„Wollen die Leute nicht tratzen“

Isarranger: Interview über Diskussionen mit Ausflüglern und Spaß an der Arbeit

Ranger Hans Adlwarth und Sabine Gerg
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Hüter der Isar und des Walchensees mit Herzblut: die beiden Ranger Hans Adlwarth und Sabine Gerg.

Landkreis – Sie kennen die Isar und den Walchensee wie ihre Westentasche. Die Ranger Sabine Gerg aus Lenggries (48) und der Reichersbeurer Hans Adlwarth (59) kontrollieren seit drei Jahren die dortigen Naturschutzbereiche.

Im Interview sprechen sie über nächtliche Kontrollgänge, endlose Diskussionen mit uneinsichtigen Ausflüglern – und warum sie ihr Beruf trotzdem fasziniert.

Wie fällt Ihre Bilanz als Isarranger aus?
Adlwarth: „Ich finde es sehr schön, dass wir mittlerweile ein sehr großes Netzwerk mit Gemeinden, Forstbetrieb Bad Tölz und Polizei geknüpft haben. Wir haben alle unter einen Hut gebracht. Dieses Netzwerk ist wichtig. Damit das so gut läuft, muss man Tag und Nacht zur Verfügung stehen. Mein Handy ist 24 Stunden am Tag eingeschaltet. Wir werden oft um zwei oder drei Uhr morgens angerufen, dass irgendwo ein Feuer brennt. Und dann rücken wir aus. Erst habe ich es aus Neugierde gemacht. Dann habe ich gemerkt, wie wichtig unsere Arbeit ist. Wir sind die Vermittler zwischen Mensch und Natur. Wir sind mit Herzblut dabei.“
Wie viele Stunden sind sie unterwegs?
Adlwarth: „Im Sommer haben wir eine 40-Stunden-Woche, im Winter eine 30-Stunden-Woche.
Wie ist ihre Arbeitszeit geregelt?
Gerg: „Völlig flexibel. Wir haben freie Zeiteinteilung. Jeder von uns hat so viel Verantwortungsbewusstsein, dass er sagt: Heute ist schönes Wetter, heute ist viel los, heute gehen wir in die Arbeit.“
Wie sieht ein typischer Arbeitstag von Ihnen aus?
Adlwarth: „Unsere Einsätze sind sehr unterschiedlich. So kann es sein, dass wir sogar an einem regnerischen Tag an der Isar an sechs Lagerfeuern vorbeikommen und dann am Walchensee auf einem Partybus mit 20 Leuten stoßen, die Feuer machen und Konfetti werfen. Wenn das dann andere Menschen das erste Mal live mitbekommen, dann heißt es oft „Dass das so ist, hätte ich mir gar nicht vorstellen können.“
Was ist schön an Ihrer Arbeit?
Gerg: „Wir haben jeden Tag schöne Erlebnisse. Man trifft viele gute Leute, hat gute Gespräche. Man ist in der Natur. Das ist ein Traum. Andere müssen im Büro sitzen.“
Adlwarth: „Es ist hochinteressant, wen man alles trifft. Krebskranke, die mit ihrem Partner das letzte Mal die Natur genießen wollen. Ein Liebespaar, das mitten in der Nacht im Ruderboot über den Walchensee fährt. Wir haben gedacht: „Da brennt ein Feuer auf dem Boot.“ Dabei hat der Mann drei Kerzen aufgestellt und steht mit einem Blumenstrauß da. Da sagst: „Ich wünsche euch alles Gute“ – und drehst um.“
Gerg: „Ich erinnere mich auch an eine angefahrene Katze. Sie war voller Blut, ein Tierarzt hat sie dann aufgepäppelt. Heute geht es ihr gut, und sie hat Nachwuchs.“
Adlwarth: Am Walchensee gibt es auch eine Wiese, auf der ganz seltene Orchideen wachsen. Da haben wir sehr gut mit den Bauern zusammengearbeitet. Das Gebiet wurde umzäunt, weil es manche Leute als Liegefläche hergenommen haben.“
Wann müssen Sie einschreiten?
