„Anerkennung und Akzeptanz“

FWG-Gesprächsrunde über das Handwerk: Gewerbegebiete, Frauenanteil und Fachkräfte im Fokus

+
Handwerker und Kandidaten der Freien Wähler Gemeinschaft diskutieren im Tölzer Binderbräu über die Zukunft ihrer Zunft.

Bad Tölz – Handwerk hat goldenen Boden. So hieß es einst immer. Ist das noch immer so und wie sieht es um das Berufsfeld des Bäckers, Schreiners, Zimmerers sowie anderer Zünfte hier im Landkreis eigentlich aus? Darüber diskutierten vergangenen Mittwoch die Teilnehmer der Freien Wähler Gemeinschaft (FWG) um die Veranstaltung „5 vor 12“ im Tölzer Binderbräu. Dort forderten sie mehr Anerkennung für die Jobs, den Nachwuchs und Fachkräfte.

Michael Lindmair geht täglich durch eine Tür in seinem Haus, und diese schätzt er sehr. Angefertigt hat sie nämlich ein hiesiger Handwerker. Nicht nur deshalb fordert der FWG-Bürgermeisterkandidat für die Handwerkskunst „Anerkennung und Akzeptanz.“ Der Grund ist für Lindmair einfach: „Handwerker werden jeden Tag gebraucht.“ Und dafür brauche es freilich auch Platz, damit sich insbesondere kleinere Betriebe im Landkreis ansiedeln können. Sprich „verfügbare Gewerbeflächen“: Damit diese für die kleinen und mittelständischen Handwerksbetriebe nutzbar seien und „nicht immer nur an die ganz großen Betriebe gehen“.

Max und Thomas Schneider vom hiesigen Bauunternehmen haben vor sechs Jahren von der Stadt Bad Tölz eines der letzten Gewerbeflächen im Farchet erworben. „Für uns ist die Lage dort sehr gut.“ Auch Georg Melfs mittlerweile in vierter Generation betriebener Zimmereibetrieb ist dort seit 1975 ansässig. Ebenso hat FWG-Stadtratskandidatin Andrea Niedermaier 1993 ihren Betrieb expandiert, und dorthin die Produktion der Bäckerei verlagert. „Da es in der Marktstraße platz-mäßig viel zu klein war.“

Lindmair betonte, dass auch in Zukunft die Ausweisung von Gewerbeflächen in der Stadt wichtig sei. Bei seiner Aussage berief er sich auf eine Umfrage des Wirtschaftsforums Oberland. „Der Bedarf besteht.“ Auch im Farchet gibt es laut Lindmair noch Möglichkeiten zum Ausbau „auf der linken Straßenseite“. Allerdings gab er zu Bedenken, gehe dies auch immer auf „Kosten einer grünen Fläche“. Anders sei dies bei brach liegenden Arealen. Er sprach in diesem Zusammenhang auch ein Privatgrundstück auf dem Moralgelände an der Lenggrieser Straße an, das dem Unternehmen Certina Holding AG gehöre. Die Stadt versuche, das Gebiet zu erwerben.

Thema der Gesprächsrunde war auch der Frauenanteil im Handwerk: Dieses hat sich in den vergangenen Jahren gewandelt. Galt früher oftmals noch die Ansicht, der Beruf ist körperlich zu anstrengend, ist das heute dank technischer Hilfsmittel anders. „Bei uns werden keine Mehlsäcke mehr getragen“, erklärte Niedermaier. Auch im Hinblick auf Familienplanung mit Kindererziehung sei insbesondere im Verkauf die Arbeitszeit sehr flexibel.

Melf ist Lehrlingswart der Zimmerer-Innung im Landkreis und kennt auch in dieser Sparte weibliche Azubis. „Vor zwei Jahren wurde eine davon sogar Kammersiegerin. Sie war überragend“. Dass Frauen dem technischen Anspruch in Männer-dominierten Jobs gewachsen sind, bestätigte auch Kreishandwerksmeister Martin Heimgreiter. Dennoch gebe es noch Vorbehalte in der Gesellschaft. Einmal seien die Eltern einer Zimmerer-Auszubildenden auf Melf zugegangen „Und wollten, dass ich ihrer Tochter den Berufswunsch ausrede“. Zu Bedenken gab Melf: Nach der Ausbildung können sie als Meisterin oder Technikerin im Bauamt Karriere machen. „Da sind sie auch sehr gefragt.“

Gefragt seien auch auswärtige Fachkräfte, die aber bezahlbaren Wohnraum vor Ort benötigen, betonte Lindmair. Ab März soll ein Einwanderungsgesetz den Zugang von Handwerken aus Nicht-EU-Ländern erleichtern. Bäckereimeister Leo Büttner beschäftigt derzeit einen Bäcker aus Ungarn, hat zwei Angestellte aus Syrien und einen aus Afghanistan. Ein großes Problem sei „die Sprache“, erklärte er. Deshalb fordert Lindmair zur Problembekämpfung eine enge Zusammenarbeit mit hiesigen Verbänden und Helferkreisen. Damit die Fachkräfte von auswärts „möglichst schnell Deutsch lernen“. Gefordert sei die Kommune, die dafür Räumlichkeiten und Computer zur Verfügung stellen müssen.

Melf ärgert sich indes über das deutsche Schulsystem: „Pädagogen sind der Meinung, dass ein Bua oder Madl ab der vierten Klasse schon genau wissen sollen, was sie werden möchten.“ Oftmals tragen sogar die Eltern eine Mitschuld, da sie ihre Kinder „in die Linie Gymnasium hinein drücken“, betonte er. Gesellschaftlich sei bedauernswerter Weise das Schulsystem der Mittelschule schlecht geredet worden.

Das sieht auch Sandra Büttner vom Bäckereibetrieb so. Sie fordert: Das Positive des Handwerks müsse wieder im Vordergrund stehen: „Es muss nicht jeder studieren. Auch im Handwerk hat man gute Karrierechancen. Damit kann sich auch ein junger Mensch etwas aufbauen“. Konkret verdiene „ein ausgebildete Maurer bei uns 3.800 Euro Brutto“, berichtete Thomas Schneider. „Das ist ein Verdienst, der sich sehen lassen kann.“ Daniel Wegscheider

Auch interessant

Meistgelesen

Veranstaltungswirtschaft weist mit Illuminierungs-Aktionen auf dramatische Lage nach Corona hin
Veranstaltungswirtschaft weist mit Illuminierungs-Aktionen auf dramatische Lage nach Corona hin
Das Klimasparbuch Oberland 2020 ist erschienen – Print und Online
Das Klimasparbuch Oberland 2020 ist erschienen – Print und Online
Rahmenplan zur Nordseite des Karl-Lederer-Platzes stößt auf Widerspruch
Rahmenplan zur Nordseite des Karl-Lederer-Platzes stößt auf Widerspruch
Eingeschränkter Besucherzahl, Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen
Eingeschränkter Besucherzahl, Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen

Kommentare