Im Paradies braucht man ein dickes Fell: Sabine Gerg und Hans Adlwarth über Strafzettel, Sommerfrischler und brenzlige Sprüche

Reportage: Unterwegs mit zwei Walchensee-Rangern - Arbeitsplatz zwischen Wahnsinn und Traumjob

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Traumhaft schöner Arbeitsplatz: Sabine Gerg und Hans Adlwarth sind als Ranger am Walchensee im Einsatz.

Jachenau – Der Landkreis setzt diesen Sommer erstmals Walchensee-Ranger ein – dabei war zum Zeitpunkt der Entscheidung noch nicht einmal klar, dass der Ausflugsansturm heuer neue Dimensionen annehmen würde. Zwei Ranger berichten von ihren täglichen Aufgaben und Erlebnissen – die Licht- aber auch Schattenseiten haben.

Von ANDREAS STEPPAN (Tölzer Kurier)

Es ist einer dieser Traumtage: Sonne pur, Temperaturen über 30 Grad, türkisblaues Wasser, dazu ein wunderschönes Bergpanorama: Was könnte man sich jetzt Schöneres vorstellen, als den Sommer am Walchensee-Südufer zu genießen?

Schade nur, dass noch ein paar andere auf diese Idee gekommen sind. So wie der Fahrer dieses silberfarbenen Mercedes-Coupé mit Münchner Kennzeichen, der sein Luxusgefährt nun zielsicher auf dem Bankett der Forststraße abstellt. Schließlich sind praktisch alle anderen Parkplätze voll.

„Falschparken kostet 15 Euro? Dann bleiben wir halt stehen.“

Ein kräftig gebauter junger Mann mit lila-pink-farbenem Hawaiihemd und gegelten Locken steigt aus und schaut sich selbstbewusst um. Entschlossenen Schrittes marschiert Sabine Gerg – khakifarbene Schirmmütze, lange blaue Hose, leuchtend grüne Weste mit der Aufschrift „Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen“ – auf ihn zu. „Parken Sie bitte anderswo“, sagt sie resolut. Mittlerweile ist auch der kleine, schmächtige Beifahrer ausgestiegen. „Was kostet das?“, fragt er herausfordernd. „15 Euro, oder was? Dann bleiben wir hier stehen.“ Sabine Gerg setzt sich mit ihm auseinander: „Nein. Sie stehen im Naturschutzgebiet. Das kostet ein Mehrfaches.“ Jetzt versucht der Beifahrer, den Spieß umzudrehen: „Ganz ruhig, es ist schönes Wetter, bleib cool.“ Das Duo zieht von dannen.

Situationen wie diese erlebt Sabine Gerg (47) an diesem Tag dutzendfach. Sie ist als Walchensee-Rangerin an der Seite ihres Kollegen Hans Adlwart (58) unterwegs. Sie sind ein eingespieltes Team. Schon vergangenen Sommer haben beide als Isar-Ranger gearbeitet, heuer sind sie sowohl am Fluss als auch am See „universell einsetzbar“, wie sie sagen – angestellt vom Landkreis für sechs Monate und offiziell 30 Stunden pro Woche. In der Praxis sind es mehr. Denn beide sind mit Herzblut dabei, arbeiten nicht nach Stempeluhr. „Die Ressource, die wir hier haben, die muss man einfach schützen“, sagt Adlwarth. „Ich bin fast 60, da geht es mir nicht um mich, sondern um die nächste Generation.“ Als Walchensee-Ranger, die heuer erstmals im Einsatz sind, arbeiten zudem noch eine Vollzeit-, eine 24- und eine 20-Stunden-Kraft.

„Es macht Spaß“, sagt Gerg. Wenn weniger los ist, können die Ranger auch wahrnehmen, in welch wunderbarer Umgebung sie sich bewegen. „Dann können wir auf Fauna und Flora schauen.“ An Tagen wie heute aber, „da sind wir Menschenhüter“.