Adlwarth: „Wenn uns zum Beispiel jemand meldet, dass jemand ein Lagerfeuer angezündet hat, dann nehmen wir diesen Verstoß gegen die Schutzgebietsverordnung auf und müssen das dem Landratsamt melden. Die Untere Naturschutzbehörde entscheidet, ob ein Verfahren eröffnet wird. Bevor es aber zu Übertretungen kommt, sagen wir zum Beispiel lieber: „So geht das nicht“, noch ehe das Feuer brennt.
Gerg: „Auch in den sozialen Medien spricht sich rum, dass wir unterwegs sind. Es ist schön blöd, wenn da drin steht: ‚Da kommen die Bösen.‘ Das ist für uns nicht angenehm, lässt sich aber leider nicht umgehen.“
Adlwarth: „Der Ruf hat ein Für und Wider. Manchmal macht er die Aufgabe leichter, andererseits geht er halt am Kern vorbei. Wir sind auf Aufklärung aus.“
Wie viele Menschen lassen sich durch Gespräche nicht überzeugen?
Adwarth: Bei zehn Prozent der Leute kannst du hinreden wie ein Ochse, da rührt sich gar nichts. Man redet mit ihnen 20 Minuten lang und zieht alle erdenklichen Argumente heran. Der Gesprächspartner geht überhaupt nicht darauf ein und sagt immer das Gleiche. Zum Schluss heißt es dann, das wäre Freiheitsberaubung und in Deutschland darf man gar nichts mehr.“
Was antworten Sie dann?
Adlwarth: „Ich erkläre, dass es nicht um Deutschland geht und nicht um Freiheitsberaubung. Sondern um unser aller Mutter Erde. Am Walchensee und an der Isar sind an manchen Tagen tausende von Menschen unterwegs. Was passiert, wenn jeder seine Hinterlassenschaften liegen lässt, kann man sich ausdenken…“
Wie könnte eine Lösung aussehen?
Adlwarth: „Die Lösung sind vernünftige strukturelle Maßnahmen. Wenn das passt, dann darf zum Beispiel ein Parkplatz auch was kosten, auch zehn oder 15 Euro. Zu Parkplätzen gehören auch Toiletten, denn die brauchen die Menschen, sonst rennen sie wieder in den Wald oder auch in private Grundstücke. Da muss eine gescheite Lösung her. Ein Dixi-Klo allein tut es da meiner persönlichen Meinung nach nicht.
Wo hat sich die Situation durch Ihre Arbeit besonders deutlich verbessert?
Adlwarth: „Die Situation an der Mautstraße nach Vorderriß und am Walchensee ist durch unsere Kontrollen viel besser geworden. Als wir angefangen haben, standen dort immer 60 bis 80 Autos und Wohnmobile. Jetzt stehen dort nur noch wenige, wir finden dort weniger Müll und Feuerstellen. Die Tiere kommen wieder raus, weil sie nachts Ruhe haben. Drum sind wir da auch so dahinter – nicht, weil wir die Leute tratzen wollen.“
Wo hat es mit der Konfliktlösung gut geklappt?
Adlwarth: „In Arzbach haben wir mal ein paar Jugendliche erwischt, die jeden Tag Party gefeiert haben. Da haben wir gesagt: „Wir nehmen den Vorgang nicht zur Anzeige auf, aber ihr seid ab sofort für diesen Platz zuständig. Wenn es nicht funktioniert, dann stehen wir vor der Haustüre.“ Bis auf ein paar Ausnahmen funktioniert es mittlerweile recht gut. Man muss die Jungen mit ins Boot nehmen.
Gibt es Erlebnisse, die Ihnen richtig unter die Haut gehen?
Adlwarth: „Wenn man an einem Samstag von Tölz nach Vorderriß fährt, wird man von Hunderten Motorradfahrern überholt. Wir kommen immer wieder zu Unfällen dazu, bei denen Leute wiederbelebt werden, ohne Aussicht auf Erfolg. Das geht einem sehr nah.“
Sind Sie alleine oder als Zweierteams unterwegs?
Gerg: „Völlig verschieden. In der Nacht sind wir immer zu zweit unterwegs, allein schon, um einen Zeugen und einen Schutz dabei zu haben. Wenn es regnet, ist man auch mal allein unterwegs.“
Adlwarth: „In manchen Situationen müssen wir die Polizei zu Hilfe rufen, wir arbeiten hier eng zusammen.“
