Mehr als Pippi-Langstrumpf-Socken

„Poller-Mützen-Aktion“ in Tölz: Inklusionsbedarf für Sehbehinderte

Die Pfosten an der Tölzer Marktstraße mit „Wollmütze“.
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Vorher: Die Pfosten an der Tölzer Marktstraße mit „Wollmütze“.
  • Daniel Wegscheider
    VonDaniel Wegscheider
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Bad Tölz - Inklusionsbotschafter Markus Ertl macht mit Aktionstag des Blinden- und Sehbehindertenverbands auf ein Problem aufmerksam.

Jüngst haben sich wohl viele Passanten am Eingang zur Tölzer Marktstraße gefragt: was sollen dort die rot-weiß-geringelten Socken über den Straßenpfosten? Zu sehen waren sie nur für einen Tag. Jetzt glänzen die Metallstangen wieder blank – nun allerdings mit einem ebenfalls rot-weißen Bapperl markiert. Was dahinter steckt erklärt der hiesige Inklusionsbotschafter Markus Ertl, der mit der Aktion auf ein Problem aufmerksam machen wollte, das wohl die ganze Stadt betrifft.

Nachher: Die Pfosten an der Tölzer Marktstraße jetzt wieder ohne Mützen, dafür markiert.

Markus Ertl feiert heute seinen 48. Geburtstag. Und auch wenn er in seinem Leben schon einiges erlebt hat, gesehen hat er davon nicht viel. Den der Lenggrieser gilt nach gesetzlicher Richtlinie betrachtet als blind. „Ich kann noch Kontraste wahrnehmen, wenn das Licht passt“, schildert er aus Sicht als Betroffener.

Die Betroffenen sind Menschen, die vom Sehverlust betroffen oder bedroht sind oder visuell rein gar nichts mehr wahrnehmen. „Blind ist nicht gleich blind“, erklärt Ertl. Für sie alle setzt sich deutschland- und bayernweit der Blinden- und Sehbehindertenverband ein, der jährlich Anfang Juni zu einem Aktionstag aufruft, um der Gesellschaft die Augen zu öffnen und sie für den Bedarf der Betroffenen zu sensibilisieren. Heuer lautete das Motto „Pollermützen für mehr Sicherheit auf Gehwegen.“

Inklusionsbotschafter Markus Ertl

Ertl entschied sich erst spät an der Aktion teilzunehmen, doch als Betroffener und Inklusionsbotschafter war es für ihn auch heuer wieder eine wichtige Botschaft, die es zu vermitteln gilt. Sein Titel ist übrigens nicht offiziell, wie etwa der des Landkreis-Behindertenbeauftragten. Ertl erhielt ihn im Landkreis eher als eine Art Rufnamen, da er für Projekte von Aktion Mensch oder dem Interessenverband Selbstbestimmt Leben, hierzulande immer wieder mal für die Inklusion und Barrierfreiheit als Botschafter auftrat.

Poller sind rein rechtliche Verkehrseinrichtungen

So wie jetzt. Ertl hatte vom Sehbehindertenverband nur zwei Mützen für die Poller-Aktion erhalten, also kaufte er noch im Faschingsladen ein paar Pippi-Langstrumpf-Socken nach und stülpte sie über die Pfosten an der Marktstraße. Um aufzuzeigen, dass kontrastarme Hindernisse auf Gehwegen für Menschen mit Sehbehinderung eine Gefahr darstellen und sie markiert werden müssen. Vor Ort gab es laut Ertl gleich positiven Zuspruch. „Die Passanten fanden es super. Keiner hat gesagt das ist Käse.“

Auch die Stadt bekundete laut Ertl erst einmal „seine Sympathie“ für die „Mützen-Aktion“. Doch das Straßenverkehrsordnungsamt am Landratsamt musste einschreiten, da es sich um einen „gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr“ handle. Rathaus-Sprecherin Birte Otterbach bestätigt dies: „Bei diesen Pollern handelt es sich rein rechtlich um Verkehrseinrichtungen, die nicht verändert werden dürfen.“ Und so stülpte Ertl die präservativ-artigen Wollstrümpfe wieder von den Stangen herunter, es ging ihn nicht um Provokation. „Mir persönlich geht es nicht darum, Leute anzugreifen, sondern für das Thema zu sensibilisieren“, erklärt Ertl.

Brennpunkt städtische Barrierefreiheit

Vielmehr solle das Bewusstsein bei den Bauämtern in den Kommunen auf ein wichtiges Thema aufmerksam gemacht werden. „Insgesamt wird die Kontrastierung in öffentlichen Gebäuden total vergessen. Dort müsste bei jedem Umbau darauf geachtet werden“, betont Markus Ertl.

Seiner Meinung nach, werde das nicht. „Auf jede Treppe im öffentlichen Raum gehört auf die unteren und oberen zwei Stufen ein Kontrast. Mich hat es schon oft eine Treppen heruntergehaut, ich weiß wie weh das tut.“ Ertl betont weiter: „Blinde brauchen einen Leitstreifen und Sehbehinderte einen Kontraststreifen.“ Beides vermisst er etwa im Landratsamt und den meisten Rathäusern im Landkreis.

