Reportage über den Saubermann von Bad Tölz

Leben für das „Reinheitsgebot“

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Der Tölzer Saubermann: Jakob Schöffmann ist Tölzer Bauhofmitarbeiter, fährt mit seinem Müllwagerl durch das Stadtgebiet. Dabei entsorgt er pro Jahr rund 1.500 Kilogramm Müll.

Bad Tölz – Jakob Schöffmann leert seit zwölf Jahren täglich Abfalleimer, klaubt Unrat von Straßen und Wiesen:Der Tölzer Müllmann erzählt seine Geschichte über Fußball, Arme und Markenturnschuhe

Jak (gesprochen: Tschak) geht in die Knie, bückt und streckt sich. Täglich an die hundert Mal, stemmt der 61-Jährige volle Müllsäcke und fegt Straßen – trotz künstlichen Hüftgelenk mühelos: Tölz schlummert noch als Jak um halb sieben morgens das grüne, große Garagentor des Bauhofs öffnet. Dort ist sein Reich: 15 gefundene Radkappen reihen sich an der Wand, daneben Besen, Zwicker, Schaufel und Eimer – seine wichtigsten Arbeitsgeräte.

Jak ist Bauhofmitarbeiter der Stadt Bad Tölz und heißt mit bürgerlichen Namen eigentlich Jakob Schöffmann – aber jeder, der den Lenggrieser kennt, ruft ihn beim Spitznamen. Jeden Tag dreht Jak im weißen Kleinlaster Piaggio Porter mit Müllcontainer-Aufsatz seine Runden durch die Isarstadt: leert wöchentlich 230 Abfalleimer, entsorgt rund 50 Kilogramm Hundekot, reinigt das Parkhaus, kehrt morgens und mittags den Platz um das Winzerer Denkmal in der Marktstraße. Er ist der Mann, der Bad Tölz sauber hält. Dies ist aber auch eine Geschichte über Jaks Leben.

Der 61-Jährige schwingt sich elegant in sein „Müllwagerl“, wie er es liebevoll nennt. Mit diesem kurvt er werktags rund 40 Kilometer kreuz und quer durchs Stadtgebiet. Im Lüftungsschacht klemmt Beifahrerin Schlumpfine, die kleine Plastikblondine blickt einer Galionsfigur gleich durch die Windschutzscheibe. Daneben, auf dem Armaturenbrett, ist ein FC-Bayern-Schal drapiert. „Das ist meine Wegfahrsperre“, erklärt Jak und lächelt, „wenn der nicht drin ist, fährt das Auto nicht los“. Jeden Tag, fünf Tage die Woche, macht sich Jak auf den Weg in alle vier Himmelsrichtungen für eine sauberes Stadtgebiet – von Farchet bis zur Blombergstraße sowie der Flinthöhe bis zum Rosenhof. Auch eine Deutschlandflagge steckt zusammengerollt hinterm Beifahrersitz: sie flattert bei der Europa- oder Weltmeisterschaft aus dem Autofenster.

Jak liebt Fußball, hat selbst bis zum 35. Lebensjahr gekickt: „Ich war jetzt nicht der Beste“, sagt er. Der SV Wackersberg sein Verein, dort war Jak aber auch 15 Jahre Jugend-Fußballtrainer. Heute pfeift er noch als Schiri bei Kleinfeldmannschaften. Fußball, seine Leidenschaft. Aber eine Knieverletzung beendete seine Karriere, danach machte er seinen Trainer- und Jugendleiterschein. „Es war eine schöne Zeit“, berichtet er und greift zum Zwicker. Jaks privates Leben gilt dem Ball auf dem Rasen, sein berufliches dem Müll auf der Straße. Jak erzählt beide Lebensgeschichten gern, auch heute. Der Zwicker schnappt zu, damit sammelt er immer zuerst „das Grobe“ auf. Hier ein Kaffeebecher, dort eine Bounty-Verpackung. „Das mache ich jeden Tag, seit zwölf Jahren.“

