Sorge um den Nachwuchs

Presse-Statement: Jugendarbeiter und Streetworker fordern mehr Spielraum

Ein Screenshot vom Zoom-Meeting mit Rudi Mühlhans, Geschäftsführer der Jugendarbeit Geretsried.
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Im Zoom-Meeting klärten unter anderem Max Aichbichler vom Kinder- und Jugendförderverein Wolfratshausen Sandra Kresta die Geschäftsführerin vom Kreisjugendring (KJR) Bad Tölz-Wolfratshausen sowie Rudi Mühlhans, Geschäftsführer der Jugendarbeit Geretsried (im Bild) über die prekäre Lage auf.

Landkreis – Angebote der Jugendhäuser stehen wie viele andere Aktionen wegen der Corona-Pandemie still. Sie finden nur noch bedingt oder unzureichend in einem digitalen Rahmen statt.

Dass sich das auf die psychische Gesundheit junger Menschen auswirkt, wissen vor allem die Träger der Jugendarbeit im Landkreis Bad Tölz- Wolfratshausen. Bei einem virtuellen Pressegespräch per Zoom vergangene Woche äußern sie ihre Bedenken und appellieren an die Politik, den Nachwuchs bei weiteren Maßnahmen mehr miteinzubeziehen.

Eine brisante Frage beschäftigt die Vereinsvertreter besonders: Wie kann Jugendlichen in Zeiten derartig massiver Einschränkungen geholfen werden? Die Antwort darauf wäre einfach. Organisationen, Jugendarbeiter und Streetworker bräuchten mehr Freiraum. „Offene Jugendarbeit ist zulässig“, erklärt Rudi Mühlhans, Geschäftsführer des Trägervereins Jugend- und Sozialarbeit Geretsried und verweist dabei auf § 11 (Jugendarbeit), Achtes Buch (Kinder- und Jugendhilfe) des Sozialgesezbuches (SGB). Darin verankert: „Jungen Menschen sind die zur Förderung ihrer Entwicklung erforderlichen Angebote der Jugendarbeit zur Verfügung zu stellen.“ Schon deshalb ist für Mühlhans das Außeracht lassen seiner Arbeit in den Corona-Strategien „nicht nachvollziehbar.“

Auch fragt sich Mühlhans wie sinnvoll Corona-Regelungen sind, wenn sie hinter verschlossenen Türen oder im Geheimen ohnehin gebrochen werden. „Jugendliche treffen sich definitiv in ihrer Freizeit“, ist er sich sicher. „Es kann nicht sein, dass ein 14-Jähriger 100 Euro Strafe zahlen muss, weil er sich draußen mit zwei gleichaltrigen Mädchen trifft“, schildert er an einem Beispiel. Der Vereins-Chef spricht von einer unverständlichen Doppelmoral.

Max Aichbichler vom Kinder- und Jugendförderverein Wolfratshausen sorgt sich vor allem um das mentale Wohlbefinden der Heranwachsenden. „Es wird immer von Hygienekonzepten gesprochen. Was aber ist mit der Psychohygiene?“, wirft er ein.

Christian Obermaier vom Geretsrieder Jugendtreff „Ein-Stein“ listet in einer Stellungnahme der Träger der offenen und verbandlichen Kinder- und Jugendarbeit im Landkreis verschiedene Auswirkungen des Lockdowns auf junge Menschen auf. So werde die Zukunftsangst von vielen Jugendlichen kaum oder nicht erkannt. Die Kinder würden in eine virtuelle Welt gedrängt, deren Gefahren sie nicht einschätzen können. Die Flucht in „andere Welten“ könne zudem zu Drogenproblemen und Spielsucht führen.

„Nase voll von Online-Angeboten“

Sandra Kresta, Geschäftsführerin vom Kreisjugendring (KJR) Bad Tölz-Wolfratshausen merkt weiter an, dass ehrenamtliche Jugendleiter verloren gehen würden. „Die digitalen Weiterbildungen sind einfach nicht dasselbe“, sagt sie. Dekanatsjugendreferent Dieter Hoff von der Evangelischen Jugend Bad Tölz teilt diese Ansicht. „Die Leute haben die Nase voll von Online-Angeboten.“

Der Streetworker Marcus Kolm vom Don-Bosco-Club Benediktbeuern nimmt außerdem an, dass sich frische Streetworker nach der langen Lockdown-Pause schwer tun könnten sich bei der Jugend zu etablieren.

Franz Späth, Leiter der Tölzer Jugendförderung warnt davor Schüler mit Heranwachsenden gleichzusetzen. Für ihn sind Kinder- und Jugendliche eben nicht nur Schüler. „Sie sind die Zukunft der Gesellschaft“, sagt Späth. Bei einer weiteren Corona-Abwägung müsse man sie unbedingt mit einbeziehen. „Es wird vergessen, was wir mit unserer Jugendarbeit leisten können“, erläutert er. Wenn die Förderung und Arbeit mit jungen Menschen nicht in einem erlaubten Rahmen stattfinden dürfe, dann würde das einen Kollateralschaden für alle bedeuten.

Für Kinder- und Jugendliche bräuchte man dringend wieder konstante Präsenzangebote. „Unsere Hygienekonzepte sind gut ausgearbeitet“, weiß Kresta. Und auch Josef Birzele vom Verein zur Förderung von Kindern und Jugendlichen in Königsdorf versteht nicht, warum die Jugendarbeit so vernachlässigt wird. „Die Gebäude können gut durchgelüftet werden. Warum werden sie nicht genutzt?“, fragt er. Zudem gäbe es feste Gruppen mit den gleichen Personen, ergänzt Kresta.

Befragung: „Meine Stimme zu Corona“

An der, von der Geretsrieder Jugendarbeit initiierten Umfrage, können Kinder ab der 5. Klasse und junge Erwachsene bis Jahrgang 2000 noch bis Mittwoch, 10. März, teilnehmen.

Ziel der Befragung: Ein Blick auf die Lebenslage junger Menschen. Neben Themenbereichen wie der Beschulung werden auch Aspekte wie Freizeit, Freunde, Medien und Politik abgefragt. Der Trägerverein Jugend- und Sozialarbeit will damit der Öffentlichkeit einen besseren Einblick in die momentane Lebenswelt von Kindern- und Jugendlichen geben. Um mitzumachen, dem angegebenen Link folgen unter www.jugendarbeit-geretsried.de.

Seit der Pandemie haben alle Kurzarbeit oder sind in Teilzeit angestellt. Am meisten wünschen sie sich eins: Ihre ehrenamtliche und professionelle Kinder- und Jugendarbeit sobald wie möglich wieder aufzunehmen. Viktoria Gray

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