„Beachtliche Leistung für Demokratie“

SPD Bad Tölz blickt auf 100-jährige Tradition zurück

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Seit 100 Jahren ist die SPD im Tölzer Stadtrat vertreten. Dieses Jubiläum, das keine andere Partei auch nur annähernd erreicht, wurde nun – leicht verspätet – im Tölzer Ortsverein gefeiert: (hinten v.l.) Bürgermeisterkandidat Michael Ernst, Dr. Jürgen Renner, Willi Streicher, Josef Förster sowie (vorne v.l.) Camilla Plöckl, Georg Eberl und Christa Harrer. 

Bad Tölz – Am 15. März 2020 wird ein neuer Tölzer Stadtrat gewählt. Dabei bewerben sich neben der CSU die SPD, die Grünen und die Freien Wähler (FWG) um die 24 Sitze. Als einzige Partei können dabei die Sozialdemokraten auf eine über 100-jährige Tradition zurückblicken.

Die Sozialdemokraten standen bereits im Jahr 1919 zur Wahl, woran kurz vor dem Jahresende 2019 im Rahmen eines Pressegesprächs mit aktuellen und ehemaligen SPD-Stadträten im Tölzer Kolberbräu erinnert wurde. 

Der Blick ins Archiv zeigt: Am 15. Juni 1919 wurde der erste Stadtrat von Bad Tölz gewählt. Die Wahl erfolgte erstmals nach demokratischen Grundsätzen, und zwar frei, allgemein, gleich und geheim. Der Stadtrat löste damit das in der Monarchie bestehende Gemeindekollegium und den Stadtmagistrat ab. 

Gegründet wurde die Tölzer SPD bereits im Jahr 1907 als Sozialdemokratischer Verein Tölz. „Wenn man die jeweiligen Zeiten betrachtet, ist das eine beachtliche Leistung für die Demokratie hier vor Ort. Es gab wahrlich nicht nur schöne Zeiten“, so Josef Förster vom heutigen Ortsverband, der sich in den vergangenen Monaten die Mühe machte, im Tölzer Stadtarchiv die Geschichte der Tölzer SPD zu recherchieren. Der Tölzer Stadtrat bestand vor hundert Jahren aus 17 Mitgliedern. Gewählt wurde der Dekorationsmaler Michael Deschermeier, der heuer vom aktuellen Stadtrat mit der Widmung eines Weges am Isarufer eine späte Ehrung erhalten hat, der Wäschereibesitzer Georg Bayerle, der Zimmermann Dominikus Niggl und der Gütler Georg Großthanner: vier Pioniere der Tölzer SPD. Zwei von ihnen, Deschermeier und Niggl, waren auch im nächsten Stadtrat, der damals eine Amtszeit von fünf Jahren hatte. Ihre aktive Zeit wurde 1933 jäh beendet, als sie wegen des bevorstehenden Parteiverbotes auf ihre Ämter verzichteten. Deschermeier wurde nach dem 2. Weltkrieg von der amerikanischen Besatzungsmacht als 2. Bürgermeister eingesetzt. Diese Tätigkeit konnte er aber nur kurz ausüben, da er bereits im November 1945 verstarb. 

1946 wurde ein neuer Stadtrat gewählt und der kurz vorher wieder gegründete SPD-Ortsverein war mit vier von 20 Sitzen vertreten. 1948 wurden die Tölzer erneut zu den Urnen gerufen. Hier erscheint erstmals Georg Streicher, der nicht nur bei der Wiedergründung aktiv dabei war, er war auch bis 1952 zweiter Bürgermeister der Stadt Bad Tölz. Ebenfalls neu war der Fahrlehrer Ernst Thissen, der es insgesamt auf 38 Jahre im Stadtrat brachte und der bei älteren Tölzer noch unvergessen ist, zudem erinnert der Steg an der Isarlust an sein unermüdliches Engagement. Vier Jahre war er stellvertretender Landrat. 1966 hatte er sich mit Gregor Schöttl (CSU) um das Bürgermeisteramt beworben. 

1966 kam Georg Eberl, nach seiner Zimmererausbildung noch Krankenpflege-Assistent und Kapitän der ECT-Meistermannschaft, in das Gremium. Eberl brachte es mit einer Unterbrechung von 1978 bis 1984 auf 42 Jahre im Stadtrat und ist der älteste heute noch lebende Ex-SPD-Stadtrat. 

Die erste Frau in der Riege der Stadtratsmitglieder war im Jahr 1956 die Sekretärin Gusti Fischer, gefolgt von Christa Harrer, die 1972 zum ersten Mal gewählt wurde, es 1984 beinahe zur Bürgermeisterin geschafft hätte und ab 1978 die SPD-Farben 20 Jahre lang im Bayerischen Landtag vertrat. Die dritte Frau in diesem Bunde ist die amtierende Stadträtin Camilla Plöckl. „Dass es bisher nur drei Frauen für die SPD in das Gremium schafften, ist wahrlich kein Grund zur Freude, da ausgerechnet in dieser Partei schon früh die Zeichen der Gleichberechtigung im Programm verankert waren“, so Stadtrat Willi Streicher, der bei der kommenden Wahl als einziger derzeitiger SPD-Stadtrat erneut antreten wird. 

Die beste Zeit hatte die SPD in der Amtszeit von 1972 bis 1978 als acht Genossen gewählt wurden. Heute sind es mit Camilla Plöckl, Dr. Jürgen Renner und Willi Streicher nur mehr drei von 24. Mit die längste Amtszeit hatte der unvergessene Franz Fritzmeier mit 33 Jahren, der als aktiver Stadtrat im Jahr 2005 verstarb. Insgesamt waren es 32 Tölzer Frauen und Männer, die sich in den 100 Jahren als Stadträte engagiert haben. Willi Streicher, der zusammen mit Josef Förster die 100-jährige Stadtrats-Geschichte der Tölzer SPD erarbeitet hat, ist überzeugt, dass trotz der gegenwärtigen Krise der Partei ihre Ideale auch weiterhin Bestand haben werden: „Auch wenn im Moment - insbesondere für viele junge Menschen - die Sorge um das Klima im Vordergrund steht, werden Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität, Mindestlohn, Gleichstellung und vieles mehr auch zukünftig Bausteine einer Demokratie sein müssen.“ bo

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