Zur Zukunft der Gesundheitsversorgung im Landkreis

Grundversorgung oder Fachklinik: der Kreistag muss sich zur Kreisklinik Wolfratshausen positionieren

Einfahrt der Kreisklinik Wolfratshausen
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Die Kreisklinik Wolfratshausen am Moosbauerweg muss sich umstrukturieren, um wirtschaftlich zu bleiben.
  • Daniel Wegscheider
    vonDaniel Wegscheider
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Landkreis – „Als bizarres Blüten treiben“, hat jüngst Landrat Josef Niedermaier den hiesigen und überregionalen gesundheitlichen Versorgungs- und Überlebenswettkampf innerhalb der Krankenhausstrukturen bezeichnet.

Um die ambulante und stationäre Grundversorgung im Landkreis zukunftssicher aufzustellen, benötigt es strategische Kooperationspartner. Niedermaier zum Status quo der Kreisklinik Wolfratshausen: „Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen.“ Über die Vorschläge für ein weiteres Vorgehen muss nun der Kreistag diskutieren.“

Landrat Josef Niedermaier (r.) beim Pressegespräch zur Gesundheitsversorgung im Landkreis. Er informierte zusammen mit Wolfgang Krause, dem Leiter der Abteilung 1 (Zentrale Angelegenheiten) in der Kreisbehörde.

Um im Wettbewerb mit anderen Krankenhäusern bestehen zu können, muss die defizitäre Wolfratshauser Klinik neu aufgestellt werden.

Landrat Josef Niedermaier

Die Ausgangssituation: Bei der Gesundheitsversorgung im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen gibt es eine Entwicklung, die der Kommunalpolitik Sorgenfalten auf die Stirn treibt. Ländliche Krankenhäuser sehen sich nämlich einem zunehmenden Verdrängungsmechanismus durch die Konzentration, Zentralisierung und Spezialisierung großer Kliniken in den Ballungsräumen Nähe der Landeshauptstadt München ausgesetzt. Der Kreisausschuss sah dringenden Handlungsbedarf, zur nachhaltigen Stärkung der medizinischen Versorgung in der Region. Um im Wettbewerb mit anderen Krankenhäusern bestehen zu können, müsse die defizitäre Wolfratshauser Klinik neu aufgestellt werden, sagte Landrat Josef Niedermaier jüngst beim Pressegespräch im Landratsamt. Zu diesem Zweck sucht der Landkreis als Investor einen „strategischen Partner“, der die Kreisklinik mit einer stationären Behandlung mit Standort in Wolfratshausen betreiben solle – „wohnortnah, effizient und finanzierbar“.

Dafür wurde 2020 die Berliner Beratungsfirma Vicondo beauftragt, mögliche Szenarien aufzuzeigen. Allerdings seien diese Daten „überholt und nicht mehr aktuell“. Entgegen aller Unkenrufe, die teils in der Presse kommuniziert wurden, betonte der Landrat: „Wir haben kein Gutachten in Auftrag gegeben, das uns als Grundlage dient“. Die Zukunft der Gesundheitsversorgung werde immer noch innerhalb des gegründeten Lenkungskreis sowie im Kreistag beschlossen. „Der Prozess ist noch nicht zu Ende.“ Es gebe weder eine Festlegung noch ein Ergebnis. „Lediglich ein Vorschlag für das weitere Vorgehen,“ das jetzt aber öffentlich innerhalb der jeweiligen politischen Gremien diskutiert werde.

Der Aufsichtsrat einer Kreisklinik, der nur das Wohl seiner Firma im Blick habe, sei hier nicht das handelnde Gremium, erklärte Niedermaier. Dagegen müsse sich der Kreistag überlegen, in welcher Situation sich die Kliniklandschaft befinde und danach handeln. Und das mit Blick auf die Entwicklung im eigenen Landkreis sowie der Umliegenden. Heißt: Beschlüsse des Kreistags, als Träger der Grundversorgung, können den Konkurrenzkampf „nicht für gut empfinden“. Andernfalls werde die Wettbewerbsfähigkeit zwischen den Kliniken Starnberg, Agatharied, Bad Tölz, Weilheim sowie der Landeshauptstadt hierbei „noch verschärft“.

Auf „Herz und Nieren“ prüfen

Beim Pressegespräch über die Zukunft der Gesundheitsversorgung im Landkreis, erklärte Landrat Josef Niedermaier beim Pressegespräch weiter: „Deutschlandweit ist der Anteil der Gesundheitskosten an der stationären Versorgung, viel höher als in allen anderen Industrieländern.“ Zudem zeige die medizinische Entwicklung einen Wandel von stationären zu ambulanten Behandlungen. Des Weiteren kommt durch das Finanzierungssystem, wie Krankenhäuser ihre Erlöse zur Grundversorgung erwirtschaften, „immer mehr unter Druck.“ Niedermaier nannte das Stichwort „Steigerungsrate“, die seit Jahren unter den Kosten des Personalbereichs liegen würde. Heißt: „Für die gleiche Arbeit, gibt es jedes Jahr weniger Erlöse“, betonte der Landrat, der auch Aufsichtsartvorsitzender der gemeinnützigen Kreisklinik GmbH ist. Finanzielle Mittel wandern „in die konzentrierte Spitzenmedizin im stationären Bereich“. Festgelegt von der Bundesgesetzgebung, gemeinsam mit den Krankenkassen. „Da haben wir als örtliche Politiker nix mitzureden.“

