Gewaltzunahme wie in China

Interview: Dr. Helgard van Hüllen vom Weissen Ring zur Corona-Krise

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Dr. Helgard van Hüllen arbeitet seit 1993 beim Weissen Ring in verschiedenen Positionen.

Landkreis – Die Corona-Krise versetzt Menschen in einen Ausnahmezustand. Sie fühlen sich zu Hause eingesperrt, haben Zukunftsängste und finanzielle Sorgen. All das erzeugt Stress und kann Gewalt entladen – die Opferhelfer in den 400 Außenstellen der Hilfsorganisation Weisse Ring in Deutschland gehen dabei von einem deutlichen Anstieg Fälle häuslicher Gewalt aus.

Im Gespräch berichtet Dr. Helgard van Hüllen (77) aus Gaißach darüber. Sie ist stellvertretende Bundesvorsitzende des Weissen Rings und Vizepräsidentin bei „Victim Support Europe“.

Frau van Hüllen, die Corona-Krise ist ein Ausnahmezustand: Wie wirkt sich diese nun auf häusliche Gewalt aus?

„Wenn Menschen auf engem Raum länger zusammenleben, ergeben sich oft auch Konflikte, die sich in Gewalt entladen können. Das zeigt sich etwa in der Weihnachtszeit und an den Wochenenden. Dann steigt jeweils die Zahl der Fälle häuslicher Gewalt. Diesen Zustand haben wir auch jetzt; aber nun verstärkt durch die Dauer und in Familien auch durch die Notwendigkeit der Betreuung der Kinder. Auch Home-Office kann zum Problempunkt werden. Stress entsteht dabei durch die Notwendigkeit der Konzentration auf die Arbeit und der Rücksicht durch die Familie bei Telefonaten und Videokonferenzen. Dazu kommt in manchen Fällen auch die Existenzangst.“

Seit gut zwei Wochen besteht die Ausgangssperre in Bayern, verzeichnet der Weisse Ring hier im Landkreis schon einen Zulauf?

„Nein, aber das ist auch nicht verwunderlich. Die Opfer sind auf engsten Raum mit dem Täter zusammen und deshalb auch unter Kontrolle. Die freie Bewegung ist eingeschränkt. Es wird eher mit Hilfesuchen gerechnet, wenn die Kontaktsperre aufgehoben wird. Die Erfahrung zeigt dass auch jetzt in China. Dort wird von einer dreifach höheren Zahl gesprochen.“

Wie sollten sich Betroffene von häuslicher Gewalt in der jetzigen Situation verhalten?

„Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Es hängt stark vom Einzelfall ab. Wenn möglich kann man Informationen sammeln und Beistand suchen. Wir vom Weissen Ring sind erreichbar in der Außenstelle und können beraten und finanzielle Hilfen in die Wege leiten, um beispielsweise eine Flucht zu ermöglichen. In Extremfällen sollte man keine Scheu haben, die Polizei anzurufen. Diese kann die Wegweisung des Täters anordnen. Der Weisse Ring kann dann weiter unterstützen. Es gibt auch noch weitere Anlaufstellen und Notrufnummern für Fälle häuslicher Gewalt.“

Was können Angehörige, Freunde oder Nachbarn tun, falls sie häusliche Gewalt bei jemanden bemerken?

„Achtsam sein, Unterstützung anbieten. Bei direktem Eingreifen auf den Eigenschutz achten.“

Haben Sie Tipps gegen den sogenannten Lagerkoller, damit der Stress in den eigenen vier Wänden gering gehalten wird ?

„Ich bin Juristin und keine Therapeutin. Aber helfen tut alles, was auch normalerweise sinnvoll ist: Den Tag strukturieren, miteinander reden und Regeln aufstellen. Verdruss durch Langeweile ist nichts Schlimmes, man braucht Langeweile manchmal, um Ideen zu entwickeln.“

Wer kann sich an Sie wenden?

„Wir sind für alle Opfer von allen Straftaten da. Durch die Krise ergeben sich auch neue Kriminalitätsschwerpunkte wie Internetbetrug, neue Formen des Enkeltricks. Auch da helfen wir gerne.“

Das Gespräch führte Daniel Wegscheider

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Kontakt: Die Außenstellenleiterin Bad Tölz-Wolfratshausen ist unter Tel: 0151/55 16 46 39 zu erreichen. Das Bundesweite Opfertelefon des Weissen Rings ist kostenfrei und anonym sieben Tage die Woche von 7 bis 22 Uhr unter Tel: 116 006 für Betroffene da. Weitere Informationen Online auf www.weisser-ring.de/.

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