Hoch am Berg gibt es hohe Auflagen

Hüttenwirte aus der Region erleiden Umsatzeinbußen und blicken skeptisch in die Zukunft

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Besenrein und desinfiziert: Auf der Tutzinger Hütte hat Wirt Thomas Jauernig alles für kommende Gäste hergerichtet. Allerdings hadert er genauso wie seine Hüttenwirt-Kollegen mit den derzeitigen Hygieneauflagen, die einen wirtschaftlichen Betrieb stark einschränkt: „Es ist zu überlegen, ob dieser überhaupt möglich ist

Landkreis – Seit einer Woche dürfen die Berghütten in Bayern wieder Übernachtungsgäste empfangen. Klingt erst mal gut, doch die Realität sieht anders aus. Die Schlafbereiche aller Hütten im Landkreis sind weiterhin geschlossen. Und daran wird sich vorerst wohl nichts ändern. „Die Hygiene-Vorgaben sind unerfüllbar“, kritisiert Thomas Jauernig, Wirt der Tutzinger Hütte.

Die Tutzinger Hütte unterhalb der Benediktenwand ist so komfortabel eingerichtet wie kaum eine andere Hütte im Umland. Den Gästen stehen zehn Waschbecken verteilt auf zwei Waschräume zur Verfügung. Sie sind mit Trennwänden unterteilt oder in geschlossenen Kabinen untergebracht. Thomas Jauernig war sich sicher, dass er mit Hygiene-Richtlinien niemals Probleme bekommen wird.

„Das ist ein Scheißdreck“

Doch am Montagabend erhielt eine Nachricht, die ihn bis ins Mark traf: Die Anzahl der Waschbecken ist unerheblich, es zählt nur die Anzahl der Waschräume. Nach jeder Nutzung durch eine Familie ist eine Generalreinigung samt Desinfektion fällig. „Das ist eine Katastrophe“, sagt Jauernig. „Man muss überlegen, ob der Betrieb unter diesen Umständen überhaupt machbar ist.“ Dann wird er noch deutlicher: „Das ist ein Scheißdreck. Da weiß man überhaupt nicht mehr, was man machen soll. Wir können doch nicht wegen drei Familien, die wir noch aufnehmen dürfen, die ganze Übernachtungs-Apparatur inklusive Zusatzpersonal anwerfen.“ Unter diesen Umständen sei es niemals möglich, eine Berghütte wirtschaftlich vernünftig zu führen: „Da ist gescheiter, wenn man gleich zusperrt.“ Er habe schon mit Kollegen gesprochen, die genau mit diesem Gedanken spielen.

Wanderer trauen dem Bergfrieden nicht

Zumal auch die bloße Bewirtung der Gäste nicht gerade einfach ist. Die Speisekarte ist drastisch reduziert. Es gibt es auf der Tutzinger Hütte nur noch Gerichte, die sich gut vorbereiten lassen, wie zum Beispiel Spinatknödel, Gulasch, Suppen und Hüttennudeln. Schnitzel und andere Pfannengerichte stehen es dagegen nicht mehr auf dem Plan. Jauernig: „Auf diese Weise gibt es keine Staus und Wartezeiten, die Leute können ihre Speisen und Getränke in der Regel sofort mitnehmen.“ Viele Wanderer trauen dem Frieden aber offenbar nicht, sie bringen ihre Brotzeit selbst mit und setzen sich dann auf eine Bank vor der Hütte. Dies ist für Jauernig doppelt ärgerlich: Zum einen entgeht ihm Umsatz, zum anderen muss er die Plätze anschließend desinfizieren. „Die Leute haben wohl in der Zeitung gelesen, dass alles überlaufen ist und dass sie womöglich keinen Platz bekommen. Aber bei uns wird keiner verhungern und erst recht nicht verdursten.“ Im Notfall könne man sich mit einer To-Go-Box auf eine Wiese setzen: „Wir haben genügend Platz hier.“ Er versuche das Beste aus der Situation zu machen, „aber wir spüren auch bei der Bewirtung einen deutlichen Rückgang“. Jauernig hofft, dass der Deutsche Alpenverein nun alle Hebel in Bewegung setzt. Sein Wunsch: Die bayerische Staatsregierung soll sich das österreichische Hygiene-Konzept zum Vorbild nehmen.

