„Fort vom heiligen Auto“

Neuer Nahverkehrsplan soll den ÖPNV verbessern und zum Umdenken anregen

Mahnwache der Tölzer „Fridays for Future“ vor dem Landratsamt
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Mahnwache von „Fridays for Future“ vor dem Tölzer Landratsamt zum Thema „Verkehrswende“.
  • Daniel Wegscheider
    vonDaniel Wegscheider
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Landkreis – Der neue Nahverkehrsplan (NVP) für den Landkreis wird gerade vorbereitet. Für die verschiedenen Parteien im Kreisausschuss und Kreistag führt daran kein Weg vorbei.

Im Hinblick auf den in den vergangenen Jahren zugenommenen Ausflugsverkehr, der bekanntermaßen insbesondere an den Freizeitdomizilen Isar, Walchen- und Sylvensteinsee an Wochenenden teils zu chaotischen Verkehrssituationen führte ist der neue NVP wichtiger denn je. Damit einher geht der Gedanke zur Stärkung des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV), um die Straßen im Landkreis zu entlasten. Insbesondere für die Grünen im Kreis ist der Schritt längst überfällig, da der letzte NVP aus dem Jahr 1996 stammt.

Stille Mahnwache

Dies zeigte sich am Montag bei der Sitzung des Kreis-Umweltausschusses vor dem Tölzer Landratsamt. Bevor im großen Sitzungssaal der Tagesordnungspunkt zur Fortschreibung des NVP vorgestellt wurde, positionierten sich vor dem Haupteingang zehn Aktivisten der „Fridays for Future“-Bewegung, um bei ihrer stillen Mahnwache, der Forderung nach einem besseren öffentlichen Nahverkehr Ausdruck zu verleihen.

„Es brennt“

Drinnen sprach Jakob Koch die Forderungen der Jugend aus. Der Eurasburger Grünen-Kreis- und Gemeinderat sagte: „Wir müssen etwas großes Voranbringen, damit die Mobilität an Attraktivität gewinnt“, betonte der 22-Jährige, der als jüngstes Kreistagsmitglied laut Fraktion bestens vernetzt ist mit der Jugend aus dem Landkreis. Bei der Verkehrswende sei in der Region schon vieles angeschoben worden, betonte Koch, „aber noch nicht alles“. Mit kritischen Blick auf das Klimaziel 2035 und der „bestehenden Verkehrskrise“ fordert er beim NVP sofortiges Handeln: „Wir müssen schnell alle Punkte umsetzen. Es brennt, da müssen wir Gas geben.“

Zu billig, zu einfach

Landrat Josef Niedermaier (FW) betrachtet die politische Diskussion um die Mobilitätswende bereits etwas länger und weiß, dass die „Bereitschaft umzusteigen“ in einem Flächenlandkreis nicht so schnell vonstatten gehe wie in einer Stadt, mit einer gut ausgebautem öffentlichen Verkehrsinfrastruktur und Parkplatzknappheit. „Die fort-vom-heiligen-Auto-Alternative“ müsse in den Köpfen erst ankommen und reifen. „Solange es am billigsten, am bequemsten und einfachsten ist, ins eigene Auto zu steigen, wird die Nutzung erst einmal schwer sein.“

Besser über ÖPNV-Angebot informieren

Das aus „den Köpfen bringen“ sah auch Franz Schöttl so: „Im Bereich Marketing müssen wir das auf allen Kanälen bombardieren“, damit die Verkehrswende angenommen werde. „Sonst wird das alles nicht funktionieren“, betonte der CSU-Kreisrat. „Wir können die beste Buslinien haben, wenn diese nicht angenommen werden, bringt das nichts.“ Insbesondere Gäste und Ausflügler müssten per Werbung besser über das ÖPNV-Angebot informiert werden.

Der Plan für die Verkehrswende

Die MVV-Consulting GmbH hat für den Nahverkehrsplan (NVP) die konkreten Maßnahmen sowie den Beteiligungsprozess abgeschlossen. Dr. Markus Haller stellte nun im Kreis-Umweltausschuss die vorangegangenen Schritte noch einmal vor. Wie der Leiter der MVV-Consulting GmbH berichtete, wurde in der Planungsphase der Landkreis in die Bereiche „Nördlicher Landkreis, Isarwinkel und Loisachtal“ unterteilt, um damit eine Strukturranalyse aufzustellen.

Fünf Prozent Einwohnerwachstum

Für die Fortschreibung des NVP fasst Haller folgende Bedingungen zusammen: Im gesamten Landkreis sei in den nächsten zehn Jahren von einem Einwohnerwachstum von etwa fünf Prozent zu rechnen. Wie zu erwarten war, zeigte die Statistik auch eine ausgeprägte Pendlerverflechtung zwischen den Städten Bad Tölz, Geretsried und Wolfratshausen sowie der Landeshauptstadt München und den Nachbarlandkreisen Weilheim und Miesbach.

