Moralischer Klimawandel

Künstler erinnern an Anschlag auf „Charlie Hebdo“-Redakteure

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Hielten Plädoyers für Pressefreiheit und Toleranz: KIL-Vorsitzende Assunta Tammelleo (l.) und der Münchner Zeichner Michael Heininger.

Gelting – Am 7. Januar 2015 stürmten zwei radikale Islamisten in die Redaktionsräume der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ und brachten dort elf Personen um. Fünf Jahre später erinnerten Künstler in der Kulturbühne Hinterhalt an dieses schreckliche Ereignis.

Eine Vernissage mit Karikaturen des Münchner Zeichners Michael Heininger eröffnete den vierstündigen Gedenkabend. Die Bilder, die vom Wolfratshauser Lichtdesigner Günter Klügl dezent beleuchtet wurden, zeigten unter anderem Angela Merkel im lasziven Outfit und US-Präsident Donald Trump, der auf einer Zeichnung den englischen Premierminister Boris Johnson küsst. Probleme beziehungsweise Geldstrafen hat Heininger bisher nicht bekommen. Dennoch stellte der 75-Jährige fest, dass sich seit den Anschlägen auf „Charlie Hebdo“ weltweit ein „moralischer Klimawandel“ bemerkbar gemacht habe. So veröffentlicht beispielsweise die renommierte „New York Times“ keine politischen Karikaturen mehr.

 Und auch die Süddeutsche Zeitung hat sich nach Leserprotesten von einem Zeichner getrennt. Heininger lässt seine Wut über Missstände deshalb in unregelmäßigen Abstand in der von ihm und dem Münchner Aktionskünstler Wolfram Kastner herausgegebenen Zeitschrift „Zorn“ heraus. „Mir ist es wichtig, dass meine Karikaturen nicht zwingend tagesaktuell sind, sondern über einen längeren Zeitraum bestehen können“, erklärte Heininger. Nach der Vernissage eröffneten die BfG-Allstars mit Sängerin und Hinterhalt-Wirtin Assunta Tammelleo den zweiten Teil des Abends mit Liedern von Hildegard Knef, Gerd Baumann und Max Hansen. Zwischendurch erinnerte Tammelleo an die Entstehungsgeschichte des Gedenktags, der in diesem Jahr bereits zum fünften Mal stattfand. „Auf Anregung des Bundes für Geistesfreiheit (BfG) beginnen wir seit Januar 2015 jedes Jahr am 7.Januar mit unserem Gedenken an die Opfer, das zugleich Mahnung sein soll an alle, sich für die mühsam erkämpften Freiheiten verstärkt einzusetzen“, erklärte die Vorsitzende des Kulturvereins Isar-Loisach (KIL). Gleichzeitig schickte sie solidarische Grüße an die Redaktion von „Charlie Hebdo“, die an einem geheimen Ort in Paris unter Hochsicherheitsbedingungen mutig weiter zeichnet. 

Mit zwei Kurzprogrammen der mehrfach ausgezeichneten Kabarettisten Holger Paetz und HG Butzko endete der Gedenkabend. Ob sinnfreie Hasskommentare in den sozialen Netzwerken, sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche oder menschenverachtende Denkmuster von Rechtspopulisten – Paetz und Butzko zielten wortgewandt auf diese Angriffsflächen. Da wirkte der abschließende Hinweis des Gelsenkircheners Butzko fast schon ironisch: „Ich werde gerne für Kindergeburtstage gebucht“, erklärte er nach einer Zugabe. Der Reinerlös des vom Kulturverein Isar-Loisach, dem BfG und dem Verein „Das andere Bayern“ organisierten Gedenkabends geht in den BfG-Fonds „Der freche Mario“. Mit dem seit 2008 alle zwei Jahre ausgeschriebenen Kunstpreis werden Künstler ausgezeichnet, die sich laut Tammelleo „künstlerisch unbeirrbar mit sogenannten ewig währenden Wahrheiten beschäftigen“b

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