Rüsten jetzt nach

Birte Otterbach betont indes die barrierefreie Umgestaltung des Tölzer Stadthauses. Dort wurden im Zuge der Sanierung zwei Aufzüge für einen barrierefreien Zugang zum Sitzungssaal geschaffen. „Im Rathaus verfolgen wir auch das Prinzip der Begleitung: Menschen, die Unterstützung benötigen, werden gebeten, sich in den Zentralen Diensten gleich beim Eingang zu melden. Dort werden sie dann vom jeweiligen Sachbearbeiter abgeholt.“ Ertl fragt sich dagegen: „Wie soll ich zu der Zentrale im Haus ohne Blindenleitsystem überhaupt finden?“

„Blindenleitsysteme in öffentlichen Gebäuden sind wichtig“, erklärt Ertl: Der Lenggrieser sitzt als Freier Wähler in seiner Heimatgemeinde am kommunalen Ratstisch. „Wenn ich jedoch im Tölzer Stadtrat wäre, müsste ich jedes mal betteln, dass mich dort jemand hinführt“, sagt er im Hinblick auf das dortige Rathaus. Neulich habe er auch mit dem Bürgermeister von Benediktbeuern gesprochen, „die haben bisher auch nicht daran gedacht.

Sie rüsten jetzt nach“, berichtet Ertl weiter. Für den Inklusionsbotschafter sollten alle öffentlichen Gebäude, wie die Rathäuser, ein Blindenleitsystem haben, das zumindest zum Ratsaal, den Toiletten und der Zentralen Info geleiten sollte – am besten schon von der Straße aus ins Gebäude.

Kritik: fehlende Leitsysteme auf öffentlichen Plätzen

Ertl holt weiter aus: Derzeit seien ihm nur zwei Leitsysteme für Sehbehinderte in Tölz bekannt. Einmal an der Bushaltestelle an der Südschule sowie am Tölzer Bahnhof. Letzteres „ist schon so alt, das es schon wieder schlecht ist“, sagt er. Gerade Bereiche wie der Amortplatz mit seinen Ketten zwischen den Pollern, stelle für Sehbehinderte einen „Gefahrenpunkt“ dar – ebenso Übergänge an Kreisverkehren und Ampelanlagen.

Ertl kritisiert weiter die barrierefreie Bauplanung im Gries: „Ich bin kein Freund vom klassischen Kopfsteinpflaster, wie auf der Marktstraße.“ Diese Pflastersteine seien einfach „total schwierig für Rollstuhlfahrer“. Ertl kennt viele Plätze, vor denen Rollstuhlfahrer Angst haben und sagen, „da kann ich mich nicht im öffentlichen Raum bewegen“.

Barierefreiheit „ist ein wichtiges Thema auf das die Stadt Wert legt“

Ertls Aussagen kann Otterbach nicht stehen lassen: „Barrierefreiheit ist ein wichtiges Thema, dem die Stadt viel Aufmerksamkeit widmet“, betont die Tölzer Rathaus-Sprecherin und weiter: „Immer wieder wird viel Wert darauf gelegt, auf die diversen Handicaps der Menschen durch bauliche Maßnahmen zu reagieren.“

So werde zum Beispiel der Ausbau der Frei- und Verkehrsflächen im Gries, der im Juli beginnt, mit einem Pflaster erfolgen, das von der zuständigen Fachbehörde als barrierefrei eingestuft sei. „Die hohen Bordsteinkanten werden verschwinden“, erklärt Otterbach. Eine kleine taktile Kante ermögliche es zudem, „die Grenze des Straßenraums zu ertasten“. Und auf der Marktstraße seien die Wege entlang der Hauszeilen mit glatterem Kopfsteinpflaster gestaltet, „sodass etwa das Schieben eines Rollators leichter möglich ist“.

Rathaus-Sprecherin Birte Otterbach

Laut Otterbach ist auch beim kürzlich eröffneten Kneippgarten auf Barrierefreiheit geachtet worden: kontrastreicher Boden, Geländer in der Beckenmitte, unterfahrbare Armbecken sowie breite Wege. Generell sei die Kommunale Sozialplanung der Stadt Bad Tölz Anlaufstelle für alle Fragen rund um Barrierefreiheit. Dafür stehe der Leiter Franz Späth als Ansprechpartner zur Verfügung. „Er hat in allen entscheidenden Gremien die Belange von gehandicapten Menschen im Blick“, sagt Otterbach.

Ertl wünscht sich diese Verantwortung: „Barrierefreiheit sollte genauso ernst genommen werden wie der Brandschutz. Dann hätten wir schon gewonnen.“ Einig sind sich der Inklusionsbotschafter und die Stadt: „Fehlende Barrierefreiheit gefährdet die Gesundheit für Menschen mit Behinderung.“

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