„Jedes Krankenhaus versucht mit allen möglichen Methoden, bestmöglich bezahlte Operationen für sich zu gewinnen.“ Ein wirtschaftlicher Weg den der Landrat im Hinblick auf die Versorgung der Bevölkerung für nicht gut heißt, aber die einzige Möglichkeit sei, „um sich zu platzieren und besser bezahlte Fälle abseits der Grundversorgung für sich zu gewinnen“. Der Wettbewerb um das gesundheitliche Leistungsangebot, sei gnadenlos. Dies zeige sich gerade bei staatlichen Fördermittel für Investitionen und laufenden Kosten, die sich anhand der Bettenanzahl misst. „Die 170 Beten unserer Kreisklinik sind definitiv nicht zu halten“, so Niedermaier. „Anzahl der Operationen und Belegungen liegen unter dem, was an Betten gebraucht werde.“

Das gesetzte Ziel: Einen potenziellen Partner finden, um die Kreisklinik Wolfratshausen dauerhaft zu sichern. „Wir brauchen keinen der den Standort aussagt“, um selbst zu erstrahlen. „Wir prüfen auf Herz und Nieren“, so Niedermaier. Am 17. Mai befasst sich der Kreisausschuss mit der Neuausrichtung.

Zur Diskussion um die Zukunft der Kreisklinik Wolfratshausen:

Felix Rauschek Geschäftsführer Asklepios Klinik

Ziel einer Entscheidung sollte die bestmögliche medizinische Versorgung im Landkreis für Nord und Süd sein. Unabhängig der Trägerschaft befinden sich alle kleinen und mittelgroßen Kliniken in einer vergleichbaren Situation. Durch den medizinischen Fortschritt steigen die Anforderungen und machen weitere Spezialisierungen notwendig. Aus diesem Grund haben wir unser Leistungsspektrum in den vergangenen 20 Jahren ausgebaut. Es sollte unabhängig von politischen Standpunkten um die beste zukunftsfähige Gesundheitsversorgung der Bevölkerung im gesamten Landkreis gehen.

Felix Rauschek, Asklepios-Geschäftsführer
Ingo Mehner Bürgermeister Bad Tölz

Wir müssen uns klar machen, dass sowohl die Gesundheitspolitik als auch viele Patienten eine immer höhere Spezialisierung und Professionalisierung wollen. Deshalb muss das Gesundheitsangebot einer Region abgestimmt sein. Es macht keinen Sinn, dass jede Klinik mit kleinen Fallzahlen dasselbe Angebot hat. Aus diesem Grund wäre es fahrlässig nicht zu prüfen, welche umliegenden Kliniken mit der Kreisklinik kooperieren wollen und welcher Mehrnutzen sich daraus für die Bevölkerung unseres Landkreises ergibt.

Ingo Mehner, Bürgermeister Bad Tölz
Michael Müller Bürgermeister von Geretsried

Die Kreisklinik ist kein exklusives Thema der Stadt Wolfratshausen, sie betrifft alle Menschen im Norden unseres Landkreises und über seine Grenzen hinaus. Vom Neugeborenen bis zum Senioren, muss im Fall der Fälle die richtige medizinische Hilfe bekommen können – qualitativ hochwertig und zeitnah. Wir Geretsrieder appellieren in aller Deutlichkeit an unseren Landrat und Kreistag: erhalten Sie die Kreisklinik mitsamt aller lebensnotwendigen Leistungen, überlassen Sie das Schicksal nicht einer ergebnisoffenen Ausschreibung und suchen Sie nach Kooperationspartnern.

Michael Müller, Bürgermeister Geretsried
Klaus Heilinglechner Bürgermeister von Wolfratshausen

Ich bin ein starker Verfechter der Kreisklinik in Wolfratshausen und seinen Leistungen: Es sind dort hervorragende Ärzte beschäftigt und durch zahlreiche Belegärzte sind die OP-Kapazitäten ausgelastet. Ich spreche mich klar gegen eine Privatisierung des Krankenhauses aus. Partnerschaften und Kooperationen ja, allerdings keine Übernahmen durch Holdinggesellschaften oder private Investoren. Der Landkreis darf sein einziges, eigenes Krankenhaus nicht aus der Hand geben. Wir könnten nicht mehr beeinflussen wie ein, wie auch immer, gearteter Gesundheitscampus betrieben wird.

Klaus Heilinglechner, Bürgermeister Wolfratshausen

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