Neues Buch zum 100. Geburtstag / Tölzer Schule soll nach Marie-Luise Schultze-Jahn benannt werden

Erinnern und Aufklären

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„Wir wollten aufklären!“ heißt das Buch, das zum 100. Geburtstag von Maria-Luise Schultze-Jahn von ihrer Nachlassverwalterin Anne-Barb Hertkorn (v.l.), Dritten Bürgermeister Christof Botzenhart und Bürgermeister Josef Janker im Tölzer Rathaus vorgestellt wurde.

Bad Tölz – Sie war ein kleines Persönchen, aber eine große Persönlichkeit. Marie-Luise Schultze-Jahn wäre am vergangenen Montag 100 Jahre alt geworden. Jetzt, acht Jahre nach ihrem Tod erinnert das Buch „Wir wollten aufklären!“ an die ehemalige Widerstandskämpferin, die bis ins hohe Alter eine engagierte Zeitzeugin der Verbrechen des Nationalsozialismus war.

Herausgeberin der Broschüre ist Anne-Barb Hertkorn. Jüngst hat sie die Neuauflage der Publikation zum 100. Geburtstag von Schultze-Jahn im Beisein von den Tölzer Bürgermeistern Josef Janker und Christof Botzenhart im Rathaus vorgestellt. Dabei erinnerte sie auch an das Schicksal der jungen Frau und ihres Freundes Hans Leipelt. Beide hatten sich 1941 als Studenten am Chemischen Institut von Professor Heinrich Wieland kennen, dessen Labor einen geistigen Freiraum bot. „Eines Tages bekam Hans Leipelt das sechste Flugblatt der Weißen Rose zugeschickt“, berichtete Hertkorn. „Kurz darauf erfuhren er und Marie-Luise Jahn, dass die Geschwister Scholl hingerichtet worden waren.“ Leipelt und Jahn beschlossen, die Arbeit der Widerstandsgruppe fortzusetzen. Außerdem wurde für die Witwe eines ermordeten Widerstandskämpfers der Weißen Rose eine Spendensammlung durchgeführt. Sie wurde verraten, die beiden verhaftet, der Staatsanwalt beantragte für Jahn und Leipelt die Todesstrafe. Im Oktober 1944 wurde Hans Leipelt, der zudem jüdischer Herkunft war, zum Tode verurteilt. Für Marie-Luise Jahn verfügte der Richter zwölf Jahre Zuchthaus, die sie bis zur Befreiung durch die amerikanischen Truppen absitzen musste.

Diese Erinnerungen Marie-Luise Schultze-Jahns, die sie zu ihrem 85. Geburtstag aufschrieb, bilden einen Teil des jetzt erschienenen Buchs. Zudem geht es um ihr „außerordentliches gesellschaftspolitisches Engagement“, so Hertkorn. Nach langem Schweigen machte es sich Schultze-Jahn, die seit 1969 als Kinderärztin in Bad Tölz praktiziert hatte, ab etwa 1992 zur Aufgabe, zu erinnern und aufzuklären, vor allem an den Schulen. Das Buch „Wir wollten aufklären!“ entstand auf Initiative des Weiße Rose Instituts in Zusammenarbeit mit der Fakultät für Chemie und Pharmazie der LMU und der Stadt Bad Tölz.

Am 100. Geburtstag von Schultze-Jahn, die neben ihrem Freund Leipelt beerdigt worden war, legte Botzenhart zusammen mit Anne-Barb Hertkorn auf dem Friedhof neben dem früheren Gefängnis Stadelheim einen Kranz der Stadt nieder.

Doch auch in Bad Tölz soll an das einstige Mitglied der Weißen Rose erinnert werden. So möchte man zusammen mit Schulleiter Klaus Koch das Tölzer Förderzentrum am Alten Bahnhof in Marie-Luise-Jahn-Schule umzubenennen. „Ihr Thema der Erziehung gegen Radikalismus und Gewalt und für Demokratie passt hervorragend zur Weltoffenheit der Schule“, begründet Janker. Laut Botzenhart gibt es vor Ort ein „breites Einvernehmen“ unter Schulleitung, Kollegium, Elternschaft, Schülern und Träger. Der formale Entscheidungsprozess laufe noch. Botzenhart rechnet damit, dass die Namensgebung im Herbst wirksam werden könne. bo

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Das 100-seitige Buch „Wir wollten aufklären!“ mit örtlichen Fotografen kann zum Preis von 14,90 Euro im Buchhandel bestellt werden

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