„Brauchen klare Stellungnahmen“

IHK-Regionalausschuss und das Wirtschaftsforum Oberland tagen miteinander

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Dr. Manfred Gößl (vorne), der Hauptgeschäftsführer der IHK für München und Oberbayern, referierte vor Wirtschafts-Vertretern aus der heimischen Region

Bad Tölz – Über „extremste Widersprüchen“ echauffierte sich Landrat Josef Niedermaier, als der IHK-Regionalausschuss und das Wirtschaftsforum Oberland in einer gemeinsamen Sitzung die Wirtschaft im hiesigen Landkreis beleuchtete. Auch wenn er überzeugt ist, „dass wir regionale Infrastruktur-Projekte durchbringen müssen“, warnte er etwa vor kostenlosen Fahrkarten beim ÖPNV. Da zudem „radikale Umweltschützer die mediale Beeinflussung professionell komplett beherrschen“, müsse endlich die Wirtschaft „mit einer wahrnehmbaren Stimme“ dagegenhalten.

Er appellierte eindringlich an die anwesenden Wirtschaftsvertreter: „Wir brauchen ihre klaren Stellungnahmen mit der notwendigen Emotionalität, um in ihrem Sinn entscheiden zu können.“ So erkannte der Landrat, dass die Mitarbeiter in den Genehmigungsbehörden oftmals nicht mehr in der Lage seien, zu beurteilen, da die Gesetzeslage teils widersprüchlich ist. „Also lassen sie letztlich die Gerichte entscheiden.“

Als Beispiele dazu führte er das Vorhaben der bayerischen Staatsregierung an, den Flächenverbrauch künftig auf fünf Hektar pro Tag zu beschränken. „Wenn ich etwa den Kurpark in Bad Tölz zubaue, habe ich nichts versiegelt, da das Gelände als Verkehrsfläche deklariert ist.“ Auf der anderen Seite müssten für den geplanten Radweg in die Jachenau Ausgleichsflächen geschaffen werden. „Das wird noch ein Hauen und Stechen zwischen den Gemeinden geben. Kommunalpolitische Konflikte sind da vorprogrammiert, so Niedermaier. Unterstützung fand er da bei Reinhold Krämmel, dem Ersten Vorsitzenden des regionalen IHK-Ausschusses: „Es muss uns gelingen, die Bürgermeinung über die Wirtschaft zu verändern.“

Auch Dr. Manfred Gößl, der Hauptgeschäftsführer der IHK für München und Oberbayern, stieß da ins gleiche Horn: „Ohne eine funktionierende Wirtschaft wird die Energiewende nicht stattfinden.“ Als Beispiel nannte er dabei die derzeit zumeist verteufelte chemische Industrie. „Aber, ohne Wacker in Burghausen, die den Grundstoff für die Solarpanels herstellt, würde es gar keine Solarenergie geben.“ Nach dem Ausstieg aus dem sauberen Atomstrom – „aus politischen Gründen“ - beziehe Deutschland jetzt Atomstrom aus den Nachbarländern. Auch forderte er: „Wir brauchen die Stromtrassen von Nord nach Süd.“ Nur so könne eine Energiewende gelingen: „Sollten wir Bayern vom EU-Stromnetz abkapseln, dann werden wir wirtschaftsschädliche höhere Strompreise als im Norden Deutschlands bekommen.“ Bereits jetzt müssten immer wieder andere Länder aushelfen, damit unser Stromnetz stabil bleibe.

In Sachen Fachkräftemangel betonte er: „Das hat absolut nichts mit der Konjunktur zu tun, sondern nur mit der Demographie.“ Er sprach von derzeit rund 260.000 Fachkräften die bereits fehlen würden. Diese Zahl werde sich gemäß seriöser Prognosen auf 450.000 bis ins Jahr 2030 erhöhen. Da der Automobilbau einen großen Teil der bayerischen Wirtschaftskraft ausmache, warnte er vor der näheren Zukunft: „Wir sind nicht Weltspitze in Sachen Elektromobilität, autonomem und vernetztem Fahren. Da muss Bayern gewaltig aufholen.“

Letztlich wartete Gößl noch mit einigen interessanten Zahlen auf. So sei der Bereich der hiesigen IHK der gewerbestärkste Wirtschaftsraum in Deutschland. Elf Prozent aller Erträge würden in Oberbayern erwirtschaftet, ungefähr 20 Prozent in ganz Bayern. Zwar würden im Großraum Berlin viele neue Unternehmen gegründet: „Aber die verdienen alle nichts.“ In Sachen „typisches bayerisches Unternehmen“ räumte er noch mit einem Irrtum auf: „Zwei Drittel aller Unternehmen in Oberbayern sind Solounternehmen, also selbständige Einzelpersonen.“ Zudem haben hier 90 Prozent aller Betriebe weniger als 20 Mitarbeiter.

Ewald Scheitterer

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