Harmonisches Quartett

Podiumsdiskussion im Tölzer Kurhaus: Vier Kandidaten kämpfen um das Bürgermeisteramt

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Einer wird Bürgermeister: (v.l.) Ingo Mehner (CSU), Franz Mayer-Schwendner (Grüne), Michael Ernst (SPD) sowie Michael Lindmair (FWG) stellen sich den Fragen von Moderatorin Veronika Ahn-Tauchnitz.

Bad Tölz – Souverän, auch rhetorisch geschickt, moderierte die Tölzer-Kurier-Redaktionsleiterin Veronika Ahn-Tauchnitz durch einen launigen Abend im vollen Kurhaus. Dort verfolgten rund 400 Bürger und nochmal etwa 100 Live-Stream-Zuschauer gespannt die Fragen und Antworten der vier Bürgermeisterkandidaten, die bei der Kommunalwahl im März die Nachfolge von Josef Janker antreten wollen. Es zeigte sich: recht harmonisch gingen dabei die vier Herren der vier unterschiedlichen Parteien mit sich um. Hier ein Auszug der umfangreichen Themen, die von bezahlbaren Wohnungsraum bis Klimaschutz reichten.

Da war Ingo Mehner (CSU), der Volksnahe, der vor der heutigen Veranstaltung an fast jeder Haustür von Tölz geklingelt hat. Der 42-Jährige Jurist betonte, dass ihn dabei keiner rausgeschmissen habe, aber auch nicht jeder die Tür aufgemacht hatte. Neben ihm am Tisch, der Grünen-Stadtrat Franz Mayer-Schwendner. Der 60-Jährige Tölzer bewies an diesem Abend ein gutes Zahlengedächtnis, wenn es um touristische und wirtschaftliche Statistiken ging, zeigte aber auch Biss, als die Runde etwa über die hiesige Klimapolitik sprach.

Der Neue im kommunalen Geschäft, ist Michael Ernst, der 40-Jährige tritt für die SPD an, als „Querdenker“ will er frischen Wind in das Rathaus bringen – unbelastet von der „ganzen Vergangenheit“, wie er selbst von sich sagt. Der vierte im Bunde: Michael Lindmair (42), der für die Freie Wählergemeinschaft ins Rennen geht, wirkte bürgernah und sprach in ihrer Mundart: „Tölz is mei Hoamat“. Auch hat er sich von seinem Herzinfarkt erholt. „Ich bin fitter denn je“. Und ist gelassener: „Muss heute nicht an vier Terminen gleichzeitig sein.“

Bezahlbarer Wohnraum

Ahn-Tauchnitz stieg gleich mit dem Top-Thema in die Diskussionsrunde ein: dafür haben nämlich die Tölzer Bürger vorab online abgestimmt, was sie bewegt. Es lautet: „bezahlbarer Wohnraum“. Die Bürgermeisterkandidaten sollten konkret Konzepte vorstellen, „damit Menschen dieser Stadt eine Wohnung finden“.

Dies ist laut Mayer-Schwendner notwendig, insbesondere für „Leistungsträger mit geringeren oder mittleren Einkommen wie Polizisten und Krankenschwestern“. Sozialgerechte Bodennutzung müsse deshalb weiter ausgebaut werden. Eine Herzensangelegenheit seien zudem Wohnbaugenossenschaften, „die ein lebenslanges bezahlbares Wohnen garantieren“.

Lindmair kritisierte, dass in den vergangenen Jahren der bezahlbare Wohnraum „völlig vernachlässigt wurde“. Grund: es fehlten staatliche Fördermittel, betonte er. Die Stadt müsse Wohnbauprojekte öffentlich ausschreiben und festlegen, was gebaut werden dürfe. Er fordert eine „stadteigene kommunale Wohnbaugesellschaft zu gründen“. Der Vorteil sei eine bessere Planung bei der Durchführung und den Baukosten.

Mehner betonte die Deckungsgleichheit der politischen Fraktionen: „Alle im Stadtrat haben für die Osterleite gestimmt, sind für den Bebauungsplan Zwickerwiese“. Wichtig ist seiner Meinung nach: „Die Stadt muss selber bauen und somit den Wohnungsbestand erhöhen.“ Mit Einschränkung im Außenbereich: „Wir wollen Tölz nicht weiter in die Natur vorantreiben.“ Die Stadt müsse im Innenraum verdichtet werden. Bautechnisch in die Zukunft schauen, ist Ernst wichtig: „Wir können heute 800 Wohnungen schaffen, dann haben wir aber in zwei Jahren wieder das Problem.“ Insbesondere fehle es derzeit in der Kurstadt an Ein- und Zwei-Zimmer-Wohnungen. Um dafür Geschossbauten bezahlbar zu verwirklichen, könnte sich Ernst konkret die Holzständerbauweise gegenüber eines Massivbaus durchaus vorstellen. Auch eine sogenannte Tiny House-Siedlung „für, in und um Tölz“ wäre seiner Meinung nach möglich.

