Flößer bis zum letzten Atemzug

Josef Seitner kann frühestens im nächsten Jahr wieder Fahrten anbieten

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Flößereifamilienbetrieb in vierter Generation: Josef Seitner.

Wolfratshausen – Ende Juli erhielt Josef Seitner von der Industrie- und Handelskammer (IHK) für München und Oberbayern eine Ehrenurkunde zum 170-jährigen Bestehen des von ihm geführten Flößereibetriebes (wir berichteten). Dass er ausgerechnet im Jubiläumsjahr keine Ausflugsfahrten veranstalten darf, wurmt ihn sehr.

Seit 1850 befördert der Familienbetrieb Seitner zwischen Mai und Mitte September zahlreiche Floßfahrer von Wolfratshausen nach München. In diesem Jahr machte die Corona-Pandemie den Flößern ein Strich durch die Rechnung (wir berichteten). Denn auf den 18 Meter langen und etwa 20 Tonnen schweren Flößen aus Fichtenholz, die normalerweise bis zu 60 Personen befördern, lassen sich die Sicherheitsabstände und Hygienevorschriften nicht einhalten.

„Was früher die Pest war, ist eben jetzt die Pandemie. Alle paar Jahrhunderte kommt so ein Schmarrn daher“, bemerkte Seitner lakonisch. In diesem Jahr werde sicher keine Floßfahrt mehr stattfinden. „Solange wir keinen richtigen Impfstoff haben, kommen wir aus dem Kreislauf nicht raus“, befürchtet Seitner.  

Dabei wurde die Flößerei in diesem Jahr in das bayerische Landesverzeichnis des immateriellen UNESCO-Kulturerbes eingetragen. „Die Flößereifamilie Seitner lebt diese einmalige Tradition unserer Heimat in der vierten Generation und hoffentlich wird die Familie noch viele weitere Jahrzehnte Flöße über unsere herrliche Isar steuern“, wünscht sich der IHK-Geschäftsführer für München und Oberbayern, Dr. Manfred Gößl.

Josef Seitner ist heute noch stolz auf die Leistung seiner Vorfahren: „Jeder hat das Floßfahren betrieben – fast bis zum letzten Atemzug. Sie haben sich durchgekämpft, denn die Konkurrenz war damals groß. Heute steht die fünfte Generation schon in den Startlöchern“, erklärte er. Denn um das Jahr 1900 gaben viele Flößer ihr Handwerk auf und verkauften ihr Floßrecht an die Isar-Amperwerke.

Nicht so Sebastian Seitner: Der Großvater von Josef Seitner setzte vor Gericht durch, dass der Energieversorger an der Isar Floßgassen bauen musste. „Deshalb können wir heute immer noch die Isar mit unseren Flößen befahren“, berichtete Josef Seitner. Sein Urgroßvater Matthias Seitner entschloss sich schon 1850, den Familienbetrieb als Gewerbe anzumelden und erhielt vom damaligen Königreich Bayern die staatliche Konzession.

Nun hoffen alle darauf, dass das nächste Firmenjubiläum in einem angemessenen Rahmen gefeiert werden kann. „Normalerweise müsste diese Ehrung bei einem Empfang mit dem bayerischen Ministerpräsidenten stattfinden“, kündigte Gößl an. Peter Herrmann

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