Ein Kalender voller Weibsbilder

Historischer Verein: Erinnerung an Wolfratshauser Frauenschicksale

Arbeitsgruppe des Wolfratshauser Weibsbilder Kalender
+
Verfassten 52 Frauenporträts: Sybille Krafft (7. v. l. vorne) und die Arbeitsgruppe des Historischen Vereins.
  • Franca Winkler
    VonFranca Winkler
    schließen

Wolfratshausen – „Starke Frauen haben selten ein leichtes Leben“, steht auf der Rückseite des Titelblatts eines Kalenders, den eine Arbeitsgruppe von 44 Autorinnen und Autoren zusammengestellt hat.

Wie sehr dieser Spruch zutrifft, beweisen die 52 folgenden Porträts. Waltraud Gschwendtner erinnert an die 1,25 Meter kleine Berta Bauer. „Ihre geringe Größe hinderte sie nicht daran, zweimal wöchentlich einen enormen Fußmarsch mit ihrem Hundefuhrwerk nach Ambach zu unternehmen, um Dinge des täglichen Bedarfs in die abgelegene Gegend zu bringen und Fischer und Futter für die Schweine von dort nach Wolfratshausen zu transportieren“, berichtet die Autorin.

Die an der Beuerberger Straße aufgewachsene Berta Bauer fand im Zweiten Weltkrieg Unterschlupf in einem von ihrem Nachbarn gegrabenen Bunker. Schwere und nahezu in Vergessenheit geratene Schicksale beschreiben auch die Porträts über die Waldramerin Valerie Brustmann und der Jüdin Hertha Spatz. Letztere wurde im Alter von nur 21 Jahren in einem Konzentrationslager ermordet. Zuvor besuchte sie die 1938 aufgelöste jüdische Mädchenschule in Wolfratshausen und reinigte als Zwangsarbeiterin Münchner Trambahnschienen. Valerie Brustmann war die Mutter des bekannten Musikkabarettisten Josef Brustmann, der sie im Kalender als „einfache, fleißige Frau“ würdigt. Von ihren zehn Kindern starben zwei früh und ein weiteres schon im Mutterleib. „Sie saß nie in einem Flugzeug, nie war sie in Italien, jedes Jahr fuhr sie zur Wallfahrt nach Altötting“, schreibt ihr Sohn.

„Ausgewogene Mischung“ bei Auswahl der Weibsbilder

Dr. Sybille Krafft, Leiterin der Arbeitsgruppe und Vorsitzende des Historischen Vereins, legte bei der Auswahl der Weibsbilder viel Wert auf eine ausgewogene Mischung, bei der auch der Informationsgehalt und überraschende Rechercheergebnisse nicht zu kurz kamen. Denn nur wenige dürften wissen, dass die Haushälterin des berühmten Dramatikers Bertolt Brecht aus Wolfratshausen stammte und sich Anna Flossmann 1919 als erste Frau im Marktgemeinderat der Loisachstadt engagierte.

Auch über das von Ludwig Gollwitzer vorgestellte „Marktgschlerf“ haben vor allem zugezogene Bürger und Auswärtige wahrscheinlich noch nichts gelesen. Die Hebamme soll im 13. Jahrhundert den Tod eines Neugeborenen verschuldet haben und später als sechs Meter großes Gespenst mit laut schlurfenden Holzschuhen durch die Marktstraße gegeistert sein. „Der weibliche Teil der Bevölkerung hat die Wolfratshauser Geschichte genauso mitgeprägt wie der männliche“, ist sich Krafft sicher. Und dieses Lob gelte auch für Frauen, die sich nur kurz im Ort aufhielten wie beispielsweise die wohlhabende Italienerin Elisabetta Visconti, die Anfang des 15. Jahrhunderts mit ihrer verpfändeten Mitgift die Wolfratshauser Burg auslöste. Peter Herrmann

Infokasten

Erhältlich ist der Kalender „Wolfratshauser Weibsbilder“ zum Preis von 17,90 Euro in der Buchhandlung Rupprecht, im Geretsrieder Isar-Kaufhaus sowie im Badehaus Waldram.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Während Strom durch mehr elektrische Geräte steigt, geht der Wasserverbrauch zurück
Bad Tölz - Wolfratshausen
Während Strom durch mehr elektrische Geräte steigt, geht der Wasserverbrauch zurück
Während Strom durch mehr elektrische Geräte steigt, geht der Wasserverbrauch zurück
Zurück in die Zukunft: "WOR"-Kennzeichen kann kommen
Bad Tölz - Wolfratshausen
Zurück in die Zukunft: "WOR"-Kennzeichen kann kommen
Zurück in die Zukunft: "WOR"-Kennzeichen kann kommen
Richter spricht 42-jährigen Lageristen frei, der seinen Chef (67) geohrfeigt haben soll
Bad Tölz - Wolfratshausen
Richter spricht 42-jährigen Lageristen frei, der seinen Chef (67) geohrfeigt haben soll
Richter spricht 42-jährigen Lageristen frei, der seinen Chef (67) geohrfeigt haben soll
Betrüger nutzen Corona-Pandemie aus
Bad Tölz - Wolfratshausen
Betrüger nutzen Corona-Pandemie aus
Betrüger nutzen Corona-Pandemie aus

Kommentare