„Nacktbadeverbot bringt nichts“

Immer mehr Badegäste meiden die Bereiche an der Isar, wo es gehäuft zu exhibitionistischen Handlungen kommt.

Wer im Internet sucht, wird schnell fündig. Präzise sind die Ortsangaben, die zu Sextreffs in den Isarauen führen. Der Landkreis als auch die Polizei können das nicht verhindern. Für Landrat Josef Niedermaier ein Ärgernis, dennoch bestehe kein akuter Handlungsbedarf: „Wir werden jetzt nicht die große Keule schwingen.“

Unisono setzen die Behörden auf die Hilfe der Bevölkerung. „Wenn sich jemand belästigt fühlt, soll er sofort zum Handy greifen und die Polizei alarmieren“, so der Appell von Niedermaier jüngst auf einem Pressegespräch im Geretsrieder Rathaus – eine Reaktion auf die vielen Berichterstattungen der Boulevardjournaille und des Privatfernsehens über sexuelle Belästigungen an der Isar. Immer mehr Leute benutzen die Isarauen dazu, ihre exhibitionistischen und voyeuristischen Neigungen auszuleben. So die Meinung der Jungen Union Wolfratshausen (JU). Betroffen sei laut dem JU-Ortsvorsitzenden Christian Brunnhuber insbesondere der Bereich Isarspitz und flussaufwärts bis zum nördlichen Teil Geretsrieds. Um dem „unerträglichen und widerlichen Treiben“ ein Ende zu setzen, forderte die JU den Landrat zum Handeln auf. „Das Thema ist nicht neu“, sagte Niedermaier. Schon seit 1999 seien die Sex-Treffs aktenkundig. „Seit 2004 ist im Kampf gegen Exhibitionisten und Voyeure in den Isarauen einiges passiert“, betonte der Landrat. Seither gibt es in Abstimmung mit dem Innenministerium ein fertiges Einsatzkonzept: Die Polizei bestreift die Auen intensiver – sogar in zivil. Damit will sie Exhibitionisten verunsichern. Flankiert wird diese Maßnahme von Info-Tafeln. Jeder, der sich belästigt fühlt, findet auf ihnen die Telefonnummern der Polizeiinspektionen Wolfratshausen und Geretsried. Niedermaier unterscheidet bei den Badegästen zwischen dem Gros, das lediglich dem Freikörperkult fröhnt und jenen Wenigen, die durch sexuelle Handlungen öffentliches Ärgernis erregen. Nacktbaden in den Isarauen sei streng genommen verboten, so  Niedermaier. Denn: „Laut der bayerischen Badeverordnung muss man in der Öffentlichkeit Badebekleidung tragen – ausgenommen in ausgewiesenen FKK-Geländen.“ Aber es gebe einen gesellschaftlichen Konsens. Danach wird Nacktbaden geduldet. Körperliche Freizügigkeit werde seit Jahrzehnten toleriert. „Ein Nacktbadeverbot zu vollziehen, bringt nichts.“ Der Großteil der Leute verhalte sich konform, so die Erfahrung des Landrats. „Es können nicht 1.000 Leute verfolgt werden. Das ist nicht machbar und auch nicht das Ziel.“ Das sieht die JU anders: Die Nachwuchschristsozialen forderten Niedermaier in einem offenen Brief auf, mehr Isar-Ranger einzusetzen. Doch deren Aufgabe „ist nicht das Aufdecken von Straftaten“, wiegelte Niedermaier ab. Isar-Ranger hätten keinerlei Polizeigewalt, dürften nicht einmal einen Ausweis einfordern. „Die Isar-Ranger suchen nicht krampfhaft hinter jedem Busch“, kommentierte Klaus Bachmann von der Naturschutzwacht. Aber: In den vergangenen zwei Jahren habe sich die Szene auf einen kleinen Bereich zurückgezogen. Die Fallzahlen exhibitionistischer Handlungen sind laut Geretsrieds Polizeichef Walter Siegmund „sehr gering“. 2010 habe es vier bekannt gewordene Vorfälle gegeben, berichtete Wolfratshausens Polizeichef Werner Resenberger. In 2011 gebe es bisher ein Vorkommnis. Anders die Erfahrung eines Pro7-Kamerateams, das im vergangenen Jahr für die Sendung „taff“ an dem besagten Isarabschnitt gedreht hat und binnen kurzer Zeit drei Exhibitionisten ausfindig machte. Das Team hat das Videomaterial der Polizei übergeben. Resenberger indes bilanziert seit 2006 insgesamt 28 angezeigte Straftaten, wovon elf gelöst worden seien. Das entspreche einer Aufklärungsquote von etwa 40 Prozent. Wer Erholung sucht, wie Gott ihn schuf, „wird nicht verfolgt“, sagte Resenberger. Wenn es jedoch öffentlich zu sexuellen Handlungen und Belästigungen komme, „ist dies eine Straftat, die verfolgt und geahndet wird“. Die Polizei richte zudem ein Auge auf das Internet. Doch dort eingestellte Verabredungen zu Sex-Treffs seien nicht strafbar, sondern nur „Werbung für die Szene“ in den Auen – freilich im juristischen Sinne, wie der Gesetzeshüter ergänzte.

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