„Mehr als nur von A nach B zu gelangen“

Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen: Weg frei für Nahverkehrsplan

Ein Bus von RVO
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Bus und Bahn anstatt Auto: Die Fortschreibung des Nahverkehrs­plan befindet sich im Landkreis auf der Zielgeraden.
  • Daniel Wegscheider
    VonDaniel Wegscheider
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Landkreis – Der Kreis- und Umweltausschuss verabschiedet einstimmig den Nahverkehrs­plan. Die Fraktionen sind sich einig, dass daran kein Weg vorbeiführt, um klimafreundlich und ohne Verkehrskollaps in die Zukunft zu starten.

Die Zahlen sprechen für sich: Im gesamten Ballungsraum im Umkreis von 100 Kilometern um die Landeshauptstadt wird gependelt – allein aus dem Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen pendeln werktags rund 10.000 nach München sowie in die Nachbarlandkreise.

Und am Wochenende verzeichnet die MVV-Analyse knapp vier Millionen Fahrten aus der Stadt heraus ins ländliche Umland. Beliebtestes Ausflugsziel Kochel (24.279 Fahrten), gefolgt von Mittenwald (23.472) und Garmisch-Partenkirchen (21.846). Staus im Berufs- und Freizeitverkehr sind mittlerweile die Regel, nicht mehr die Ausnahme.

Die Statistik legte Markus Haller von der MVV Consulting jüngst dem Kreis- und Umweltausschuss vor und betonte, das der Nahverkehrsplan (NVP), „das wichtigste Projekt der nächsten Jahre ist.“ Bei der MVV-Verbundraumerweiterung, die damit einhergeht, profitieren Pendler, so Haller: „Ein Tarifsystem und ein abgestimmter Fahrplan.“

Ziele, Standards und konkrete Maßnahmen

Eine nötige Stärkung des Öffentlichen Personen Nahverkehrs (ÖPNV) betonte auch Landrat Josef Niedermaier gegenüber den Ausschussmitgliedern: „Die Pendlerzahlen steigen, die zurückgelegten Wege werden länger.“ In der Großstadt arbeiten und auf dem Land leben, das sei mittlerweile kein Einzelfall mehr. „Und der Tagesausflug in die Berge oder zum See ist längst keine Ob-, sondern Wohin-Frage geworden.“

Wie berichtet, beinhaltet der NVP Ziele und Standards für die Qualität des ÖPNV im Landkreis und schlägt konkrete Maßnahmen zur Umsetzung im nördlichen Landkreis, Isarwinkel und Loisachtal vor. Den Rahmen hatte Matthias Breuel von der MVV Consulting bereits in der April-Sitzung des Umweltausschusses abgesteckt. Breuel betonte damals und auch in der jüngsten Ausschusssitzung wieder: „Die Motorisierunsquote abseits der Schienenstrecken in den Flächengemeinden im nördlichen Landkreis ist deutlich über dem bayerischen Durchschnitt.“

Für Niedermaier liegen die negativen Folgen für das Klima auf der Hand, auch wenn er die Automobilindustrie „nicht pauschal verteufeln“ will. „Sie ist das Rückgrat der deutschen Exportindustrie und für viele tausend Arbeitsplätze verantwortlich.“

Für die Politik ein wirtschaftlicher und ökologischer Spagat zwischen „Verkehr vermeiden, aber gleichzeitig Mobilität zu garantieren“, so Niedermair. Eine der Alternativen und Teil der Lösung sei eben der ÖPNV-Ausbau. Im Umkehrschluss bedeute dieses Angebot aber auch nicht: „das an jedem Milchhäusl halbstündlich der Bus halten soll“. Selbständige Mobilität ist laut Landrat eben „mehr als nur von A nach B zu gelangen“.

Nahverkehrsplan auf der Zielgeraden

Wie der ÖPNV verbessert werden kann, hat die MVV Consulting in einem Beteiligungsprozess durch Analysen, mehrere Workshops, Befragungen und Gespräche herausgefunden. Die Zusammenfassung der Ergebnisse verdeutlicht eine gute räumliche Erschließung sowie Erreichbarkeit der Haltestellen während der Hauptverkehrszeit in Städte wie Bad Tölz und Wolfratshausen.

Während die Städte gut erreichbar seien, so zeigen sich „größere Defizite in den Flächengemeinden Dietramszell, Egling sowie Sachsenkam“. Aber auch während der Ferien, „da der ÖPNV sehr stark auf den Schülerverkehr ausgelegt ist“, erklärte Matthias Breuel von MVV-Consulting GmbH. In der Schwachverkehrszeit am Abend abseits der Schienenstrecken der Ache Bad Tölz-Geretsried-Wolfratshausen „gebe es nahezu kein ÖPNV-Angebot.“ Ebenso schlecht zu erreichen seien die Badegebiete wie etwa das Walchensee-Südufer und Taktanschlüsse der hiesigen Bergbahnen. „Am Bahnhof endet ja nicht die Fahrt zum Ausflugs­ziel“, betonte Breuel.