Kein Angebot in „Schwachverkehrszeit am Abend“

Auch wenn während der Hauptverkehrszeit an Schultagen die sogenannten Mittelzentren wie Bad Tölz, Lenggries und Wolfratshausen gut erreichbar seien, so zeigen sich „größere Defizite in den Flächengemeinden Dietramszell, Egling sowie Sachsenkam“. Aber auch während der Ferien, „da der ÖPNV sehr stark auf den Schülerverkehr ausgelegt ist“, erklärte Haller. „In der Schwachverkehrszeit am Abend abseits der Schienenstrecken gebe es nahezu kein ÖPNV-Angebot.“

Analyse der ÖPNV-Erschließung

Insbesondere zeigt die Analyse auch schwankende Schwachstellen bei der Erreichbarkeit stark frequentierter Tourismus- und Freizeitziele. Konkret moniert die MVV, dass gut besuchte Badegebiete wie das Walchensee-Südufer, nicht, oder nur ungenügend (Starnberger See) an den ÖPNV angebunden sind. Ebenso sind die Wander- und Winter-Ausflugsorte in die Jachenau und Eng mit nur wenig Fahrten am Tag getaktet.

Hauptverkehrszeit auf 20 Uhr verlängert

Der neue NVP-Maßnahmenkatalog soll nun die Verkehrssituation verbessern. Dazu wird etwa die Hauptverkehrszeit an Werktagen auf 20 Uhr verlängert. Bei größeren Orten mit mehr als 900 Einwohner sollen Busse künftig im 20- bis 30-Minutentakt verkehren; in kleineren Orten setzt die MVV einen 60-Minutentakt an.

Abholung auf Bestellung

Ein weiterer wichtiger Punkt ist laut Haller der Bedarfsverkehr: „Insbesondere während der Schwachverkehrszeit am Wochenende und abends ist das Angebot nicht ideal und wenig ausgeprägt.“ Deshalb möchte die MVV Consulting sogenannte Ruf-Taxis oder „on demand“-Angebote, also auf „Bestellung“, im Zeitraum von 20 bis 1 Uhr einsetzen, „um auch diese Lücken wirtschaftlich schließen zu können“. Diese seien derzeit noch nicht konkretisiert, sondern Teil der Umsetzungsphase nach dem NVP-Beschluss, so Haller.

Einheitlicher MVV-Tarif und Echtzeit-App

Wesentlich ist laut Haller auch der Bereich „Tarif und Ticketing“. Für alle Regionalbusse sowie dem ergänzenden Bedarfsverkehr im Landkreis werde ein einheitlicher MVV-Gemeinschaftstarif festgeschrieben, damit auch das ÖPNV-Angebot im Süden in den Münchner Verkehrs- und Tarifbund integriert werde. Die Vereinheitlichung ist für Landrat Josef Niedermaier die Voraussetzung für die Verkehrswende: „Egal ob Zug, Bus oder Bedarfsverkehr, es muss ein Ticket und einen Tarif für alles geben.“ Zudem sei eine App zur Fahrplanauskunft mit MVV-Echtzeitdaten „ein muss und unabdingbar“.

Zum Konzept bekennen

Bis zum Sommer soll der NVP vom Kreisausschuss (Juni) und dem Kreistag (Juli) verabschiedet werden. Zwei wichtige Beschlussentscheidungen zur Finanzierung, da der Freistaat derzeit Förderungen für den ÖPNV auf den Weg bringe. Bedingung ist laut Niedermaier, dass sich der Landkreis aber auch per neuen NVP zum staatlichen Verkehrskonzept bekenne. „Wenn wir jetzt mit dem alten Plan weiterarbeiten, haben wir ein Förderproblem.“

„Grobe Schätzung“

Matthias Breuel von der MVV-Consulting präsentierte zudem die Kosten („Grobschätzung, können sich noch ändern“), die sich dabei je nach Priorität in die drei Regionen Isarwinkel, Loisachtal sowie nördlicher Landkreis von gleich bis später aufteilen. Würde bei Prio eins alles umgesetzt kostet das rund 2,55 Millionen Euro; Prio zwei 1,4 Millionen Euro und Prio drei 660.000 Euro – alles pro Jahr gerechnet. Allerdings „reine Kosten, ohne Mitfahrer“, erklärte Niedermaier, da Ticketeinnahmen und etwaige Förderungen davon nicht abgezogen seien.

Mehr wie ein halbes Jahr

Jetzt gelte es das NVP-Angebot einzuführen und der Reihe nach abzuarbeiten, erklärte Niedermaier und betonte: „In einem halben Jahr ist das in den Köpfen einer autoaffinen Gewohnheitsgesellschaft nicht der Fall.“ Erfahrungswerte zeigen, dass mindestens vier Jahre eingeplant werden müssen, „bis es angenommen wird“.

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