„Das Geld liegt auf der Straße“

Neben Capri-Sonne und Taschentüchern liegt eine Augustiner Bierflasche, daneben blitzt eine Red-Bull-Dose aus dem Gras. Jak bückt sich neben dem Spielplatz am Taubenloch. Montags findet er dort immer Pizzaschachteln und leere Biertragl. „Am Wochenende feiert hier öfters die Jugend. Oder drüben im Parkhaus“, sagt Jak. Was ihm aber nicht in den Kopf gehen will, ist die Unachtsamkeit von weggeworfenen Pfandgegenständen. „Das Geld liegt hier auf der Straße rum.“ Jak nimmt Dose und Flasche, wirft sie aber nicht wie den anderen Müll in den Schlund des orangen Containers auf seinem Müllwagerl, sondern legt sie behutsam in ein Fach daneben. „Manchmal kommen Arme.“ Dann gibt Jak die Pfandgegenstände an die Bedürftigen ab. „Dafür kann er sich eine Breze kaufen.“

Einsteigen. Losfahren. Nächster Stopp, Busbahnhof an der Isarpromenande. Jak schaltet den Warnblinker an, oben auf seinem Müllwagerl rotiert das orange-gelbe Rundumlicht. „Dann passen die Leute auf, du wirst gesehen“, sagt er und rumpelt über den Bürgersteig. Eine notwendige Abkürzung, um schneller durch den täglich verstopften Stadtverkehr zu rollen. Jak hebelt sich raus, greift rechts zum Zwicker und schnappt linker Hand den Besen. Diesmal verschwinden Bierdeckel und Zigaretten im 1,5 Kubikmeter großen Müllcontainer auf vier Rädern. Auch ein rotes Feuerzeug erspäht Jak am Boden und prüft es. „Da freut sich meine Frau, die raucht.“ Jak ist verheiratet, hat zwei Kinder und drei Enkelkinder. „Darauf bin ich sehr stolz.“

„Ich habe das Müllsyndrom“

Neben Feuerzeugen findet Jak eigentlich alles mögliche: Erst kürzlich waren es im Tölzer Badeteil „nagelneue Markenturnschuhe“, sagt er, schüttelt den Kopf. TV, Radio und Bügelbrett – alles Gegenstände, die in den städtischen Mülleimern schon zu finden waren. „Wenn Platz ist, werden sogar Hausmüll und Küchenabfälle reingestopft, wenn nicht, landet dieser in Plastiktüten daneb‘n.“ Jak schätzt: rund 40 Prozent des Hausmülls landen so im Papiermüll. Heute sind es drei Plastiktüten mit privatem Unrat neben dem städtischen Abfalleimer am Heldenfriedhof. Wildes Müllentsorgen gehöre bestraft, „das ist eine Frechheit“, schimpft Jak.

Das Müllwagerl poltert nun parallel zur Isar, schlängelt sich zwischen Bänken und Schildern hindurch. Jak manövriert millimetergenau. „Da liegt wos.“ Vollbremsung. „Ich hab a Aug, wia a Falk“, sagt er lachend – „oder das Müllsyndrom“. Aber Jak meint eigentlich etwas Wesentliches: Wenn er nicht gründlich arbeitet, häuft sich der Müll zu sehr an. „Dann kommst nicht mehr nach, des is wia beim Wäschewaschen.“ Jak steigt aus und hebt das erspähte Taschentuch auf, geht zum nächsten Mülleimer, nimmt den schwarzen vollen Sack heraus und schüttelt eine neue schwarze Tüte hinein. Dann steigt er wieder ein. Tür zu. Losfahren.

Um die Isartstadt nicht nur sauber, sondern auch instand zu halten, arbeiten rund 60 Personen beim Bauhof: Maler, Gärtner, Zimmerer, Tiefbauer sowie Straßenreiniger. „Ich bin der einzige, der Müll macht“, sagt Jak. Und momentan der letzte seiner Art, denn der Müllwagerlfahrer ist alleine unterwegs. Ein jüngerer Beifahrer, der einmal seinen Posten übernehmen könnte, sitzt nicht neben ihm, nur Schlumpfine. Ein Nachfolger sei noch nicht in Sicht. Die paar Jahre bis zur Rente zieht Jak noch alleine durch. „33 Jahre bin ich jetzt bei der Stadt angestellt“, berichtet er. Von 1984 bis 1998 als Streckenwärter, „Straßler“ sagt er, danach bis 2005 Stadtgärtner. Er kennt seine Stadt wie seine Müllwestentasche, und sie kennt ihn. Von Bänken und aus Gassen schallt es mehrmals am Tag „Servus Jak“, wenn der „freundliche Straßenarbeiter“ Abfall klaubt.

