Digitalisierung bedroht Arbeitsplätze

Gewerkschaft fordert Qualifizierungsoffensive

Schaltraum statt Fließband: In Fabriken übernehmen Computer immer mehr Arbeiten.
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Schaltraum statt Fließband: In Fabriken übernehmen Computer immer mehr Arbeiten.

Landkreis – Digitalisierung ist Trend: die Corona-Pandemie hat ihr mit Homeoffice einen zusätzlichen Schub gegeben. Doch der Umbruch in der Arbeitswelt bringt nicht nur Vorteile, sondern gefährdet auch Jobs.

Allein im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen könnten tausende Arbeitsplätze verloren gehen, meint die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) mit Blick auf eine Regionalstudie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

Danach sind im Landkreis 26 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze in hohem Maße durch die Digitalisierung bedroht. Bei diesen Stellen könnten bereits heute mindestens 70 Prozent aller Tätigkeiten von computergesteuerten Maschinen erledigt werden. Grundsätzlich könne die Digitalisierung jedoch sowohl zur Aufwertung von Berufen führen als auch zu deren Abbau, so die Forscher.

Nach Angaben des IAB hat die Digitalisierung in den vergangenen Jahren deutlich an Fahrt gewonnen: Allein zwischen 2013 und 2016 stieg der Anteil der Arbeitsplätze, die potentiell zu einem Großteil durch Maschinen ersetzbar sind, bundesweit von 15 auf 25 Prozent. Berufe in der Fertigung sind demnach besonders betroffen.

Die NGG spricht von „alarmierenden Zahlen“, warnt jedoch vor „Schwarzmalerei“: Corona habe dem digitalen Wandel der Arbeitswelt einen zusätzlichen Schub gegeben. „Ob Computer tatsächlich so viele Jobs ersetzen, das liegt auch an den Unternehmen und den Beschäftigten. Dort, wo Mitarbeiter für die digitale Zukunft fit gemacht werden, kann die Industrie 4.0 eine große Chance sein“, sagt Georg Schneider, Geschäftsführer der NGG Rosenheim-Oberbayern.

Die Gewerkschaft appelliert an die Unternehmen in der Region, die Corona-Zeit für die Weiterbildung der Beschäftigten zu nutzen. Der „Lockdown light“ im November biete vielen Kurzarbeitenden die Chance für eine Fortbildung. Immerhin fließen hier hohe staatliche Zuschüsse. 2019 hatte die Bundesregierung das Qualifizierungschancengesetz eingeführt. Im Oktober wurden die Hilfen nochmals erhöht.

„Doch die Mittel sind bislang kaum abgerufen worden“, so die NGG mit Blick auf Zahlen der Arbeitsagentur. Demzufolge wurden nach dem Gesetz seit Anfang 2019 bis Mitte 2020 in ganz Bayern lediglich 10.574 Menschen mit einer beruflichen Weiterbildung gefördert. „Das ist eine ernüchternde Bilanz. Hier müssen die Firmen dringend nachlegen“, fordert die Gewerkschaft. Im ersten, von der Pandemie geprägten Halbjahr wurde laut Arbeitsagentur bayernweit die Weiterbildung von 2.457 Beschäftigten bezuschusst – das sind 15 Prozent weniger als im Vergleichszeitraum des Vorjahres.

Schneider fordert, nun eine „echte Qualifikationsoffensive in Angriff zu nehmen“. Dabei sollten auch die Betriebsräte mitreden. „Sie wissen, wo der Bedarf in der Firma am größten ist.“ Das zeige sich etwa an der Ernährungsindustrie – mit rund 1.200 Beschäftigten ein „wichtiger Wirtschaftsfaktor“ im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen: „In der Branche kümmern sich Arbeitnehmervertreter seit Jahren darum, dass Automatisierung und Digitalisierung nicht zulasten der Mitarbeiter gehen. In der Pandemie handeln sie Regeln aus, damit die Heimarbeit etwa in Verwaltungsjobs die Menschen nicht rund um die Uhr belastet“, erklärt Schneider.

Wie dramatisch die Folgen tatsächlich sind, hängt laut IAB nicht nur von den Unternehmen und den Beschäftigten ab. „So wird es weiterhin Handwerksbäckereien geben, wenn Verbraucher ein handgebackenes Brot mehr wertschätzen als ein maschinell gefertigtes“, so die Forscher. dwe

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