„Alles andere ist nicht mehr zeitgemäß“

Im Rahmen des Nahverkehrs­plan (NVP) sollen insbesondere die Hauptverkehrszeiten von Montag bis Freitag von sechs Uhr morgens bis 20 Uhr abends ausgebaut werden. Während kleinere Ortschaften soweit möglich angeschlossen werden, sofern es die Linienführung wirtschaftlich trägt, kommt für größere Orte mit mehr als 900 Einwohner zur Stoßzeit ein 20- bis 30-Minutentakt. „Alles andere ist nicht mehr zeitgemäß“, betonte Markus Haller (MVV-Consulting).

Während für die Alpenbuslinie von Murnau am Staffelsee über Penzberg, Bad Tölz weiter nach Miesbach und Rosenheim noch nach abgestimmt werden muss, ist die Expressbusline bereits sicher und startet im Dezember diesen Jahres. Die Linie X970 verbindet die Städte Bad Tölz, Wolfratshausen und Starnberg. Die Verbindung X320 Deisenhofen, Egling und Wolfratshausen. „Gerade Egling profitiert von der neuen Expresslinie erheblich“, betont Haller weiter.

20 weitere Maßnahmen schreibt der NVP vor, die je nach Priorisierung und Nachfrage zur besseren ÖPNV-Anbindung umgesetzt werden können. Darunter Flächengemeinden wie Dietramszell, Lenggries und Sachsenkam oder kleinere Ortsteile in den Gemeinden Bad Heilbrunn, Eurasburg, Icking sowie Schlehdorf.

Bedarfsverkehr und Barrierefreiheit

Zum Schluss stellte Breuel noch alternative Angebote des NVP vor: darunter etwa der Ausbau von Bedarfsverkehr wie „Ruftaxis“ oder Carsharing sowie der Erfassung von Echtzeitdaten bei der MVV-Fahrplanauskunft auf stationären Anzeigern an den Haltestellen.

Auch die Barrierefreiheit der Bushaltestellen wurde angesprochen. Die Zuständigkeit für den Ausbau liegt in der Regel bei den Gemeinden. Laut dem Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz, kurz GVFG, umfasst der barrierefreie Ausbau einer Haltestelle mindestens die Einrichtung eines farblich hell abgesetzten Hochboards (16 Zentimeter) zur Bordsteinkante. Zudem seien taktile Leitstreifen für Sehbehinderte vorzusehen. Der Ausbau könne per GVFG-Förderung abgewickelt werden.

Abstimmung der Kreisräte

Am Ende hatte der Kreis- und Umweltausschuss über die Fortschreibung des NVP abzustimmen. Landrat Josef Niedermair (FW) sprach sich trotz der Mammutaufgabe klar für das Großprojekt aus: „Wir brauchen einen langen Atem. Der Ausbau wird uns jede Menge Geld kosten, bis das Angebot auch tatsächlich wahrgenommen wird“, betonte er. „Doch wenn wir jetzt mutig sind und den ersten Schritt hin zu einem attraktiven Nahverkehr machen, bin ich sicher, ernten wir langfristigen Erfolg.“

Fraktionssprecher Martin Bachhuber erklärte die Zustimmung der CSU. „Gleichwohl wird es ein finanzieller Kraftakt für den Landkreis“, betonte er. Der Kreis gebe jetzt schon drei Millionen Euro für den ÖPNV aus. Die vier Millionen, die durch den Nahverkehrsplan jährlich hinzukommen werde „eine Herausforderung“. Parteikollege Werner Weindl stimmte zu: „Wir beschließen heute dauerhafte hohe Ausgaben.“ Die am Ende möglicherweise wiederum die Bürger über die kommunale Kreisumlage mittragen müssten, falls das ÖPNV-Angbot sich wirtschaftlich nicht von selbst finanziere.

Kochels Bürgermeister Thomas Holz (CSU), hofft indes auf eine Verbesserung der Verkehrsentlastung für seine Gemeinde. Da die Verbindung zwischen dem Loisachtal und dem nördlichen Landkreis nur per Stufe also niedrig priorisiert ist: „Die Kochelseebahn fährt nur im Stundentakt. Am Wochenende ist die bumsvoll.“ „Was für ein schöner Tag“, freute sich Jakob Koch (Grüne) zur Abstimmung: „Um die Blechlawinen zu stoppen, braucht es starke Linien. Lasst sie uns jetzt endlich mit Fahrgästen füllen.“ Der Kreistag wird am 26. Juli über den NVP abstimmen.

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