Interview mit Walter Steffen über Heimatliebe, Filmstoffe und mystische Erlebnisse

„Ich bin Exil-Allgäuer“

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Filmemacher Walter Steffen.

Bad Tölz – Karl May, Novalis und E.T.A. Hoffmann fokussierten seinen Blick auf die Welt, später ermöglichte eine teuer ersparte Super8-Kamera seine ersten filmischen Gehversuche. Heute steht Filmemacher Walter Steffen (63) aus Seeshaupt als regional und international bekannter Dokumentarfilmer mit Streifen über das Oberland im Rampenlicht.

Seit 1982 ist Steffen Filmschaffender, der seit 1991 für mehr als 50 Filme und TV-Sendungen Drehbücher verfasste. Im Interview verrät Walter Steffen (63) wie er zu seinen Geschichten kommt und was er als nächstes plant.

Herr Steffen was bedeutet Heimat für Sie?

„Für mich als Kind von Flüchtlingen, ist die Frage schwer zu beantworten: Ich habe aber Glück meine Heimat zusammen mit meiner Familie gefunden zu haben – und zwar in Seeshaupt. Für mich ist es ein Privileg, meine Heimat durch meinen Beruf als Filmemacher zu erkunden. Dadurch erschließe ich mir meine Heimat von Film zu Film.“

Aber ihre Eltern haben ihre Heimat damals verloren...

„Meine Eltern lernten sich in den letzten Kriegstagen kennen und lieben. Vor den Bombenangriffen auf Berlin flohen sie zusammen mit der Mutter meines Vaters auf einem Fahrrad nach Oberstdorf. Dort bin ich zur Welt gekommen und aufgewachsen. Ich bin ein Exil-Allgäuer.“

Trüffeljagd, Asylbewerber und indische Ma­ha­ra­d­schas: Ihre Filme sind vielseitig. Nach welchen Kriterien suchen sie ihre Themen aus?

„Meistens kommen die Stoffe zu mir (lacht). Der Film ‚München in Indien‘ entstand über einen Kontakt mit dem Sohn, der mir schwarz-weiß-Filmmaterial von seinem Vater zeigte, was dieser dort vor 100 Jahren gedreht hatte. (Anm. d. Red: Der Film erzählt die Geschichte des deutschen Kunstmalers Fritz München, der in Indien zum Hofmaler der Ma­ha­ra­d­schas wurde). „Es sind Geschichten, die man hört, und als Filmemacher muss man diese erzählen.“

Bei „Happy Welcome“ war es dann die Geschichte der Clowns?

„Ich fand die Arbeit, der ‚Clowns ohne Grenzen‘ faszinierend. Sie bringen Glück zu traumatisierten Kindern in Syrien, Iran und Jordanien. Erst wollte ich mit ihnen in die Krisengebiete reisen, aber als 2015 die Flüchtlingswelle zu uns kam, machte ich das zum Thema meines Films. Es war der erste Film über die Flüchtlingssituation in Deutschland, der im Kino lief.“

Sie führen nicht nur Regie, sondern schreiben auch die Drehbücher selbst...

„Beim Dokumentarfilm wird kein Drehbuch, sondern ein Montagebuch geschrieben, da man nie genau weiß was passiert. Ich recherchiere viel für meine Filme: Schaue mir die Orte an, rede dort mit den Menschen. Ich habe bei meinen Filmen, diese schon zu 80 Prozent im Kopf fertig.“

Welches Filmprojekt planen sie als nächstes?

„Mein nächster Film ‚Joy in Iran‘ ist bereits fertig und feiert am 10. September beim Fünf-Seen-Filmfestival Premiere. Er zeigt die Arbeit dreier Clowns im Iran und wie Humor die Welt und Menschen verbindet. Aktuell drehen wir ‚Alpgeister‘, ein Film über die Mythen und Mysterien in den bayerischen Alpen. Dabei graben wir uralte Sagen aus, die langsam aus dem Wissen verschwinden.

Das Klingt sehr spannend: Berichten Sie von den Dreharbeiten...

„Zur Sommersonnwende am 21. Juli haben wir einen Tag am Unterberg in Berchtesgaden gedreht. Zusammen mit einem Schamanen wanderten wir zu einer großen Höhle an der Mittagsscharte. Dort scheint genau zur Sommerwende das Sonnenlicht mittags in die Höhle hinein und es sind komische Sachen passiert, die wir nicht erklären können....

Hatten sie dabei ein unheimliches Erlebnis?

„Obwohl das Sonnenlicht in die Höhle schien, hat sich im Inneren die Temperatur nicht verändert. Trotzdem waren die Objektive der Kameras plötzlich beschlagen. Da spürten das ganze Filmteam eine unglaubliche Kraft. Jeder war in eine ferne Welt entrückt. Für die Menschen damals war dies ein besonderes Zeichen, wenn sich die Sonne mit der Unterwelt verbunden hat. Wir dachten auch erst, das ist alles Hokuspokus. Doch im Nachhinein versteht man, warum die alten Stämme vor rund 2.000 Jahren dieses Naturerlebnis ehrfürchtig behandelt haben. Sie lebten damals anders mit der Natur, wie wir heute. Das wollen wir mit dem Film ‚Alpgeister“ aufleben lassen.“

Das Gespräch führte Daniel Wegscheider

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