„Kulturschaffende sind relevant“

Die Hinterhalt-Wirtin sieht Live-Stream Auftritte auch weiterhin als das Format der Stunde

Assunta Tammelleo
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Assunta Tammelleo sorgt sich als Kleinkunstbühnen-Betreiberin um alle Kreativschaffenden.

Gelting – Gleich zu Beginn des neuen Jahres lassen wir Persönlichkeiten aus dem Landkreis Bad Tölz- Wolfratshausen zu Wort kommen. Im Gespräch berichtet Assunta Tammelleo, Betreiberin der Kulturbühne Hinterhalt in Gelting über die Herausforderungen im vergangenen Jahr. Damit die Kleinkunstbühne keine kulturelle Pause einlegt, wurde für Auftritte gesorgt, die via Live-Stream übertragen wurden.

In der Reihe„Wie geht‘s..?“ fragen wir Landkreis-Persönlichkeiten, wie sie die ungewöhnlichen Corona-Zeiten erleben.

Mit welchen drei Adjektiven würden Sie das Jahr 2020 beschreiben?

„Unberechenbar, bestürzend, überraschend.“

Wie haben Sie das vergangene Jahr erlebt: berichten Sie…

„Das sich dem Ende neigende Jahr ist ein besonderes für die meisten von uns. Für mich das Wesentliche ist, dass sich Hendrik Noeller und Thorsten Thane, mit ihrem eigenen Equipment und Know-How in einer aussichtslos anmutenden Situation in kultureller Sicht zur Verfügung gestellt haben. Wie wunderbar ist das. Und so können wir zusammen mit Daniel Schüssler der Firma Infoteq seit Ende März LIVE-Streams organisieren und für alle Beteiligten Spenden sammeln. Über 30 Veranstaltungen sind es bis jetzt, mit über 42.000 Zuschauern an den Bildschirmen zu Hause. Was für eine schöne Sache. Darüber vergesse ich bisweilen den ganzen unschönen Rest. Und auch immer noch bin ich nicht einverstanden, dass wir unsere nicht subventionierte Traditionsbühne, den Hinterhalt, komplett für Publikum schließen müssen. Wir haben Hygiene-Konzepte, Lüftungsmöglichkeiten, Desinfektionsmittel und vieles mehr und doch müssen wir zubleiben. Das ist für mich und viele Kreativschaffende komplett unverständlich. Dass Kunst und Kultur nach allem anderen kommt, das zeigt sich offensichtlich in Krisenzeiten ganz besonders deutlich. Aus meiner Sicht ein Fehler. Wir Kulturschaffende sind vielleicht nicht systemrelevant, laut Prof. Jochen Schölch, Intendant des Münchner Metropoltheaters sehr wohl aber human- und demokratie-relevant.“

Welche Nachteile hat ihnen die Corona-Pandemie eingebracht?

„Nun, den Hinterhalt betreibe ich inzwischen nebenbei seit zwölf Jahren. Ohne Subventionen, aber mit viel Unterstützung der Aktiven des Kulturverein Isar Loisach. Sonst gäbe es diese Bühne gar nicht mehr. Persönlich habe ich in 2020 viel eigenes Geld reinstecken müssen gegen quasi Null Einnahmen. Das ist eine echte Belastung. Ein wenig Unterstützung habe ich bekommen, gebraucht hätte ich mehr. Die Künstler, mit denen ich Kontakt habe, denen geht es teilweise wirklich gar nicht gut. Ein Umstand, der mich sehr belastet. Wir hatten auch so großartigen Konzerte, Kabarett-Abende und mehr geplant…. Alle auf wer weiß wann verschoben.“

Können Sie aus der Krise auch was positives für sich herausziehen?

„Aus der Krise ziehe ich gar nix Positives bis auf eines: der Hinterhalt hat einen – wohl – gravierenden Wasserschaden, dessen Ursachen seit August noch nicht wirklich geklärt sind. Auch unklar ist, was in Bezug auf die Behebung unternommen wird. Nur eines: wenn schon Wasserschaden, dann am besten in Lockdown-Zeiten. Aktuell dürfen wir bei der Firma Infoteq in unserem Haus die Toiletten nutzen, denn unsere sind der Analyse des Schadens zum Opfer gefallen.“

Gibt es ein spezielles Ereignis/Erlebnis, dass sie persönlich geprägt oder beeinflusst hat?

„Ja, das ist das Zusammenkommen und die Übereinkunft mit Hendrik Noeller und Thorsten Thane und die Unterstützung durch Daniel Schüssler von Infoteq für die regelmäßigen LIVE-Streams.“

Welche Herausforderungen sehen Sie für die Zukunft?

„Die Herausforderungen für die Zukunft sind wohl besonders im gesellschaftlichen/politischen Bereich zu orten. Nicht zuletzt aufgrund dieser Pandemie sehe ich unseren demokratischen Rechtsstaat noch mehr in Gefahr als davor schon. Kaiser Söder entscheidet nach Möglichkeit alleine und stellt sich wo immer es geht als Sonnenkönig dar. Die Mitgestaltungsmöglichkeiten der Bürger werden immer mehr erschwert. In Bezug auf die von mir mit Leidenschaft betriebene nicht subventionierte Kulturbühne Hinterhalt sehe ich es eher so, dass der LIVE-Stream noch eine ganze Weile das Format der Stunde bleiben wird. Und vielleicht bei wärmeren Temperaturen viel mehr draußen stattfinden wird an Kultur, was den Städten bestimmt nicht schlecht bekommt.“

Wie sehen Ihre konkreten Pläne für 2021 aus?

„Pläne mache ich keine besonderen, weder privat noch beruflich. Und wenn ich in früheren Zeiten schon mal welche gemacht hatte, dann hat das nie hingehauen, es ist immer Plan b oder gar Plan c zum Zuge gekommen.“

Die Fragen stellte Daniel Wegscheider

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