Bremsen. Tür auf. Volle Mülltüte raus, frische Tüte hineingeschüttelt. Im vorbeigehen tastet Jak noch die Hundetoilette ab. Sind noch genügend Tüten im Spender drin? Autotür zu, weiter geht’s. Jetzt tuckert das Müllwagerl durch die Bahnunterführung Richtung P&R-Parkplatz. Beim Radlstand findet er täglich zwei Piccoloflaschen. Heute sind es drei und er bemerkt noch zwei kaputte Räder am Boden. Bei einem fehlt das Vorderrad, beim anderen ist nur noch der Sattel dran. Jak notiert geistig den Schrottfund, damit diesen später Bauhofmitarbeiter abholen können. Vergessen wurde ein gelbes Baseballcap und weißes T-Shirt am Skaterpark bei der Flinthöhe. Auf dem Gelände ein dutzend Plastikflaschen verteilt. „Manchmal ist es dort schlimmer.“ Einmal lag die dort aufgestellte Mülltonne auf dem Grund des Skate-Parcours.

„Im Sommer stinkt es besonders streng“

Eisstadion und Schulsportanlage danach der Parkplatz Eichenmühle am Naturschutzgebiet. Enten kühlen sich im Ellbach, Jak kippt Mülleimer. Die Sonne steht im Zenit. Ein süßsaurer Geruch verteilt sich mittlerweile im Fahrerhaus, lässt mehr Fliegen kreisen. Jak am Steuer riecht den vollen Müllcontainer hinter ihm gar nicht mehr. „Im Sommer stinkt es besonders streng“, sagt er grinsend. Mittlerweile blitzen aus dem Müllberg ein buntgestreifter Regenschirm, eine blaue Spülmittelflasche neben einer Styroporschale inklusive Kartoffelsalat und darin steckender Plastikgabel.

Girlitzer Weiher, Rehgraben und Bürgergarten: Nach weiteren Abfallstationen ist der Müllcontainer voll und Jak kehrt zum Betriebshof zurück. Piependes Pfeifen ertönt, als sich der Kleinlaster nach hinten neigt und Müllbeutel in den rund 25 Kubikmeter großen Bauhofcontainer purzeln. Einmal in der Woche muss auch dieser geleert werden, dann reist der Stadtmüll zu seiner letzten Station: der Verwertungsanlage in Quarzbichl.

Isarstrand: „Dort arbeite ich am liebsten.“ Im Sommer ist es dort kühl und windig. Zwischen Rosenbeeten zwickt Jak schwarze Strohhalme auf, Überbleibsel einer Veranstaltung. Dann auf zum Badeteil und den Kalvarienberg, danach streifen Rhododendronbüsche das Müllwagerl im Rosen- und Franziskaner-Garten. Immerzu aussteigen, Mülleimer leeren, einsteigen. Kurz vor Feierabend: Jak stöhnt mittlerweile leicht beim Ein- und Aussteigen, Schweiß perlt von der Stirn. Aber Jak hält sich fit mit E-Bike-Fahren und als Fußballtrainer. Und so greift er standhaft zum Zwicker, klaubt Müllreste, auch wenn es in der Hüfte zwickt. Seine Mission klar: „Die Stadt muss sauber sein, das ist mir wichtig“, sagt er gut gelaunt, als er sein Müllwagerl putzt und abstellt. Dann schließt er das grüne Garagentor. Bis zum nächsten Tag, wenn Jak wieder aufsattelt für seine Mülltour durch die Stadt.

Von DANIEL WEGSCHEIDER

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