1. dasgelbeblatt-de
  2. Lokales
  3. Bad Tölz - Wolfratshausen

Große und kleine Corona-Proteste in Bad Tölz, Lenggries und Reichersbeuern

Erstellt:

Von: Daniel Wegscheider

Kommentare

SPD-Kreisrätin Filiz Cetin auf der Tölzer Marktstraße
Deutliche Worte richtete SPD-Kreisrätin Filiz Cetin am Montagabend auf der Tölzer Marktstraße an die Corona-Skeptiker. © Daniel Wegscheider

Bad Tölz – Trotz eisiger Kälte sind am Montagabend wieder viele Gegner der Corona-Maßnahmen im Landkreis unterwegs gewesen. Gegendemonstranten kritisieren dies auf der Tölzer Marktstraße.

Aber anders als in der Woche zuvor, zogen am Montag (17. Januar) in der Kreisstadt Bad Tölz deutlich weniger der sogenannten Spaziergänger auf der Marktstraße ihre Kreise. Dafür war dieses Mal in Lenggries mehr los.

Es ist Montagabend, 18 Uhr. Und die Tölzer Marktstraße ist bis auf ein paar Passanten, die vom Einkaufen kommen, noch fast menschenleer. Lediglich unten am Marienbrunnen baut das Team um Andreas Richter, dem Organisator der angemeldeten Gegendemo, Lautsprecher auf. Dort werden kurze Zeit später etwa 50 Leute stehen und den Rednern zuhören, die zum Mikrofon greifen und ihre Bedenken, Sorgen sowie Warnungen über die Montagsspaziergänge aussprechen.

Eine halbe Stunde später sind bereits mehrere Einsatzwagen der Polizei angekommen und die Beamten haben sich auf der Marktstraße verteilt und den Abschnitt zur oberen Marktstraße abgesperrt. Dort marschieren nämlich die „Spaziergänger“, teils mit Kerzen oder Laternen in den Händen oder Lichterketten um den Hals, vom Winzerer-Denkmal herunter bis auf Höhe der Klammergasse und von dort wieder zurück.

Die Masse war in Lenggries

Polizeihauptkommissar Andreas Rohrhofer

Mit 200 „Spaziergängern“ waren es in Bad Tölz deutlich weniger als in der vorherigen Woche (700). „Die Masse war in Lenggries“, berichtet Polizeihauptkommissar Andreas Rohrhofer. Dort marschierten rund 500 Corona-Skeptiker durchs Ortszentrum. Weitere 100 waren in Reichersbeuern unterwegs. Die Polizei ermittelte die Personenanzahl in der Stadt und den beiden Gemeinden per Klickzähler.

Insgesamt verliefen die Demonstrationen friedlich und es sei nichts Schlimmes passiert, erklärt Rohrhofer weiter: „Auch wenn sich die beiden Parteien nicht grün sind, ist niemand aneinander geraten.“ Allerdings mussten viele Polizeibeamte aus Bad Tölz nach Lenggries abgezogen werden, um dort den Verkehr zu sichern, „da hier die Straßen dicht waren“.

Gegendemonstranten der „Spaziergänger“ in Bad Tölz weisen auf die Corona-Gefahr hin

Am Marienbrunnen auf der Tölzer Marktstraße hatten sich am Montagabend die Gegendemonstranten der „Spaziergänger“ versammelt und gaben ihre Meinung kund. Grünen-Kreisrätin Teresa Wimmer verlas dabei einen Brief von Susanne Reichhardt-Geisbauer, die Ärztin an der Kreisklinik Wolfratshausen ist. Sie mahnt: „Angst und Panik sind noch nie ein guter Ratgeber gewesen.“

Polizeibeamte auf der Tölzer Marktstraße
Polizeibeamte trennen in Bad Tölz Gegner der Corona-Maßnahmen, die im oberen Teil der Marktstraße waren, von den Befürwortern im unteren Bereich am Marienbrunnen ab. © Daniel Wegscheider

Ärztin an der Kreisklinik Wolfratshausen wendet sich per Brief an die „Spaziergänger“

Die Ärztin schreibt weiter: „Tagtäglich setzen Kollegen, Ärzte und Pflegekräfte ihr Leben für die Rettung von Erkrankten mit ansteckenden Krankheiten aufs Spiel“, berichtet sie. „Trotzdem laufen wir von unserer gesellschaftlichen Verantwortung nicht davon, weil wir an ein durch Solidarität funktionierendes soziales Miteinander glauben.“

