Insolvenzverwalter will Schadensersatz / Landratsamt verteidigt Schließung

Schlagabtausch um ehemalige Metzgerei Sieber in Geretsried

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Die Sieber-Großmetzgerei in Geretsried gibt es nicht mehr, dort befindet sich nun die Pizzafirma Gustavo Gusto

Geretsried – Der Fall Sieber schlägt wieder mediale Wellen. Der Metzgereibetrieb ist aufgrund eines fahrlässigen Verstoßes gegen das Lebensmittelrecht geschlossen worden, der damalige Geschäftsführer wurde zu einer Geldstrafe verurteilt. Aber für Insolvenzverwalter Dr. Josef Hingerl geht es weiter: er erachtet und kritisiert die damalige behördliche Entscheidung als falsch und fordert Schadensersatz vom Staat – in Summe zwölf Millionen Euro. Mit der Forderung will er – wenn nötig – bis zum Bundesgerichtshof. Die Prozesskosten für die erste Instanz sind nun über ein sogenanntes Crowdfunding finanziert worden. Auch das Landratsamt meldet sich wieder zum Sieberprozess – mit scharfen Worten.

Auslöser im Prozess Sieber war vor vier Jahren ein mit Listerien verseuchtes Wammerl, das letztendlich dafür sorgte, dass die in Geretsried an der Böhmerwaldstraße ansässige Großmetzgerei für immer geschlossen wurde. Das Fleisch stammte nachweislich aus dem Betrieb. Insolvenzverwalter Dr. Josef Hingerl sieht nach wie vor die Betriebseinstellung als nicht gerechtfertigt an und betont in seiner Pressemitteilung: „Es wurde eine einzige Grenzwertüberschreitung behauptet.“ Und: Nach dem Vorfall im März 2016 habe es keine Grenzwertüberschreitung mehr durch die Firma Sieber gegeben.

Um die Prozesskosten für die Schadensersatzklage zu finanzieren, startete Hingerl eine Crowdfunding-Aktion. Benötigt wurden 250.0000 Euro. „Durch Anzeigen im deutschsprachigen Raum in der Lebensmittelverarbeitenden Industrie konnte ein großer Teil des Betrages aufgebracht werden“, so Hingerl, der die Unterstützer namentlich nicht erwähnt. „Der Zivilprozess ist die letzte und nunmehr noch einzige Möglichkeit, die Rechtmäßigkeit der Betriebseinstellung zu überprüfen“, schreibt Hingerl in seiner Presseerklärung weiter. Denn: „Wenn die Entscheidung falsch war, erfolgt der Ausgleich nach unserem Rechtssystem über einen Schadensersatz durch den Staat.“

Für das Landratsamt ist der Fall Sieber eindeutig und damit auch abgeschlossen, da „vor Ort Proben genommen“ und in mehreren Listerien nachgewiesen wurden, schreibt Landratsamtssprecherin Marlis Peischer. 

Landratsamt beruft sich auf Fakten: Gefährlicher Listerienstamm CT 1248 in Sieber-Lebensmittel nachgewiesen

Fakt sind für das Landratsamt Zahlen: „Mindestens vier Menschen waren gestorben, mindestens zwei Frauen hatten einen Abort und mindestens 70 Menschen waren schwer erkrankt, teilweise im mehrwöchigen Koma“, schreibt Marlis Peischer.

Verantwortlich dafür war ein spezieller Erreger: Fieberhaft sei nach dem Listerienstamm CT 1248 gesucht worden, über 500 Proben von in Lebensmitteln gefundenen Listerien seien bundesweit untersucht worden. „Ohne Erfolg“, berichtet Peischer, „bis man die fraglichen Listerien in dem Wammerl fand.“ Im besagten Wammerl der Firma Sieber.

Im Zuge der Ermittlungen wurden in Geretsried bei Sieber vor Ort und in verschiedenen Verkaufsstellen Proben genommen. „In mehreren war der Stamm CT 1248 nachweisbar“, betont Peischer. Konkret waren kontaminierte Stücke Würste unterschiedlicher Sorten betroffen.“

Da nicht nachweisbar war, wie die Listerien in die Lebensmittel gelangten, mussten laut Peischer die Behörden den Vertrieb untersagen, „um die Verbraucher zu schützen“. Und: „Seit die Produkte von Sieber vom Markt genommen worden sind, gab es keinen einzigen Fall mehr, der durch den Listerienstamm CT 1248 ausgelöst wurde“. dwe

Der Fall Sieber – ein Rückblick

Zwei Prozesstage benötigte damals das Amtsgericht Wolfratshausen, um Dietmar Schach den fahrlässigen Verstoß gegen das Lebensmittelrecht nachzuweisen. Der ehemalige Geschäftsführer der insolventen Geretsrieder Großmetzgerei Sieber wurde dafür verantwortlich gemacht, dass im März 2016 ein mit sogenannten Listerien verseuchtes Wammerl in den Handel gelangte. Gefährlich: Bei Babys, Senioren und Menschen mit geschwächtem Immunsystem kann die Listeriose genannte Krankheit schlimme gesundheitliche Folgen haben. Am zweiten Prozesstag sagte dann ein Erlanger Gutachter aus, der die Verunreinigung bei der Probe des aus einem Supermarkt (Rewe) bei Nürnberg entnommenen Wacholder-Wammerls von Sieber festgestellt hatte. Demnach liegt der Grenzwert für Listerien normalerweise bei 100 koloniebildenden Einheiten pro Gramm. Gefunden wurden in der Probe jedoch 190.000. Am Ende verurteilte Richter Helmut Berger den Geschäftsführer zu einer Geldstrafe von insgesamt 900 Euro. 



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