„Kino ist nicht nur Kino“

Interview: Marketingleiterin Katha Sohnius spricht über Corona-Auflagen und die Zukunft der Lichtspielhäuser

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Katha Sohnius (26) ist Marketingleiterin der Kinokette Wolf.

Bad Tölz – Katha Sohnius ist ein Kinokind: aber nicht weil sie selbst gerne Filme anschaut. Nein, die 26-jährige Haushamerin (Nachbarkreis: Miesbach) arbeitet seit 2017 als Marketingleiterin im Familienbetrieb „Kinobetriebe Wolf“. Dem etwa das Programmkino Capitol-Theater in Tölz sowie das dortige Isar Kinocenter und das Oberland Kinocenter in Hausham angehören. Am 1. August eröffnen nun die beiden Mainstraimkinos wieder. Im Interview berichtet sie über die Kinokultur in Zeiten von Corona.

Frau Sohnius, wie haben Sie und ihre Familie als Kinobetreiber den Lockdown erlebt?

„Es war ein ziemlicher Schock. Es fiel uns schwer, von einem Tag auf den anderen unsere Kinos zu schließen. Erst dachten wir, das Ganze wäre nur für ein paar Wochen. Dass daraus aber viereinhalb Monate werden würden, damit hat niemand gerechnet. Anfangs wussten wir überhaupt nicht wie es weitergehen soll. Zum Glück haben unsere Hausbanken uns versichert, dass wir die Zeit überbrücken können. Auch Soforthilfen haben wir beantragt und bekommen. Daher konnten wir auch alle Mitarbeiter an unseren Standorten halten.“

Was haben Sie in den rund vier Monaten gemacht?

„Neben Gedanken zu den umzusetzenden Hygienemaßnahmen, haben wir uns mit alternativen Konzepten auseinandergesetzt: Also, ist Kino noch Kino, im Sinne von man kauft sich ein Ticket, eine Tüte Popcorn und guckt einen Film oder kann man es ausweiten? Ausprobiert haben wir das etwa mit einer Doku von You-Tuber Fynn Kliemann, der diese bei uns für einen Tag ins Kino bringen wollte. Wir hätten den Film regulär ausgestrahlt, da dieser wegen Corona nicht ins Kino kommen konnte, gab es eine Internet-Plattform auf dem der Film online für Zuhause abgerufen werden konnte. Vom Ticketverkauf haben wir einen Teilerlös bekommen, nicht soviel wenn wir ihn normal gespielt hätten. Uns war wichtig, dass wir unseren Kinobesuchern wieder etwas anbieten konnten, abseits von Netflix und Amazon Prime.“

Und hat sich das Online-Angebot finanziell gelohnt?

„Es gab jetzt keinen großen Ansturm. Damit hatte ich ehrlich gesagt auch nicht gerechnet. Allein deshalb, weil wir dass in der Form auch noch nie gemacht haben. Es war in Ordnung und ist sicherlich etwas, was wir später wieder ins Auge fassen könnten, wenn es Angebote dafür gibt. Eine Dauerlösung wäre das aber nicht.“

Gibt es andere Alternativen, die Sie ausprobieren?

„Ja. Es gibt ein Start-up-Unternehmen, die eine App entwickelt haben, die es Kinogängern ermöglicht, das Kinoprogramm mitzubestimmen. Die App ermöglicht, die Kommunikation zwischen uns und den Besuchern zu vereinfachen. Wir sind gerade im Gespräch, wie und in welcher Bandbreite wir das umsetzen können. Aber auch so können unsere Gäste das Kino auch anderweitig nutzen. Kino ist nicht nur Kino. Es kann auch Veranstaltungsort für private Events sein. Möglich wären hierbei zum Beispiel DVD-Abende oder Playstation spielen auf der großen Leinwand. Aber auch geschäftliche Veranstaltungen wie Betriebsversammlungen oder Weihnachtsfeiern sind durchaus denkbar. Ich bin mir sicher, dass wir für jeden Zweck ein passendes Konzept finden werden.“

Von den Auflagen her, hätten Sie auch früher aufmachen dürfen?

„Offiziell hätten wir ab 15. Juni wieder unsere Kinos aufsperren dürfen. Die Bestimmungen waren damals so, dass wir gesagt haben, es rentiert sich für uns einfach nicht. Zudem gab es auch keine neuen Filme. Die ganzen Filme, die vor dem Lockdown gelaufen sind, gibt es mittlerweile auf Streaming-Plattformen. Wir haben uns die Frage gestellt, würden die Leute noch einmal ein Ticket bezahlen, für Filme, die sie bereits offiziell streamen können. Außerdem haben sich die beiden Blockbusterfilme ‚Mulan‘ und ‚Tenet‘ auf August verschoben. Jetzt haben einige Verleiher wieder ihre Filme terminiert, da haben wir auch bessere Planungssicherheit.“

Stehen Hollywood-Produktionen aus der weltweit größten Filmindustrie schon Schlange?

„Gerade bei den Major-Verleihern hängt viel von globalen Entscheidungen ab; sie schauen auf die Weltmärkte. Wenn Hollywoodfilme verschoben werden, ist dass keine Entscheidung der deutschen Verleiher, sondern kommt aus den USA. Und die haben teilweise ihre Filme auf das Jahr 2022 verschoben, da zieht sich das Programm schon auseinander. Es kann aber auch sein, dass wir 2021 ein Super-Kinojahr

haben, weil Monat für Monat tolle Filme herauskommen.“

Zurück zu Corona: Müssen Kinobesucher nun mit Mund/Nasenschutz Filme anschauen?

„Grundsätzlich brauchen die Besucher einen Mund- und Nasenschutz, wenn sie sich durchs Gebäude bewegen, dass ist Pflicht. Sobald sie aber am Platz sitzen, dürfen sie diesen abnehmen. Unsere Mitarbeiter müssen den Mund/Nasenschutz aber durchgängig tragen.“

Und wie sehen die Hygieneauflagen im Kinosaal aus?

„In den Sitzreihen werden jeweils nach rechts und links zwei Sitze freigelassen. Und nach vorne und hinten jeweils ein Sitzplatz. Freundesgruppen, Familien und Pärchen dürfen freilich zusammensitzen, wenn sie gemeinsam buchen. Wir machen keinen reinen Onlineverkauf, es wird nach wie vor die Möglichkeit des Ticketverkaufs vor Ort geben. Aber Online ist einfacher und wesentlicher kontaktloser, da man sich nicht in der Schlange anstellen muss und direkt zum Saal durchgehen kann.“

Buchen und Belegen mit Abstand klingt nach einer logistischen Herausforderung...

„Ja. Außerdem sind die kleineren Säle dann auch relativ schnell voll. Ich denke, wir werden damit eine Zeit lang auskommen müssen. Aber wir sind ja froh, dass wir die Leute wieder zu uns ins Kino lassen dürfen. Maximal dürfen derzeit 200 Leute in einen Saal, da sind wir von unseren Sitz-Kapazitäten aber weit davon entfernt.“

Abschließend: denken Sie, Corona wird das Kino verändern ?

„Die Leute sind achtsamer geworden. Und deshalb glaube ich, dass jetzt ein guter Zeitpunkt ist, um sich mit alternativen Kino-Konzepten auseinanderzusetzen. Aber die Leute haben auch gemerkt, dass Kino fehlt. Auch wenn man kein großer Kinogänger ist. Im Kino kann ich abschalten. Für zwei Stunden an gar nichts anderes denken. Und Corona einfach mal vergessen.“

Das Gespräch führte Daniel Wegscheider

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