Regionstypische Baukultur

Kreistag: Diskussion um Leader-Projekt für Dietramszell

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Fragwürdige Architektur gibt es auch in Bad Tölz, hier ein Beispiel im Badeteil, wo ein Neubau vor einer alten Villa platziert wurde. Ein Leader-Projekt soll Bausünden künftig vermeiden helfen.

Landkreis – Es entbehrte nicht einer gewissen Ironie, dass Kreisrat Michael Häsch (CSU) ausgerechnet den ehemaligen Kreisbaumeister Peter Wondra, dem man vor Jahren wegen seiner restriktiven Haltung bei Bauvorhaben in der Jachenau sogar Prügel angedroht hatte, als Sachwalter alpenländischer Baukultur anführte. Heute könne der aktuelle Kreisbaumeister Andreas Hainz wegen der geänderten Gesetzeslage keinen solchen Einfluss mehr auf die Gestaltung von Gebäuden nehmen, bedauerte der Dietramszeller in der jüngsten Kreistagssitzung, als es um das Leader-Projekt „Baukultur Voralpenland“ ging. Daran hat bislang nur die Gemeinde Dietramszell Interesse bekundet, dennoch wird sich auch der Landkreis finanziell daran beteiligen. Die Abstimmung erfolgte mit 30 Ja- und 23-Nein-Stimmen denkbar knapp. Zuvor kam es zu einer Auseinandersetzung darüber, ob die Baurichtlinien Aufgabe des Landkreises oder der Gemeinden seien.

Der Kreisausschuss hatte in seiner Juli-Sitzung 20.000 Euro für die Teilnahme an dem Projekt gebilligt. Ziel ist es, die regionstypische Baukultur zu erhalten und für moderne Architektur zu werben, die in die Landschaft passt. Dazu sollen Entscheider und Bürger sensibilisiert werden. Am Ende des Prozesses steht eine gemeinsame Baukulturstrategie für die Region. Als einzige Gemeinde wird Dietramszell von Fachbüros betreut. Im Landratsamt ist der aktuelle Kreisbaumeister Andreas Hainz Ansprechpartner.

Hainz betonte in der Sitzung, dass die Kommunen von den „absoluten Profis“ durch die Teilnahme ein Werkzeug an die Hand bekämen, das ihnen die bauliche Entwicklung ihres Ortes erleichtert. „Leider bekommt es nur Dietramszell,“ bedauerte er. Von den 21 Kommunen im Landkreis hätten 19 eine eigene Ortsgestaltungssatzung. „Trotzdem müssen die Gemeinden Bausünden genehmigen“, sagte der Kreisbaumeister, „wenn die Anträge den Vorschriften entsprechen“. Flächendeckende Bebauungspläne seien meist nicht möglich, sagte Michael Grasl (FW), man solle jetzt Dietramszell „nicht hängen lassen.“

Der Bürgermeistersprecher versuchte, das Gremium zu überzeugen. Er wolle für das Thema werben, denn es gebe viele unschöne Bauvorhaben im Landkreis, schlimmstes Beispiel seinen schweinchenrosafarbene Toskana-Villen. Das Leader-Projekt wolle das Bewusstsein fürs Bauen wecken. Dennoch werde sich seine Gemeinde nicht daran beteiligen, so der Münsinger Bürgermeister, dort gebe es neben anderem bereits den Rahmenplan, mit dem man viel erreicht habe. Solche Instrumente würden Investoren fürchten, auch wenn sie juristisch nicht in jedem Fall niet- und nagelfest seien.

Bei diesem Punkt hakte Michael Müller (CSU) ein. Der Geretsrieder Bürgermeister meinte, er habe nichts gegen Leitkulturen, doch die Baukulturstrategie, die am Ende des Prozesses stehe, habe keinerlei rechtliche Verbindlichkeit für Bauherren. Außerdem sei es nicht Aufgabe des Landkreises, Baurichtlinien zu erarbeiten, das sei Sache von Städten und Gemeinden. „Warum sollen wir das über den Kreishaushalt finanzieren?“, fragte er mehrfach.

Landrat Josef Niedermaier entgegnete, ursprünglich hätten sich mehrere Gemeinden für das Projekt interessiert. In der Bürgermeisterdienstbesprechung sei man interessiert gewesen. Diese Erinnerung teilt Werner Weindl (CSU) nicht. Er halte er eine solche Baukulturstrategie für ein stumpfes Schwert. Vielmehr bräuchten Städte und Gemeinden ein Instrument an der Hand, das vor Gericht standhält: „Etwas, womit die Planungshoheit der Gemeinde durchgesetzt werden kann.“ Ansonsten könne man keinen zwingen, so zu bauen, „wie wir es wollen“. Stefan Fadinger (CSU) aus Gaißach sagte, dass sich ursprünglich sechs Gemeinden sich für das Projekt interessiert hatten, letztlich aber nur eine teilnehmen möchte: „Jede Gemeinde kann das für sich selbst entscheiden“. Klaus Koch (Grüne) meinte, durch den Bevölkerungszuwachs ergebe sich „ein großer Umbruch“, man müsse vom „Doppelhaus mit Garten wegkommen“, höher und dichter bauen. Klaus Barthel (SPD) befürchtete, die Kosten würden vom Landkreis getragen, die Arbeit auf die Verwaltung abgeschoben. Dem widersprach der Kreisbaumeister, im Kreisbauamt sei er allein mit dem Projekt befasst. Die Kooperation mit den Fachbüros könne dazu führen, dass die Ortsgestaltungssatzungen künftig „rechtssicher“ würden, argumentierte Niedermaier. Für Dietramszell erklärte Michael Häsch, warum man mitmacht. Die Gemeinde verspüre einen großen Druck im Bausektor. Viele Architekten kämen von auswärts mit Vorstellungen von Gebäuden, die nicht zum Ortsbild passen. Es gehe darum, zu einem Stil zu kommen, „den man anschauen kann.“ Müller blieb bei seiner Meinung, man solle den Gemeinden nichts „überstülpen“, während Landrat Niedermaier meinte, von dem Projekt könnten alle profitieren, zumal sich auch die Landkreise Miesbach und Rosenheim daran beteiligen würden. bo

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