Reichhardt-Geisbauer unterstrich auch, dass die Wahrscheinlichkeit Nebenwirkungen durch die Impfung zu bekommen, verschwindend klein sei, „im Gegensatz zur höheren Wahrscheinlichkeit an Corona zu erkranken“. Zudem kritisierte sie, dass „viele, der jetzt laut aufschreienden Impfgegner kein Problem hätten, sich im Rahmen einer Fernreise die notwendigen Impfungen, ungeachtet der möglichen Nebenwirkungen, injizieren zu lassen. Aber, da war es ja im eigenen Interesse.“

Wir entscheiden darüber, ob das Virus weniger Schmerz und Leid mit sich bringt

SPD-Kreisrätin Filiz Cetin

Danach trat SPD-Kreisrätin Filiz Cetin am Marienbrunnen ans Rednerpult. „Wir sind im dritten Jahr der Pandemie“, sagte sie. „Sicherlich geht es uns allen so, dass wir uns wieder ein normales Leben herbeiwünschen.“ Dies hänge aber maßgeblich von jedem Einzelnen ab. „Wir entscheiden darüber, ob das Virus weniger Schmerz und Leid mit sich bringt.“

SPD-Kreisrätin kritisiert Sicherheitsmaßnahmen der „Spaziergänger“

Cetin ist der Meinung, dass nach drei Jahren der Aufklärung durch Virologen, Ärzte und Wissenschaftler, die Corona-Gefahr und Brisanz der Thematik von allen Bürgern erkannt wurde. Dafür spricht laut der SPD-Kreisrätin die Impfquote in Deutschland von 75 Prozent. Aber die sogenannten Spaziergänger würden eben auch ein anderes Bild aufzeigen: „Ohne Maske, ohne Sicherheitsabstand, ohne Koordinierung von Fluchtwegen, bringen sie nicht nur sich, sondern auch viele andere in Gefahr.“

Apropos Gefahr. „Es würde unter den Spaziergängern auch geimpfte Menschen geben, die mitlaufen weil sie gegen eine Impfplicht seien“, erklärte Cetin weiter. Dabei fragt sie sich mit Blick auf Menschenauflauf ohne Abstand und Maske, wie jemand, der sich selbst geschützt hat, „so viele Kinder und Erwachsene , die nicht geimpft sind,“ in Gefahr bringen könne. „Da auch Geimpfte nicht ausschließen können, das Virus weitergeben zu können.“

Wie es an den kommenden Montagabenden weitergeht, kann auch Polizeihauptkommissar Andreas Rohrhofer nicht beurteilen. „Es bleibt spannend“, sagt er. Insbesondere mit Blick auf die Debatte um eine Impfpflicht. Rohrhofer rechnet damit, dass im Zeitraum der Beratungen und Abstimmung im Bundestag noch einmal eine Hochphase für die Protestmärsche darstellen werde, „wo viele Demonstranten zu erwarten sind“. Aber auch die Witterung könne ausschlaggebend sein: „Bei schlechten Wetter kommen wahrscheinlich weniger.“

Bürgermeister Ingo Mehners Meinung zu den Montagsspaziergängen in Tölz

„Privat habe ich eine sehr differenzierte Meinung zu dieser Frage. Wir leben jetzt seit zwei Jahren unter sehr belastenden Einschränkungen. Jeder nimmt diese anders wahr. Ganze Branchen leiden, schauen Sie sich nur den Kultursektor, die Gastronomie oder die Tourismusbranche an.

Aus meiner Sicht gibt es nur einen Weg da raus: durch Impfungen. In meiner Funktion als Repräsentant der Stadt ist mir daran gelegen, die Tölzerinnen und Tölzer zu einen. Wir sind eine Stadtgemeinschaft und sollten uns nach dem Ende der Pandemie noch in die Augen schauen können. Es ist deshalb absolut notwendig, dass wir gemeinsam in einem fairen Austausch bleiben.

Demonstrationen sind in einer Demokratie ein legitimes Mittel der Meinungsäußerung, dieses Recht gilt es unbedingt zu schützen. Gleichzeitig möchte ich aber daran appellieren, diese Versammlungen nach dem geltenden Recht abzuhalten. Ich finde es wichtig und richtig, Zusammenkünfte dieser Art anzumelden. Nicht wegen der Kontrolle, nicht um eine Meinung zu unterbinden.

Bei Versammlungen und auch anderen Veranstaltungen gibt es sonst immer Verantwortliche, die durch Planung Risiken reduzieren und auch in außergewöhnlichen Situationen reagieren können. Ein Beispiel ist die Sicherstellung von Fluchtwegen oder Rettungsgassen. Aktuell haben wir in der engen Marktstraße einen Auflauf von mehreren hundert Menschen, nichtöffentlich organisiert, aber keiner will verantwortlich sein, wenn etwas passiert.“

Auch interessant

Kommentare