Unzufriedene Hüttenwirte äußern ihren Unmut

Michaela Larcher, Wirtin der Binsalm in der Eng, hat mit diesem Modell schon Erfahrungen gesammelt. Seit 29. Mai nimmt sie wieder Buchungen entgegen. In den Zwei, Drei- und Fünf-Bett-Zimmern läuft der Betrieb wie bisher. Im Matratzenlager stehen nun Trennwände: „Das ist sehr gemütlich und auch ein guter Sichtschutz.“

Trennwände gibt es nun auch zwischen den Tischen im Gastraum. Die Anzahl der Sitzplätze und Übernachtungs-Möglichkeiten ist jedoch gleich geblieben. Der Waschraum wird auch nicht nach jeder Nutzung, sondern fünfmal täglich gereinigt. Außerdem stehen für die Gäste Desinfektionsmittel bereit. Larcher betont auch: „Es ist alles ein bisserl anders, aber wir sind zufrieden.“

Von Zufriedenheit ist Christine Steiger, Wirtin des Brauneck-Gipfelhauses, weit entfernt. Hier ist die Lage noch etwas komplizierter als an der Tutzinger Hütte. Im Juni seien gar keine Übernachtungen möglich, für Juli nimmt sie die ersten Anmeldungen entgegen. Ihre Prognose ist düster: „Wir werden nicht viele Schlafplätze anbieten können“, prophezeit sie. Wir müssen schauen, wie wir die Hygiene-Regeln handhaben. Es wird nicht einfach.“ Erst einmal gehe es darum, die Gastronomie in Schwung zu bringen, „und das ist schwierig genug“.

Auch Florian Durach blickt der Übernachtungs-Saison skeptisch entgegen: „Die Auflagen sind der Wahnsinn“, klagt der Wirt der Lenggrieser Hütte am Seekar. „Theoretisch geht alles, und in der Politik sind halt lauter Theoretiker. In der Praxis hat man mit Menschen und nicht mit Maschinen zu tun. Da läuft nicht immer alles so, wie man es gerne hätte.“ Durach fürchtet, dass es ihm in Zukunft wie vielen seiner Kollegen ergeht: „Die bekommen ständig Abmahnungen, weil sich manche Gäste falsch verhalten“. Durach geht davon aus, dass nach der Wiedereröffnung der Lenggrieser Hütte 80 Prozent Umsatz wegbrechen werden. „Und es gibt keinen, der mit 20 Prozent Rest-Umsatz überleben kann.“

Erst einmal werde die Hütte aber noch umgebaut, momentan entstehen eine neue Terrasse und neue Sanitäranlagen. Ab 20. Juni will Durach die ersten Tagesgäste empfangen. Im Juli seien vielleicht wieder Übernachtungen möglich, doch darüber macht sich Durach noch keine Gedanken: „Man muss schauen, welche neuen Auflagen es bis dahin gibt.“

Auflagen für Selbstversorger-Hütten nicht mehr umsetzbar

Abwarten ist auch das Gebot der Stunde für die Alpenvereins-Sektion Freising, die die Freisinger Hütte im Längental betreibt: „Wir entscheiden von Monat zu Monat“, sagt 1. Vorsitzender Christian Rester. „In den nächsten Wochen werden die Hütte auf alle Fälle noch zulassen.“ Die Auflagen für die Selbstversorger-Hütte seien „schwer bis überhaupt nicht“ umsetzbar.

Bislang müssen die Gäste die Räume vor der Abreise selbst reinigen, in Zukunft solle dies der Hüttenwart übernehmen. Rester: „Das ist alles viel zu aufwändig.“ Der Teufel stecke oft im Detail. In der Hütte gebe es keine Geschirrspül-Maschine, und so müssten die Gäste das Geschirr selbst waschen – bei mindestens 45 Grad Wassertemperatur. Rester: „Wer weiß, ob sie das wirklich machen?“Patrick Staar

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