Rettungswege werden ohne Skrupel zugeparkt

Will heißen: Quasi in Dauerschleife weisen Gerg und Adlwarth die Badegäste darauf hin, dass sie sich in einem sensiblen Gebiet aufhalten und auf diese Kostbarkeit achtgeben müssen. Sie schreiten auf einen Weg, der von der Forststraße aus in den Wald führt. Sieben oder acht Autos stehen hier verbotswidrig. Ein entspannt wirkender Mittfünfziger mit lichtem Haar und schwarzer Badehose schlappt in seinen Flip-Flops gerade zu einem der Fahrzeuge, um etwas aus dem Wagen zu holen. „Ja, darf ich hier nicht parken?“, fragt der Mann verunsichert, und Gerg murmelt zur Seite: „Die wissen das schon!“ Adlwarth fragt zurück: „Haben Sie das Schild nicht bemerkt?“ und deutet auf das nicht zu übersehende Gesperrt-Zeichen. „Sie stehen nicht irgendwo, sie stehen im Landschaftsschutzgebiet. Außerdem ist es ein Rettungsweg. Stellen Sie sich vor, Sie liegen da oben, und kein Rettungswagen kommt durch.“ Der Ausflügler tut zerknirscht. Er möchte jetzt sein Auto wegfahren – nur leider ist er zugeparkt. „Also, den da sollte man ja doppelt bestrafen“, empört er sich. Adlwarth schüttelt den Kopf, während er und Gerg „Knöllchen“ schreiben.

Sie haben dazu eigene Blöcke mit speziellen „Strafzetteln“. Darauf gedruckt: der Hinweis, dass der Halter Post vom Landratsamt bekommen wird mit einem Bußgeldbescheid. „Es geht uns nicht darum, dass die Leute eine Strafe bekommen“, sagt Adlwarth. „Lieber wollen wir die Menschen konfrontieren, aufklären, sensibilisieren.“

Neben Falschparkern haben die Ranger auch Müllsünder im Visier

Deswegen läuft Gerg ein Stück weiter, bei Niedernach, den Strand entlang, spricht mehrere Badegäste an, ob ihnen eines der Autos gehört, die da in Dreierreihe am Straßenrand stehen und den Rettungsweg verengen. Die beiden Ranger werden ihrerseits immer wieder angesprochen. „Wie hoch ist die Strafe, wenn man hier steht?“, möchte eine Bikiniträgerin mit großer Sonnenbrille wissen – nur, weil sie gestern so geparkt habe, heute nicht, natürlich. „Dazu dürfen wir keine Auskünfte geben“, sagt Adlwarth. „Aber es sind nicht nur 20, 30 Euro, sondern eine Summe, von der Sie schön essen gehen könnten.“ Und zwar nicht nur zu zweit, möchte man ergänzen.

Gerg und Adlwarth sind dabei gar nicht in erster Linie Parküberwacher. Das Aufgabenspektrum reicht weiter. Sie betreiben auch schon mal Naturschutzerziehung bei Ferienpass-Terminen, richten Schilder her, sammeln Müll ein – „Zigarettenkippen tausendfach“, sagt Gerg – pflegen Kontakt mit Anliegern, Polizei, Gemeinden.

Wenn es langsam Abend wird, richtet sich ihr Augenmerk darauf, was die Menschen aus ihren Autos in Richtung Seeufer schleppen – denn Grillen ist hier streng verboten. „Aber wenn man nur ein bisserl unter die Kieselsteine gräbt, ist es darunter schwarz“, beklagt Gerg.

Auch Campen ist untersagt. „Ein Erfolg für uns wäre es, wenn die Mautstraße nachts komplett leer ist“, sagt Adlwarth. Die Realität sieht anders aus. Der Ranger berichtet von einer Tour, bei der sie 80 Wohnmobile am Südufer antrafen – „die ganzen Zelte und VW-Busse gar nicht mitgezählt“, sagt der 58-Jährige. Die Ranger klopfen dann ans Fenster, fordern die Camper auf wegzufahren. „Das tut vielen besonders weh“, meint Adlwarth. „Familien, mit kleinen Kindern zu wecken und wegzuschicken oder alte Leute, die zittern, das geht schon auch unter die Haut“, sagt er. Oft reagierten die Ertappten auch mit Unverständnis, nach dem Motto: „Was erlauben Sie sich, mich zu stören?“ Verbale Bedrohungen seien an der Tagesordnung. „Es geht schon mal ans Eingemachte.“ Gerg und Adlwarth sind froh über die Rückendeckung der Polizei, wissen, dass sie jederzeit die 110 wählen können, wenn’s brenzlig wird, und dann Hilfe bekommen.

