Mit dem Rollstuhl nach Tibet

Wunderfalke-Vortrag: Abenteurer Andreas Pröve macht Menschen mit Handicap Mut

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Der gewiefte Tüftler Andreas Pröve hat seinen Rollstuhl für seine Bedürfnisse optimiert. So kann er zum Beispiel einen Reifen flicken, ohne aus seinem Gefährt herauskriechen zu müssen

Bad Tölz – Er ist einer der besten Beweise dafür, sich nicht unterkriegen zu lassen und vieles möglich ist, wenn der Wille da ist: Andreas Pröve (62). Seit einem Motorradunfall vor fast 40 Jahren ist der Schreiner und Zimmerer von der Brust abwärts querschnittgelähmt und sitzt im Rollstuhl. Doch dieses Schicksal hält den erfindungsreichen Abenteurer nicht davon ab, die Welt zu bereisen. Dieses Mal hieß sein Vorhaben: „China – Abenteuer Jangtse“.

Pröve wollte entlang des Jangtsekiang – des längsten Flusses Asiens – von der Mündung bei Shanghai bis hinauf zu einer seiner Quellen im Hochland von Tibet reisen, am liebsten alleine mit seinem speziell präparierten Rollstuhl. Was er dabei alles erlebte, welche Schwierigkeiten sich ihm in den Weg stellten, welche Abenteuer es zu bestehen gab und wem er alles unterwegs begegnete, davon erzählte Pröve am Samstagnachmittag im Kurhaus von Bad Tölz im Rahmen des Wunderfalken-Festivals „Live & Outdoor“

Leider sind nicht viele Besucher gekommen. Mag es dem Corona-Virus geschuldet sein oder das Thema hat nicht so viele Menschen angesprochen. Doch das ist schade. Pröve ist ein toller Typ und guter Referent mit viel Humor, kritischen Kommentaren und tollen Bildern. Die, die gekommen waren, hat er mitgenommen in Megastädte aber auch zu fantastischen Naturparadiesen entlang des großen Flusses. Dabei entpuppte sich seine Einschränkung sogar, wie bei allen seinen Reisen, eher als Türöffner zu den Menschen.

Bessere Barrierefreiheit in China

Die Chinesen zeigten sich als äußerst freundlich und hilfsbereite Menschen. Sie singen und rauchen gerne. Vor allem das Essen spielt eine große Rolle. China ist in Sachen Barrierefreiheit deutlich weiter als wir, was den Rollstuhlfahrer ärgert. Und trotzdem: Die chinesische Regierung legte dem Reisenden immer wieder Hindernisse in den Weg. Das schwierigste war die Grenzüberquerung nach Tibet.

Tibet war dicht. Es war kein Durchkommen möglich. Pröve unterbrach seine Reise, flog heim und startete neu organisiert und mit Hilfe eines chinesischen Freundes einen zweiten Versuch. Und dieses Mal klappte das Vorhaben und er erreichte nach 6.000 Kilometern schließlich als erster Rollstuhlfahrer die Quelle des Jangtse in Tibet auf über 5.000 Meter Höhe.

Wenig Verständnis für Menschen mit Handicap

Ohne seine Willenskraft, seinen Mut, sein Selbstvertrauen und seinen Einfallsreichtum könnte Pröve nicht solche Abenteuer erleben. Doch für viele Menschen mit Behinderung ist der normale Alltag manchmal schon eine echte Herausforderung. Deutschland ist in Sachen Inklusion noch immer ein Entwicklungsland. Aus diesem Grund nutzten er und der Veranstalter der Wunderfalken-Reihe, Steffen Heyn, den Vortrag auch als Plattform, um über das Thema zu sprechen. Dazu lud Heyn andere Betroffene aus der Region ein, um über Verbesserungswünsche zu sprechen. Es fehle noch immer am Verständnis für die Schwierigkeiten, die Menschen mit Handicap bei manchen, uns selbstverständlich erscheinenden Dingen haben, darüber schienen sich alle einig zu sei.

Nur so könne man erklären, warum auch neugebaute Bahnhöfe wie der in Kassel und neue Zugwagons noch immer nicht barrierefrei geplant und gebaut werden. Gerade der ÖPNV und leider auch noch immer viele öffentliche Einrichtungen und Ämter haben sich noch nicht auf die Bedürfnisse von Menschen mit Handicaps eingestellt. Das betrifft nicht nur Rollstuhlfahrer, sondern auch Blinde und Gehörlose. Informationen, die nur durchgesagt werden oder nur an Infotafel geschrieben werden, sind für jeweils einen Teil der Betroffenen unzugänglich. Dabei wäre Inklusion mit heutiger Technik kein großer Aufwand und würde vielen Menschen, die es eh nicht immer leicht haben, zu mehr Selbstbestimmtheit und Freiheit verhelfen. Marion Bürkner

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