310 Personen ohne festen Wohnsitz

Obdachlosenhilfe: Mehr Fälle als vergangenes Jahr

Engagiert für Bedürftige: Sozialpädagogin Barbara Stärz in ihrem Tölzer Büro.
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Engagiert für Bedürftige: Sozialpädagogin Barbara Stärz in ihrem Tölzer Büro.
  • Franca Winkler
    vonFranca Winkler
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Bad Tölz – Weihnachten 2020 fällt mit großer Wahrscheinlichkeit für alle anders aus. Während die einen beklagen, dass sie nicht über einen Christkindlmarkt bummeln, geht es bei einigen Menschen in der Mitte unserer Gesellschaft um ganz profane Dinge, die ihnen fehlen.

Barbara Stärz, Sozialpädagogin der Caritas Fachberatungsstelle für Wohnungshilfen in Bad Tölz berichtet über die aktuelle Situation. „In Bad Tölz und Umgebung gibt es derzeit etwa 310 Menschen die obdachlos sind. Im vergangenen Jahr waren es 203,“ berichtet die 37-jährige Barbara Stärz. Als obdachlos bezeichnet man Personen die im Freien nächtigen, in Notunterkünften untergebracht sind, bei Bekannten auf dem Sofa schlafen oder ohne Mietvertrag zum Beispiel in Pensionen leben.

Die Gründe für eine Obdachlosigkeit sind vielfältig. Es sind zum Beispiel Personen die aus stationären Einrichtungen entlassen werden und kurzfristig Bedarf für eine Notunterbringung haben. Das kann nach einer Trennung, aber auch nach einem längeren Krankenhausaufenthalt, nach der Entlassung aus der Psychiatrie oder aber auch aus der Haft der Fall sein. Auch bei Räumungsklagen durch den Vermieter wird eine neue Unterkunft benötigt, falls der Mietvertrag nicht mehr gerettet werden kann. „Aufgrund der Wohnungsnot ist das unser oberstes Ziel: den Vertrag retten, sodass die Person in der Wohnung bleiben kann,“ betont Stärz.

Früher war der Hauptgrund für die Kündigung eines Mietvertrages noch eine offene Mietschuld gewesen, jetzt wird als Grund öfter Eigenbedarf angegeben. „Durch die Corona-Pandemie hat das zugenommen. Nicht nur, dass der eigene Bedarf in dieser Wohnungsnot tatsächlich gestiegen ist, auch wollen die Vermieter ihr Eigentum einer gewerblichen Nutzung zuführen, da dort mit mehr Einnahmen zu rechnen ist,“ erläutert die Sozialpädagogin in ihrem Büro im Klosterweg 2.

Das es zu wenig bezahlbaren Wohnraum gibt, ist keine Neuigkeit, aber aktuell besonders zu spüren. Nicht nur für Personen mit Suchterkrankungen oder die mit Schulden zu kämpfen haben, ist die Situation auf dem Wohnungsmarkt eine Herausforderung. Auch die einzuhaltenden Hygiene-Konzepte stellen eine Hürde dar, verlangen sie doch eine Entzerrung in den Notunterkünften, vor allem auch für Personen mit Vorerkrankungen, um sie keinen zusätzlichen Risiken auszusetzen. „Im Haus Sankt Jakobus in der Salzstraße 29 in Bad Tölz bringen wir zum Beispiel sonst immer bis zu acht Personen unter. Durch die derzeitigen Auflagen, dürfen wir nur noch Hilfesuchende aus einem Haushalt unterbringen. Zumeist suchen aber Einzelpersonen Zuflucht.“

Barbara Stärz berichtet, dass im Moment mehr denn je Beratungen benötigt werden. Um weder die Hilfesuchenden noch die Mitarbeiter dem Risiko einer möglichen Ansteckung auszusetzen, gibt es keine Hausbesuche mehr. Eigenbedarf gilt als Hauptgrund für Wohnungslosigkeit.

Kreatives Engagement

„Der gemeinsame Mittagstisch musste leider auch entfallen, aber dank des großen Engagements aller Beteiligten, wird sehr viel telefoniert, es wurden Essensausgaben organisiert, persönliche Gespräche gab es bei Spaziergängen unter Einhaltung des Abstands und wichtige Botengänge sowie Einkäufe wurden erledigt,“ freut sich Stärz. Den Feiertagen sieht die Caritas Mitarbeiterin dennoch kritisch entgegen, da viele Betroffene die Tage weitgehend einsam verbringen werden. Es fehlt an Kontakten und Beschäftigungsmöglichkeiten, was wiederum nicht nur für Personen mit Ängsten belastend ist, sondern auch für Suchtkranke, um ihre Sucht zu Bekämpfen.

Stärz zeigt sich dennoch optimistisch: „Der Landkreis tut viel. Notunterkünfte konnten entzerrt werden, was vor allem für Personen aus Risikogruppen wichtig war. Aber auch die schnellen Hilfeleistungen. So vieles geht plötzlich online oder telefonisch mit vereinfachten Anträgen. Damit wird vielen ein beschämender Gang zu den Behörden gespart. Hoffentlich wird das beibehalten.“

Jeder Einzelne kann helfen

Kontakt


Die Beratungsstelle für Wohnungslose in Bad Tölz finden Hilfe unter Tel: 08041/79 316-122 und in Geretsried unter Tel: 08171/98 300. Weitere Informationen online auf www.caritas-am-naechsten.de.

Doch nicht nur die Ämter und viele ehrenamtlichen Helfer können einen Beitrag leisten. Die Mitarbeiter der Wohnungslosenhilfe der Caritas freuen sich über Spenden. Haltbare Lebensmittel wie Konserven, Reis oder Nudeln, aber auch Hygieneartikel wie Duschgel, Bodylotion oder Deo werden gern angenommen. Bei gut erhaltener Kleidung (vor allem neuwertige Männerschuhe werden benötigt) sei es aus logistischen Gründen besser vorab anzurufen. Auch freuen sich die meisten über ein Gespräch oder wenn ihnen ein Wunsch erfüllt wird, „und sei es nur eine Leberkässemmel. Jeder der Hilfe anbieten möchte, sollte sich aber respektvoll nähern. Nicht jeder der auf einer Bank sitzt ist obdachlos, aber vor allem sollte daran gedacht werden, dass die Situation in der sich ein Obdachloser befindet durchaus mit Scham begleitet ist,“ betont Stärz. Es kann jederzeit für Hilfe bei der Caritas angerufen werden, sollte die Situation aber lebensbedrohlich sein – schläft eine Person zum Beispiel bei Minusgraden im Freien, ist die Polizei der richtige Ansprechpartner. Franca Winkler

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