Mehr als die gefütterten grünen Westen, mit denen sie das Landratsamt ausgestattet hat, brauchen sie ein dickes Fell. „Es sind schon Ignoranten dabei, auch studierte Leute“, sagt Gerg. Oft bekämen die Ranger zu hören: „Wir dürfen das, wir haben ja schließlich bezahlt.“ Oder sie müssen sich von Einheimischen sagen lassen: „Jetzt werden wir in unseren Freiheiten eingeschränkt, obwohl wir hier leben.“ Gerg macht da keinen Unterschied: „Es kann nicht sein, dass man nur auf die Münchner und die Auswärtigen schimpft. Die Einheimischen sollten im Idealfall mit gutem Beispiel vorangehen.“ Etwa 80 Prozent der Leute seien aber „in Ordnung“, meint Adlwarth.

Der tägliche Einsatz, der schon mal bis 4 Uhr morgens geht, lohnt sich immerhin. Sabine Gerg freut sich, dass in einigen Camper-Foren im Internet schon vor den Rangern gewarnt wird. Ihre Präsenz soll sich ruhig herumsprechen. „Allmählich merkt man Verbesserungen“, meint Adlwarth. Zählbar ist der Erfolg der Ranger an der Isar. „Laut Forst gibt es dort drei Viertel weniger Müll, drei Viertel weniger Feuerstellen, und die Tiere kommen wieder raus.“

Wie schnell sich die Natur ihr Terrain zurückerobert, das habe man während des Corona-Lockdowns gemerkt, sagt Gerg. „Was man da nachts alles gesehen hat: Rotwild, Kauz, Fuchs, Dachs, Hasen, Eulen.“ Aktuell allerdings schlägt die vorübergehende Ruhe ins Gegenteil um.

Neues Problem: SUP-Fahrer auf geschützter Insel

Nahe der Gemeinde Niedernach ruft Gerg ihren Kollegen herbei, um ihm etwas zu zeigen. Sie hat bei einer kleinen Hütte etwas abseits vom Weg drei Mülltüten auf dem Boden gefunden, vermutet hier illegale Zeltler. Schon kommen ihr zwei Frauen in einem VW-Bus entgegen. „Wir sind Erlebnispädagoginnen aus Freising und haben die Hütte gemietet“, sagt die Fahrerin. Den Müll hätten sie wieder ins Auto geladen. Gerg bittet darum, die Mülltüten auch nicht vorübergehend draußen stehen zu lassen, weil Füchse oder Dachse sie aufreißen können. „Es passiert auch, dass ein Dachs an einer Plastikgabel erstickt“, sagt Adlwarth.

Bei ein paar Schritten am Strand entlang deutet Adlwarth in Richtung der Insel Sassau. Sie ist Heimat sensibler Vogelarten, der Mittelmeermöwe etwa, Menschen dürfen sie nicht betreten. Trotzdem gleitet ein Segelboot dicht am Ufer vorbei. „Von den Fischern und der Wasserwacht wissen wir, dass auch viele mit ihren SUPs hinfahren. Wir werden dort verstärkt kontrollieren.“

Im „Biergartl“ in Altlach legen die Walchensee-Ranger eine Pause ein. Als sie sich am Kiosk ein kühles Getränk und einen Presssack holen, stellt die Inhaberin fest: „Die beiden sind super!“ Andere hätten ihr auch schon gesagt: „Ihr könnt doch nicht die Welt retten“, erzählt Sabine Gerg dann am Tisch. „Aber wenn wir auch nur einen Waldbrand verhindert haben, dann hat es sich schon gelohnt.“

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