Mehner: „Wir dürfen auf keinen Fall Riesengebiete ausweisen mit hunderten von Wohnungen, denn damit werde Zuzug generiert“. Es gelte den Zuzug-Druck von außerhalb zu beachten. „Tölzer brauchen den Wohnraum.“ Mayer-Schwendner sieht das genauso: „Wir haben ein Bevölkerungswachstum seit 1990 von 1,2 Prozent pro Jahr. Das ist deutlich zu viel.“ Daher sei das politische Ziel aller Fraktionen der Stadt: ein Zuwachs von 0,5 Prozent. „Wir wollen den Zuzug bremsen.“

ÖPNV und Parkplätze

„Mehr Menschen schaffen auch Verkehr.“ Auch dafür gingen laut Ahn-Tauchnitz viele Bürgerfragen, insbesondere von Senioren ein. Ein konkretes Beispiel: Wer zur Podiumsdiskussion ins Tölzer Kurhaus mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln kommen wollte, hätten ein Problem gehabt: „Sie kommen nicht mehr mit dem Bus nach Hause“, schilderte die Tölzer-Kurier-Redaktionsleiterin die Situation der Nicht-Autofahrer.

Mayer-Schwendner möchte nicht, den „starren ÖPNV weiter ausbauen, weil die Busse ganz oft leer herumfahren“. Die Kosten für die Stadt liegen dafür bei rund 210.000 Euro pro Jahr. Er schlägt vor: Ergänzend zu den beiden Stadtbuslinien brauche es eine Netzverdichtung durch kleine Busse, die flexibel Altenheim, Ärzte, Marktstraße oder etwa Einkaufszentren anfahren.

Lindmair fordert einen vernünftigen ÖPNV-Fahrplan: Vom Badeteil zur Flinth­öhe brauche es 42 Minuten. „In der Zeit gehe ich zu Fuß. Aber es gibt viele Leute, die das nicht können.“ Eine Lösung sieht er in einem sogenannten Anruf-Sammel-Taxi, das eine bestimmte Linie fährt, aber nur wenn es gebraucht wird. Bezahlt werde ein maximaler Preis, „der übersichtlich ist“. Ernst wohnt beim Hotel „Am Wald“ und weiß um die Busfahrtstrecke zur Flinthöhe. „Es ist genauso umständlich wie vom Badeteil aus.“ Er befürwortet eine Mischung aus gezielterer Linienführung mit Kleinbussen und Sammel-Taxi. Auch Mehner ist mit dem Radl schneller unterwegs als mit jedem Stadtbus, sagt er. Bei seinen rund 3.000„Haustürgesprächen“ bestätigten Bewohner der Karwendelsiedlung den Wunsch nach direkten Busverbindungen. „Aber Kleinbusse können die Großen nicht ersetzen. Das ist nicht wirtschaftlich.“

Zur Parksituation in der Stadt erwähnte Ahn-Tauchnitz die wegfallenden öffentlichen Stellplätze im Gries und am Taubenloch: „Wo sollen die Tölzer noch parken?“, fragte sie. Im Gries werden laut Mayer-Schwendner von den 115 Parkplätzen 45 wegfallen. „Das ist es an der Stelle auch wert, weil dadurch der Stadtteil aufgewertet wird. Die Anwohner können zukünftig die Stadtwerke-Stellplätze an der Osterleite oder gegenüberliegenden Isarseite nutzen. Die Idee des Fußgängerüberwegs per Isarsteg sollte wieder aufgegriffen werden, so Mayer-Schwendner, der auch die Stellplätze am Taubenloch für Handel und Gastronomie erhalten möchte. Lindmair und Ernst möchten ein zweistöckiges Parkhaus bei den Stadtwerken hinstellen. „Ein Deck für die Gries-Anwohner mit Jahresticket.“ Mehner plädiert für mehr zusätzliche Kurzzeitparkplätze in der Stadt, für kurze Erledigungen, um dafür nicht die anderen Parkplätze nutzen zu müssen.

Entwicklung Badeteil und Tourismus

Das zweitwichtigste Thema für die Tölzer Bürger nach „bezahlbaren Wohnraum“ ist die „Zukunft des Badeteils“. Ahn-Tauchnitz wollte von den Kandidaten wissen wie sie sich diesen Tölzer Ortsteil in elf Jahren, kurz vor einer möglichen Wiederwahl, vorstellen.

Ernst sieht dort Wohnungen für Familien, aber auch Angestellte, die dort arbeiten und eine belebte Wandelhalle mit Gastronomie. „Es ist möglich, dort Lösungen zu finden.“ Mehner sieht Abwechslung statt „nur Wohnen oder nur Hotel“-Diskussion zur Belebung des Viertels. Ruhige Betriebe wie etwa eine Werbeagentur sowie am Vichyplatz einen Wochenmarkt zu starten.

Nach sechs Jahren, auch wenn es theoretisch möglich wäre, wird Mayer-Schwendner nicht mehr als Bürgermeister antreten, falls er nun ins Amt gewählt werde. „Insofern muss ich jetzt Gas geben“, sagte er und möchte fürs Badeteils: „ein lebendiges Viertel ohne endlosen Streit“ und betonte: „Die Stadt muss eine maximale touristische Position einnehmen, weil sie im Klageverfahren mit der Jod-AG ist.“ Lindmair will ebenso keinen „Stillstand und Verfall“ im Badeteil: „Wir brauchen dort eine Mischung. Die Bad- und Ludwigstraße ist das touristische Zentrum.“ Touristisch betrachtet, liegt laut Mayer-Schwendner die Zukunft im regionalen Erleben. „Die Stadt sind wir alle.“ Mehner definiert die Stärke als „Kultur- und Sportstadt.“ Lindmair: „Wir haben kein Angebot für Seminare, deshalb brauchen wir es.“ Ernst: sieht den Wildfluss Isar als Magnet, da der Tourismus „aktiver“ werde.Daniel Wegscheider

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