger.

Hiebls Piepser ist blau wie seine Mütze auf dem Kopf. Er stapft los durch den Schnee, ab zehn Meter Entfernung beginnt dann die Feinsuche. Dazu kniet sich der Bergführer hin und fährt ein Kreuz am Boden ab. Durch das sogenannte Einkreuzen wird das optimale Signal ermittelt und der vermutete Liegepunkt. Dort legt er dann seine Kopfbedeckung ab.

Sonde und Schaufel

Jetzt kramt Hiebl seine Sonde hervor und klappt den Teleskopstab mit einer schnellen Handbewegung auf eine Länge von rund zweieinhalb Metern aus. Dann sticht er in Spiralen um seine Mütze herum. „Dabei darf man nicht zaghaft sein“, betont er und stößt weiter. Plötzlich federt die Sonde nach, trifft auf einen Widerstand. Bei der Übung zeigt sich, der Rucksack wirkt wie ein menschlicher Körper beim Ertasten. Jetzt beginnt die schweißtreibende Arbeit. Der Berchtesgadener Bergführer greift geschickt nach seiner kleinen Lawinenschaufel, schraubt Stiel und Schaft zusammen, sticht in den Schnee. Der Rucksack ist freilich schnell gefunden, ohne einen einzigen Schweißtropfen auf Hiebls Stirn – es waren nur 20 Zentimeter. Im Notfall können es mehrere Meter sein. Dafür gräbt man aber nicht einfach ein Loch senkrecht nach unten, sondern nähert sich der geschätzten Verschüttetentiefe von der Seite her. Dreiecksschaufeln beschreibt es Hiebl. Der Vorteil: Das Opfer könne dann waagerecht aus dem Schnee gezogen werden.

„Schutz für Wintersportler, die sich im freien Gelände bewegen, bietet seit 1967 auch der Lawinenlagebericht“, erklärt Thomas Feistl, Leiter der Lawinenwarnzentrale Bayern. Die Münchner Zentrale gibt in den Wintermonaten jeden Abend ab 17.30 Uhr für die bayerischen Alpen den Bericht für den nächsten Tag heraus – mit den fünf Gefahrenstufen von gering bis sehr groß. Allerdings dürfe man nicht nur auf die nackten Zahlen vertrauen, so Feistl. Die niedrigste Gefahrenstufe bedeute nicht keine Gefahr, betont er. „Verschüttungen sind hier trotzdem möglich.“ Ein großes Missverständnis gebe es oft bei Stufe drei: „Hier werden Wintersportler oft verleitet, an eine mittlere Gefahr zu denken“, da die Skala ja bis fünf gehe. Ein Irrtum: „Stufe drei bedeutet erhebliche Lawinengefahr“, betont Feistl. Bei dieser Stufe würden 50 Prozent aller tödlichen Lawinenunfälle passieren. „Deshalb sind vom Tourengeher insbesondere Risikobewusstsein und Eigenverantwortung gefragt.“

"Die Wildnis, ist wo es weh tut"

Die Naturgewalt einer Lawine könne nicht als böse bezeichnet werden, erklärt Jan Mersch. Er ist Bergführer und Psychologe. Abseits der gesicherten Pisten befinde sich der Tourengeher in der Wildnis. Ein Ort, wo es weh tut, erklärt er. Denn Bergsteigen berge immer ein Risiko, aber das mache den Sport aus, unterscheide ihn etwa vom Tischtennis.

Der DAV lehrt deshalb Theorie und Praxis und empfiehlt die Anwendung der Snowcard (www.alpenverein.de/snowcard) als ein Bestandteil der Risikostrategie „Lawinenmantra“. Die Karte besitzt einen Prismadruck, auf dem je nach Neigung der Karte zwei verschiedene Gefahrenskalen erscheinen. Die Rückseite enthält Informationen sowie einen Kartenmaßstab: „Mit ihnen kann man die Hangsteilheiten ermitteln“, erklärt Mersch. Zur Risikokalkulation benötigt die Karte neben der aktuellen Gefahrenstufe, Information aus dem Lawinenlagebericht und die Hangsteilheit. Mithilfe dieser drei Angaben erkennt die Snowcard das Risiko und färbt sich: grün steht für gering, gelb bis orange für mittleres Risiko und rot bedeutet hohe Gefahr.

Die beste Entscheidung im Gelände: „Laufend alle uns zugänglichen Informationen zusammentragen, hinterfragen und neu bewerten“, so Mersch. Dafür stehe das Lawinen­mantra, das neben analytischer Beurteilung und Vorsichtsmaßnahmen auch den Faktor Mensch betrifft. „Meldet der Bauch Bedenken an, sollte man lieber einmal öfter umdrehen.“ Mantra, Lawinen-Airbag und Notfallausrüstung: Sie sind menschliche Hilfsmittel in der Natur, die schön, aber auch gefährlich sein kann. Doch sie sind kein Garant. Hummel: „Das oberste Ziel muss sein, gar nicht erst in eine Lawine zu geraten.“ Daniel Wegscheider

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