Was betrachten Sie als Ihre wichtigste Aufgabe?
Adlwarth: Wir wollen die Leute sensibilisieren. Sie sollen zum Beispiel ihren Hund nicht auf einer Kiesbank herumspazieren lassen, auf der gerade der Flussregenpfeifer brütet. Da ist jeder Mensch gefragt aufzupassen. Allen sollte die Natur ein Anliegen sein – und nicht nur uns Isarrangern, weil wir eine grüne Weste anhaben.“
Gerg: „Vernetzung ist sehr wichtig, zum Beispiel mit dem Alpenverein, der Polizei, den Gemeinden, Privatanlegern, den Forstbetrieben und anderen Gebietsbetreuern. Wenn zum Beispiel eine Vogelschutzinsel oder ein Stück von einem Gewässer gesperrt werden muss, weil viele Fische gerade laichen, dann kommen die Fischer auf uns zu. Am Walchensee haben wir gemeinsam mit dem Bund Naturschutz Zäune für Amphibien aufgestellt. Man merkt, dass da jetzt immer mehr Amphibien über die Straße kommen. Das ist auch schön.“
Adlwarth: „Seitdem bin ich persönlich ein Fan von Friedl Krönauer. Er hat sofort reagiert. Schön ist auch, dass wir Anwohner gefunden haben, die in der Nacht die Amphibien einsammeln und zum See runter tragen. Miteinander kann man ganz viel bewegen. Wir sind ja Teil der Unteren Naturschutzbehörde und unser Netzwerk am Walchensee umfasst mittlerweile 80 Personen.“
Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den gewerblichen Anbietern von Schlauchbootfahrten an der Isar?
Adlwarth: „Mittlerweile passt es recht gut. Die Isar war einer der letzten Flüsse, die frei befahrbar waren. Es war klar, dass das irgendwann mal reglementiert werden muss.“
Was antworten Sie Menschen, die auf Münchner schimpfen?
Adlwarth: „Das freie Betretungsrecht der Natur für jedermann ist in der Bayerischen Verfassung verankert. Ich halte es auch für sehr wichtig, dass die Leute raus können. Als zu Beginn der Pandemie sehr viele Münchner zu uns raus gekommen sind, haben viele gesagt: „Die sollen sich schleichen.“ Da kann ich nur sagen: „Leute, umdenken.“ Wenn in München zwei Erwachsene und zwei Kinder auf 60 Quadratmetern zusammensitzen sollen, kann das nicht funktionieren. Die Leute müssen sich die Kraft holen, dass sie wieder eine Woche durchhalten können. In solchen Zeiten muss man zusammenhelfen. Es geht darum, den Leuten zu zeigen, wie man mit der Natur achtsam und rücksichtsvoll umgeht.“
Abgesehen vom Walchensee: Welche Gebiete bereiten besondere Probleme?
Adlwarth: „Das Hauptproblem ist, dass der Naturraum oft nicht mehr zur Ruhe kommt. Man kann gar nicht glauben, wie viele Leute nachts auf Bergen unterwegs sind. Vom Seekar in Richtung Tegernsee geht der Bestand an Auerhühnern zurück. Warum? Weil sie keine Ruhe mehr haben, um ihren Hochzeitstanz aufführen. Die Küken von Raufußhühern erfrieren zum Beispiel, wenn sie durch Störungen länger von der Mutter getrennt sind.“
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Adlwarth: „München wird jedes Jahr um Tausende Einwohner wachsen. Die Gemeinden im Münchner Speckgürtel wachsen ebenfalls. Es ist wichtig für die Leute, dass sie sich erholen und die Natur nutzen können, aber mit Rücksicht auf die Landschaft, Pflanzen und Tiere. Und wir müssen lernen, dass der Berg kein Sportgerät ist, das ich nutzen kann, wann ich will. Wir sollten uns alle überlegen, ob wir zum Beispiel wirklich Tag und Nacht auf dem Berg sein müssen.“

Das Interview führte Patrick Staar

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