Gesichter des Todes

Doku über Dachauer Evakuierungsmarsch: Regisseur Max Kronawitter im Interview

Ein Szenenbild aus dem Film Der Todesmarsch
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Das Szenenbild aus dem Film “Der Todesmarsch“ zeigt ausgemergelte Häftlinge auf dem langen Marsch von Dachau in Richtung Alpen.
  • Franca Winkler
    vonFranca Winkler
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Geretsried – Vor 76 Jahren spielten sich bedrückende Szenen in unserem Landkreis ab. Gemeint ist der Todesmarsch zum Ende des Zweiten Weltkrieges bei dem die Häftlinge von Dachau in Richtung Alpen getrieben wurden.

In Geretsried wurden einige hundert vorwiegend jüdische Häftlinge ins Lager Buchberg zur Ermordung geführt. Glücklicherweise konnten die Gefangenen zwei Tage nach Ankunft von den Amerikanern befreit werden. Das heutige Geretsried ist somit eine der „Endstationen“ des Todesmarsches.

Regisseur Max Kronawitter möchte mit seinen Dokumentationen zum Nachdenken anregen. In seinem neuesten Film „Der Todesmarsch“ widmet sich der Eurasburger einem düsteren historischen Ereignis in der Region. Im Interview spricht er darüber.

Herr Kronawitter, welchen Bezug haben Sie zum „Todesmarsch“?

„Seit wir in Eurasburg leben, sind uns bei Ausflügen in der Gegend immer wieder die eindrucksvollen Todesmarschmahnmale von Professor Pilgrim begegnet. Erstaunt waren wir allerdings darüber, dass das Wissen um dieses Ereignis am Ende des Krieges wenig ausgeprägt ist. 2004 besuchte mich ein älterer Priester, der jahrelang im KZ Dachau interniert war. Als er mir bei Starnberg zeigte, wo er damals auf dem Todesmarsch geflohen war, bekam der Evakuierungszug für mich eine persönliche Note und ein Gesicht. Das hat freilich mein Interesse an dem historischen Ereignis noch gesteigert.“

Dokumentarfilmer und Regisseur Max Kronawitter.

Welche Begebenheit hat Sie persönlich am meisten berührt?

„Besonders beeindruckt haben mich Geschichten wie Frauen, Männer oder Kinder aus der Bevölkerung versucht haben, den vorbeiziehenden zu helfen. Sie haben sich von der SS nicht davon abhalten lassen, den Ausgehungerten Brot oder Kartoffel zuzustecken. In Reichersbeuern etwa hat ein 14-Jähriger, dem ein völlig entkräfteter Häftling eine Ziehharmonika in die Hand gedrückt hat, bei seiner Mutter einen Laib Brot erbettelt, um sich dann in den Zug zu mischen und ihn unter Lebensgefahr an den gefangenen Musiker auszuhändigen. Ähnliche Geschichten gibt es einige.“

Wie lange haben Sie an dem Dokumentationsfilm gearbeitet?

„Bereits vor etwa 15 Jahren habe ich angefangen, für eine derartige Dokumentation zu recherchieren. Andere Filmaufträge haben mich allerdings immer davon abgehalten, das Projekt voranzutreiben. Eine Inspiration war mir auch die Arbeit des jetzigen Bundestagsabgeordneten Andreas Wagner. Neben der Materialbeschaffung fing ich an, Interviews zu sammeln. Auf diese Weise standen Filmaufnahmen von Zeitzeugen zur Verfügung, die mittlerweile verstorben sind. Die Endfassung des Filmes konnten wir dann in den Wintermonaten 2020 erstellen. Aus der Veröffentlichung zum 75. Jahrestag wurde coronabedingt leider nichts.“

Geretsried, als ehemaliger Rüstungsstandort, ist sich seiner Verantwortung um seine Geschichte sehr bewusst. Es ist uns grundsätzlich sehr wichtig, dass wir an diese schreckliche Zeit erinnern, die Ereignisse des Dritten Reiches und seine Folgen aufarbeiten und all das verantwortungsvoll an die kommenden Generationen vermitteln.

Thomas Loibl, Pressesprecher der Stadt Geretsried über die Bedeutung des Films.

Film-Premiere der Online Fassung

Mit der Evakuierung des KZ Dachau begann das Finale der NS-Diktatur. Über 10.000 Häftlinge wurden auf einen letzten Marsch Richtung Alpen getrieben. Bewacht von Bluthunden und SS-Einheiten begann ein Überlebenskampf. Wer erschöpft zusammenbrach, wurde an Ort und Stelle erschossen. Die Hauptroute führte durch das Würmtal nach Starnberg, über Wolfratshausen nach Bad Tölz und weiter über Reichersbeuern nach Waakirchen, dort befreiten amerikanische Einheiten den Elendszug.

Der bisher unveröffentlichte Dokumentarfilm, lässt nicht nur einstige Häftlinge zu Wort kommen. Zeitzeugen beschreiben, wie die Bevölkerung auf diesen „Geisterzug“ ausgemergelter Gestalten reagierte. Der Film erzählt von anrührenden Hilfestellungen, aber auch von lebensgefährlichen Einzelaktionen, um „KZ-ler“ zu retten. Darüber hinaus beleuchtet die Dokumentation auch den mühsamen Weg zu einer adäquaten Erinnerungskultur. Anschläge auf das von Prof. von Pilgrim gestaltete Erinnerungsmahnmal gehören dazu genauso, wie eine Vielzahl von Initiativen wie etwa die Gedenkmärsche des einstigen Israelkorrespondenten Friedrich Schreiber.

Der Dokumentarfilm „Der Todesmarsch“ hat am Donnerstag, 22. April, um 19.30 Uhr Premiere. Interessenten erhalten nach einer Anmeldung per E-Mail (kronawitter@ikarus-film.de), drei Tage vor der Veranstaltung den Zugangscode zur 45-minütigen Onlinefassung des Filmes. Die Langfassung über 85 Minuten wird voraussichtlich im Herbst im Kino laufen.

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